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Positionen zeitgenössischer Steinbildhauerei
Kunststation Kleinsassen: 27. April bis 10. Juni 2003
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Internationale Positionen zeitgenössischer Steinbildhauerei

Dr. Ralf F. Hartmann, Berlin

Die sechs Künstler dieser Ausstellung verbindet eine wesentliche Gemeinsamkeit: Sie alle arbeiten mit Stein. Im langwierigen Prozess von der Formulierung des Gedankens bis zur Ausarbeitung der Skulpturen fordert Stein weit mehr physische und psychische Energien als jedes andere künstlerische Material. Darin liegt bis heute seine besondere Wertschätzung als Ausdruck des Dauerhaften und Beständigen begründet. Stein fordert in der Bearbeitung sowohl Konzentration als Energie und legte deshalb "Innen und Außen" als Thema dieser Ausstellung nahe.

Die Kuratorin Petra Lange ist selbst Bildhauerin und hat Skulpturen von sechs internationalen KollegInnen ausgewählt. Auch Petra Lange arbeitet bereits seit vielen Jahren mit Stein, bevorzugt mit Labrador, Granit und Diabas. Ihre Skulpturen artikulieren einen äußerst sensiblen Umgang mit dem Material, der sich in größter Zurückhaltung gegenüber jedem all zu deutlichen formalen Gestaltungswillen ausdrückt. Sie verhilft den inneren Formen des Steins zum Durchbruch, hebt hervor, was aus der Form herausdrängt. Manchmal sind es nur wenige Akzente aus Politur und Formgebung, die in Kontrast zur natürlichen Textur des Materials den Respekt der Künstlerin vor der jahrmillionenalten Geschichte sinnlich erfahrbar machen. Ihre künstlerische Arbeit versteht Petra Lange in der Sichtbarmachung der unsichtbaren inneren Gesetze des Steins.

Eine entgegengesetzte Position vertritt Sandro Piermarini. Seine Arbeiten nutzen Stein als Folie für den gestalterischen Formwillen und als Träger einer individuellen erzählerischen Syntax. Er überzieht Texturen und Flächen mit Reliefnetzen, die zum Teil abstrakte Chiffren bleiben oder sich zum Motiv, beispielsweise einer menschlichen Figur verdichten. Genau an diesem Punkt avanciert der Künstler zum Maler in Stein. Farbe übernimmt die weitere Charakteristik der Oberflächen und schafft eine bedeutungsvolle Verbindung zu archaischer Menschheitsgeschichte und frühzeitlicher Kunstausübung. Mit seinen fragilen Figuren bewegt sich Piermarini an den äußersten Grenzen des Mediums, wenn er die inhärente Transparenz des Steins in hauchdünnen Strukturen verdeutlicht.

Der Brasilianer Alfi Vivern verbindet die materialen Eigenschaften von weichem Holz und hartem Stein als Grundlage menschlicher Kulturbildung und Architektur. Hülle und Struktur, Schutz und Inhalt bilden dabei sein zentrales Thema. In nicht wenigen Arbeiten wird der Prozess des Bauens bzw. Auf-Bauens anschaulich, sind Tragen und Lasten als Kriterien unserer gebauten Umwelt in der Skulptur vereint. Bedeutsam ist dabei die Synthese von organischer und anorganischer Form, im übertragenen Sinn also die empfindliche Interferenz von Natur und menschlicher Kultur.

Rosa Brunners Werk beharrt auf der originären Herkunft alles Kulturellen aus der Natur. Ihre organischen Bündelungen von Stäben und Rundformen verweisen auf die frühe Architektur der Gotik. Gotische Formen und Strukturen wurden immer wieder mit Wald und Pflanzen assoziiert. Die Künstlerin konzentriert dieses Wissen in wenigen signifikanten Formen, reduziert ideale Bauten des Geistes auf ihre Basis, knapp über dem Erdboden. Sie verdeutlicht damit das Wesen aller menschlichen Kultur auf der Grundlage des Plans, eines idealen geistigen Systems also, das zuallererst die Erkenntnis der Natur voraussetzt.

Die Arbeiten von Emanuele Giannetti lassen unschwer seine Herkunft aus dem mediterranen Kulturraum erkennen. Die Kunst der Mittelmeerländer hat über Jahrhunderte immer wieder den Menschen, seine schicksalhafte Position im Weltdrama zum Thema gemacht. Überlebensgroße Stelen, meist aus Travertin gefertigt, reduzieren die Figur auf eine säulenartige Rundform, stellen also den unmittelbaren Bezug zur Antike her, ohne ihn mit symbolischer Bedeutung zu überfrachten. Am Fuße dieser Stelen stehen metallene Sonnenscheiben oder liegen Schilde einfach am Boden, so als habe die letzte kämpferische Auseinandersetzung bereits stattgefunden, ohne heroisches Pathos zu zeitigen, In der einfühlsamen Verbindung von Stein und Metall erschließt sich Gianettis künstlerische Erzählung, kann man die enge Verbindung von erdgeschichtlicher Ewigkeit und unmittelbarer Gegenwart als einen beständigen dramatischen Prozess nachvollziehen, in dem sich der Mensch immer wieder aus der Natur konstituiert.

Erica van Seeters Skulpturen markieren den deutlichsten Zugriff des gestaltenden Künstlers auf die Möglichkeiten des Materials. Auch sie entwickelt aus der Arbeit mit Stein erzählerische Strukturen, in denen der Mensch mit seinen kulturellen Fähigkeiten im Mittelpunkt steht. Von der Architektur inspiriert, schlägt sie in ihren Skulpturen Brücken, baut Tore und läßt Formen aus der Tiefe ihres Herzens Gestalt annehmen. Daraus entwickelt sie eine symbolische Bildsprache von großer Konzentration, die sich solcher bedeutungsvoller Motive zwar bewußt ist, sie aber nie über Gebühr strapaziert. Stattdessen legt Erica van Seeters höchstes Augenmerk auf die Nuancierungen in der Bearbeitung des Steins, läßt in einer kleinen Brückenskulptur glatte Polituren hart auf rauhe Oberflächen treffen oder aber überzieht die einfache Form eines Bogens mit einer filigranen Strahlenstruktur. Aus den Gegensätzen zwischen beinahe abstrakter Formreduktion und diffizilster Oberflächenbearbeitung beziehen die Skulpturen ihre überzeugende Präsenz.

 
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