Zurück   Startseite   Druckversion 3. Juli 2004

In den Molakana der Kuna-Indianer spiegelt sich die Einheit von Kunst und Leben, die sich das Naturvolk noch bewahrt hat / Schau in der Galerie Gersfeld

Farbeffekte, Fantasie und ein Herz für Harmonie

Von Klaus H. Orth.

Für den Menschen der Moderne sind Kunst und Leben zwei Bereiche, die ihre Schnittmenge haben, im Grunde aber separat voneinander zu betrachten sind. Zwar begegnen wir im Alltag immer wieder Artefakten, und Maler, Plastiker und Videokünstler lassen bisweilen banale Erfahrungen und Erlebnisse in ihre Arbeiten einfließen. Doch letztlich hat - von jenen Berührungspunkten abgesehen - die Kunst ihre Welt und das Leben seine. Wann sich diese Trennung vollzogen hat, lässt sich nicht genau datieren, ein Abschied in Etappen muss es gewesen sein. Doch ein Blick auf die Kunst vieler Naturvölker lässt die Ahnung zur Gewissheit werden: Es hat sie einmal gegeben - die Einheit von Kunst und Leben.

Wer einen Rundgang durch die Schau "Molakana - Textilarbeiten der Kuna-Indianer" unternimmt, die die Kunststation Kleinsassen in der Galerie der Stadthalle Gersfeld präsentiert, der gewinnt einen Eindruck davon, wie es gewesen sein muss, als Kunst und Leben noch eins waren. Denn die Vorder- und Rückseiten der Molkana, der traditionellen Blusen, die von den Frauen der Kuna-Indianer Panamas in mühevoller Arbeit hergestellt werden, bezeugen in Bildern, was den Alltag des Naturvolkes bestimmt. Da sind die Pflanzen und Tiere, mit denen die Einwohner leben oder gegen die sie sich gegebenenfalls schützen müssen. Letzteres zumindest lässt die kontrastreiche und farbintensive Krokodil-Mola vermuten. Da sind die Traditionen und Werte, die in den Textilarbeiten stimmungs- und kunstvoll Ausdruck finden. Das Herz als Zentrum für Pflanzen und Tiere - eine detailfreudige Mola - formuliert den Wunsch nach Harmonie, nach dem Sein im Einklang mit der Natur. Auch gibt es symbolische Molakana, von denen manche - in Anlehnung an die einstige Körperbemalung der Kuna - zweifarbig gehalten sind und Muster vorstellen. Sie sollen Krankheiten abwehren, langes Leben schenken oder - wie die Napapurba-Mola - Kinderwunsch ausdrücken.

Die Molakana sind Kunst, Kleidung und Mittel der Kommunikation in einem Volk, das keine Schrift besitzt. Sie setzen Zeichen, die von Generation zu Generation tradiert wurden und werden. So wie die Kunstfertigkeiten im Umgang mit Stoff, Nadel, Faden und Schere, die Mütter ihre Töchter lehren. Selbst das Tragen der Mola hat eine eigene Tradition, wie Günther und Ursula Hartmann, die Eigentümer der gezeigten Kunst-Sammlung, anhand von zwei bekleideten Holzpuppen demonstieren: Bei den Frauen der Kuna endet die Bluse im Bund des Rockes, Kinder dagegen tragen die Mola offen darüber.

Die farbige Expressivität, die Fantasie, die aus Formen und Mustern spricht, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch auf die lange unberührte Kunst der Kuna die Einflüsse von außen einwirken: Die christliche Motivik der Abendmahl-Mola zeugt davon ebenso wie ein Luftschiff, das den Himmel erobert hat. Ob der Einfluss der modernen Welt die noch spürbare Einheit von Kunst und Leben der Kuna zerstören wird? Die Antwort auf diese Frage muss die Zukunft geben. Uns bleibt der Blick auf die Molakana und ihre prächtigen Motivwelten.

Molakana - Textilarbeiten der Kuna-Indianer (Panama). Ausstellung der Kunststation Kleinsassen in der Galerie der Stadt Gersfeld, Stadthalle. Bis 29. August. Öffnungszeiten: 13 bis 18 Uhr. Eintritt: frei. Am Sonntag, 11. Juli, um 16 Uhr laden Günther und Ursula Hartmann zu einem Dia-Vortrag über die Kuna in die Galerie Gersfeld ein.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 3. Juli 2004


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