Internationale Positionen zeitgenössischer Steinbildhauerei
Dr. Ralf F. Hartmann, Berlin
Die sechs Künstler dieser Ausstellung verbindet eine wesentliche
Gemeinsamkeit: Sie alle arbeiten mit Stein. Im langwierigen Prozess von
der Formulierung des Gedankens bis zur Ausarbeitung der Skulpturen fordert
Stein weit mehr physische und psychische Energien als jedes andere
künstlerische Material. Darin liegt bis heute seine besondere
Wertschätzung als Ausdruck des Dauerhaften und Beständigen
begründet. Stein fordert in der Bearbeitung sowohl Konzentration als
Energie und legte deshalb "Innen und Außen" als Thema dieser
Ausstellung nahe.
Die Kuratorin Petra Lange ist selbst Bildhauerin und
hat Skulpturen von sechs internationalen KollegInnen ausgewählt. Auch
Petra Lange arbeitet bereits seit vielen Jahren mit Stein, bevorzugt mit
Labrador, Granit und Diabas. Ihre Skulpturen artikulieren einen äußerst
sensiblen Umgang mit dem Material, der sich in größter
Zurückhaltung gegenüber jedem all zu deutlichen formalen
Gestaltungswillen ausdrückt. Sie verhilft den inneren Formen des
Steins zum Durchbruch, hebt hervor, was aus der Form herausdrängt.
Manchmal sind es nur wenige Akzente aus Politur und Formgebung, die in
Kontrast zur natürlichen Textur des Materials den Respekt der
Künstlerin vor der jahrmillionenalten Geschichte sinnlich erfahrbar
machen. Ihre künstlerische Arbeit versteht Petra Lange in der
Sichtbarmachung der unsichtbaren inneren Gesetze des Steins.
Eine entgegengesetzte Position vertritt Sandro Piermarini.
Seine Arbeiten nutzen Stein als Folie für den gestalterischen Formwillen
und als Träger einer individuellen erzählerischen Syntax. Er
überzieht Texturen und Flächen mit Reliefnetzen, die zum Teil
abstrakte Chiffren bleiben oder sich zum Motiv, beispielsweise einer
menschlichen Figur verdichten. Genau an diesem Punkt avanciert der
Künstler zum Maler in Stein. Farbe übernimmt die weitere
Charakteristik der Oberflächen und schafft eine bedeutungsvolle
Verbindung zu archaischer Menschheitsgeschichte und frühzeitlicher
Kunstausübung. Mit seinen fragilen Figuren bewegt sich Piermarini an
den äußersten Grenzen des Mediums, wenn er die inhärente
Transparenz des Steins in hauchdünnen Strukturen verdeutlicht.
Der Brasilianer Alfi Vivern verbindet die materialen Eigenschaften
von weichem Holz und hartem Stein als Grundlage menschlicher Kulturbildung
und Architektur. Hülle und Struktur, Schutz und Inhalt bilden dabei
sein zentrales Thema. In nicht wenigen Arbeiten wird der Prozess des
Bauens bzw. Auf-Bauens anschaulich, sind Tragen und Lasten als Kriterien
unserer gebauten Umwelt in der Skulptur vereint. Bedeutsam ist dabei die
Synthese von organischer und anorganischer Form, im übertragenen Sinn
also die empfindliche Interferenz von Natur und menschlicher Kultur.
Rosa Brunners Werk beharrt auf der originären Herkunft alles
Kulturellen aus der Natur. Ihre organischen Bündelungen von
Stäben und Rundformen verweisen auf die frühe Architektur der
Gotik. Gotische Formen und Strukturen wurden immer wieder mit Wald und
Pflanzen assoziiert. Die Künstlerin konzentriert dieses Wissen in
wenigen signifikanten Formen, reduziert ideale Bauten des Geistes auf ihre
Basis, knapp über dem Erdboden. Sie verdeutlicht damit das Wesen
aller menschlichen Kultur auf der Grundlage des Plans, eines idealen
geistigen Systems also, das zuallererst die Erkenntnis der Natur voraussetzt.
Die Arbeiten von Emanuele Giannetti lassen unschwer
seine Herkunft aus dem mediterranen Kulturraum erkennen. Die Kunst der
Mittelmeerländer hat über Jahrhunderte immer wieder den
Menschen, seine schicksalhafte Position im Weltdrama zum Thema gemacht.
Überlebensgroße Stelen, meist aus Travertin gefertigt,
reduzieren die Figur auf eine säulenartige Rundform, stellen also den
unmittelbaren Bezug zur Antike her, ohne ihn mit symbolischer Bedeutung zu
überfrachten. Am Fuße dieser Stelen stehen metallene
Sonnenscheiben oder liegen Schilde einfach am Boden, so als habe die
letzte kämpferische Auseinandersetzung bereits stattgefunden, ohne
heroisches Pathos zu zeitigen, In der einfühlsamen Verbindung von
Stein und Metall erschließt sich Gianettis künstlerische
Erzählung, kann man die enge Verbindung von erdgeschichtlicher
Ewigkeit und unmittelbarer Gegenwart als einen beständigen
dramatischen Prozess nachvollziehen, in dem sich der Mensch immer wieder
aus der Natur konstituiert.
Erica van Seeters Skulpturen markieren den deutlichsten
Zugriff des gestaltenden Künstlers auf die Möglichkeiten des Materials.
Auch sie entwickelt aus der Arbeit mit Stein erzählerische Strukturen, in
denen der Mensch mit seinen kulturellen Fähigkeiten im Mittelpunkt
steht. Von der Architektur inspiriert, schlägt sie in ihren
Skulpturen Brücken, baut Tore und läßt Formen aus der
Tiefe ihres Herzens Gestalt annehmen. Daraus entwickelt sie eine
symbolische Bildsprache von großer Konzentration, die sich solcher
bedeutungsvoller Motive zwar bewußt ist, sie aber nie über
Gebühr strapaziert. Stattdessen legt Erica van Seeters höchstes
Augenmerk auf die Nuancierungen in der Bearbeitung des Steins,
läßt in einer kleinen Brückenskulptur glatte Polituren
hart auf rauhe Oberflächen treffen oder aber überzieht die
einfache Form eines Bogens mit einer filigranen Strahlenstruktur. Aus den
Gegensätzen zwischen beinahe abstrakter Formreduktion und
diffizilster Oberflächenbearbeitung beziehen die Skulpturen ihre
überzeugende Präsenz.
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