Zurück   Startseite   Druckversion 26. Juni 2003/8. November 2012

An der Schnittstelle zwischen Bildungsangebot und Hochkultur

Von Jasmin- Martina Walker
Fotos von Dieter W. Weinstock

Einen außergewöhnlichen Weg an der Nahtstelle zwischen dem klassischen Bildungsangebot der Volkshochschulen und der Auseinandersetzung
Kunststation Kleinsassen
Kunststation Kleinsassen
mit dem, was gemeinhin als Hochkultur oder professionelle Kunst genannt wird, hat die Volkshochschule des Landkreises Fulda in Zusammenarbeit mit dem Landkreis beschritten. Seit 1979 ist die Volkshochschule Träger der Kunststation Kleinsassen.

In dem 400-Seelen-Dorf am Fuß der Milseburg, unweit der Kreisstadt Fulda ist seither eine Begegnungsstätte für Kunstinteressierte, Künstler, Nachwuchskünstler und experimentierfreudige Sammler entstanden sowie für alle, die erste eigene Gehversuche im Bereich der bildenden Kunst wagen wollen. Aber auch Kunstkritiker haben in der Kunststation Kleinsassen die Möglichkeit, theoretisches Wissen um praktische Erfahrungen zu ergänzen.

Kultur in der ehemaligen Dorfschule

Im Mittelpunkt des Kulturversuchs der Volkshochschule steht seit Anfang der 80er Jahre die ehemalige Dorfschule, die 1979 zur Kunststation umfunktioniert wurde. Insgesamt über 1100 Quadratmeter Ausstellungsfläche verteilen sich auf drei Hallen, die schrittweise angebaut wurden: Raum für Expositionen national und international renommierter Künstler, aber auch für Nachwuchskünstler. Das Dachgeschoß hält eine Gästewohnung für Künstler bereit, die auf Einladung zu längeren Studienaufenthalten in der Begegnungsstätte wohnen. Parallel bietet die ehemalige Schule Raum für Symposien, Workshops und Kurse.

Breite Zielgruppe

Adressaten sind Laien und professionelle Künstler. Auf diese Weise bietet die Kunststation Kleinsassen sowohl Raum für
Kunststation Kleinsassen - Halle 1
Kunststation Kleinsassen - Halle 1
die Weiterbildung der Volkshochschulteilnehmer als auch für die ihrer Dozenten, die häufig ihr Künstlerdasein als Lehrer in der Volkshochschule finanziell untermauern. Geschlossen wird aber auch die Schnittstelle zwischen Schule und Hochschule. So werden Vorbereitungskurse für die Aufnahmeprüfungen an Kunsthochschulen angeboten. Anknüpfend an eine alte Tradition des Malerdorfes Kleinsassen gelang es der Institution, neue Kontakte - unter anderem zu den Kunstakademien in Kassel, Warschau, Cluj (Rumänien), Sarajewo, Leipzig und Dresden - aufzubauen. Zusammen mit ihren Schülern reisen Professoren dieser Hochschulen in das Künstlerdorf, um in der Kunststation Kleinsassen temporär zu arbeiten.

Darüber hinaus verlieh der Landkreis von 1988 bis 2005 Stipendien an professionelle Künstler. Das Stipendium der Kunststation Kleinsassen zählte zu den bestdotierten Gratifikationen im Bereich der bildenden Kunst in Deutschland. Im Gegenzug öffnete der Stipendiat einmal pro Woche seine Werkstatt. Besucher konnten in diesem Offenen Atelier nicht nur dem Künstler begegnen, sondern aktiv und passiv an Gestaltungsprozessen teilhaben und ihre persönlichen Fertigkeiten und Kenntnisse entwickeln.

Malertradition fortsetzen

Auf der Suche nach einem geeigneten Lehrer im Bereich Malen stieß der Leiter der Volkshochschule Mitte der 70er Jahre auf den aus Polen emigrierten Künstler Jürgen Blum. Blums Traum war es, in Gebäuden, die ihrer Funktion beraubt wurden, Kunst für jedermann zugänglich zu machen: Hier trafen sich künstlerischer Zeitgeist und der Anspruch der Volkshochschulen, ihr Angebot auch im kreativen Bereich zu erweitern.

Etwa zur gleichen Zeit erinnerten sich Bürger in Kleinsassen an die Malertradition des Dorfes, die mit Beginn des Zweiten Weltkriegs erloschen
Kunststation Kleinsassen - Halle 2
Kunststation Kleinsassen - Halle 2
war. Etwa seit 1855 hatte es vor allem während der Sommermonate Maler in das Rhöner Dorf gezogen. Zahlreiche Bilder dieser Künstler schmücken noch heute die Stuben der Ortsbewohner. Die Gäste, überwiegend aus den Akademiestädten Dresden, Weimar, Leipzig, München oder Düsseldorf, belebten das Dorfgeschehen. Auch hatte sich ein Maler der Düsseldorfer Schule 1882 in Kleinsassen niedergelassen. In Verbindung mit einem von ihm erbauten Hotel entstand für viele Jahre ein kleiner kultureller Mittelpunkt am Fuße der Milseburg. Der bekannte Künstler Julius von Kreyfelt wirkte bis 1947 in Kleinsassen. Bestrebt, der kleinen Gemeinde nach der Gebietsreform in den 70er Jahren einen unverwechselbaren Charakter zu verleihen, besannen sich die Dorfbewohner der Tradition, trugen Bilder im Ort zusammen und gestalteten eine kleine Ausstellung im Tanzsaal des Dorfes.

Etwa zur gleichen Zeit hatte auch die Dorfschule ausgedient und fiel der Schulreform zum Opfer. Der Volkshochschule gelang es, die Gemeinde Hofbieber zu bewegen, ihr das zunächst überflüssige Gebäude zur Nutzung als Kunststation zu übereignen.

Kunst in der Provinz

So begann ein einmaliges Experiment, zu einer Zeit, als die
Kunststation Kleinsassen - Halle 3
Kunststation Kleinsassen - Halle 3
Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst zu den Privilegien der Metropolen zählte. Verbunden mit dem Projekt ist seither ein ständiges Ringen um Positionen, Abgrenzungen und Verbindungen, um Ablehnung und Annahme zwischen Profis und Laien, zwischen der Kunststation und der Bevölkerung. Das Angebot der Kunststation Kleinsassen ist vielfältig und reicht von russischer Avantgarde der ersten Generation in Moskau über aktuelle experimentelle Kunst aus aller Welt bis hin zum Mühen von Laienkünstlern aus der Region.

Doch nicht nur über künstlerische Positionen, um die Wandlung der Begriffe wird in Kleinsassen oft kontrovers gerungen. Auch die institutionelle Anbindung der Kunststation Kleinsassen an die Volkshochschule ist nicht unumstritten. Inzwischen versteht sich die Kunststation als eine Einrichtung der Volkshochschule, jedoch mit eigenem Profil und eigenem Budget. Der Leiter der Volkshochschule ist in Personalunion auch Leiter der Kunststation Kleinsassen.

Internationale Kontakte

Die zahlreichen Kontakte zum Ausland, unter anderem auch zu Künstlervereinigungen im ehemaligen Jugoslawien, ließen die Kunststation Kleinsassen zu einem Zufluchtsort für Kriegsflüchtlinge - vorwiegend aus Bosnien und Herzegowina - werden. Zu Kriegsbeginn zeigte die Kunststation beispielsweise eine umfassende Schau des Verbandes Bildender Künstler dieses Landes. Bereits vor der deutschen Wiedervereinigung vermittelte die Kunststation Kleinsassen aufgrund der Zusammenarbeit mit der Sammlung Ludwig "Kunst der DDR" in Oberhausen Einblicke in die bildende Kunst des anderen Deutschlands. Seither präsentierten nicht nur die bereits in der DDR offiziell anerkannten Künstler ihre Werke in dem Dorf an der Milseburg. Ein reger Austausch entstand auch mit Kunstschaffenden aus dem ehemaligen Grenzgebiet sowie mit den Kunstmetropolen Berlin, Dresden und Leipzig.

Die internationalen Kontakte sind kein Zufall, sondern waren von Anfang an Programm. So war und ist die Kunststation Kleinsassen in zahlreiche Auslandskontakte des DVV eingebunden. Vor allem mit Finnland und Slowenien entstanden innige Verbindungen und führten zu einem regen Austausch von Künstlern und Werken.

Die Programme der Kunststation Kleinsassen spiegeln den Umfang der Verbindungen zum Ausland wider: ob Argentinien, Polen, Rußland, die Ukraine oder Rumänien, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch in diesem Jahr geht es wieder international zu, wie das aktuelle, attraktive Jahresprogramm zeigt.


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P. Klingebiel, Fulda

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Das Bild der Kunststation Kleinsassen auf der Startseite ist ein Ausschnitt eines Fotos des Fuldaer Fotografen Andre Druschel
(www.druschel-photography.de).

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