Grenzgänge im Internet
Ein Konzert der vielen Stimmen
Fuldaer Zeitung vom 29. August 2000
Hofbieber-Kleinsassen.
"Gibt es eine europäische Kulturpolitik und wie sieht sie
aus?" Mit dieser Frage beschäftigte sich eine
Gesprächsrunde, die im Rahmen des aktuellen Ausstellungsprojekts
"Grenzgänge" in der Kunststation Kleinsassen von Magda
Schirm, Dozentin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Mainz, moderiert wurde.
Fazit des Forums, das sich aus Vertretern aus Politik, Publizistik,
Kunstmarkt und -präsentation zusammensetzte: Kulturpolitik in Europa
ist als ein Konzert der vielen Stimmen zu verstehen.
"Originäre Aufgabe"
Barbara Weiler (Künzell) gab als Mitglied des Europa-Parlaments zu
bedenken, dass Kulturpolitik nicht zu den originären Aufgaben der EU
zählt: "Vielleicht ist der Grund dafür, dass man sagt:
Kultur ist ohnehin länderübergreifend und kann nicht normiert
werden". Gleichwohl sieht die Politikerin Gestaltungsspielräume,
beispielsweise in puncto Künstlersozialversicherung, hinsichtlich der
Kunst als Wirtschaftsfaktor oder in Bezug auf den EU-Auftrag zur
kulturellen Förderung unter Wahrung nationaler und regionaler
Eigenheiten. Als realisierte beziehungsweise auf den Weg gebrachte
Projekte nannte Weiler unter anderem den Kulturkanal "arte", die
Förderung der "Kulturhauptstädte Europas" sowie
Partnerschaften und Netzwerke zwischen Bibliotheken und Archiven.
"Die Kulturpolitik soll sich danach richten, Kultur für alle zu
sein", forderte Professor Erika Fellner (Frankfurt), Mitglied des
Hessischen Landtages. Als Schwerpunkte der Kulturpolitik des Landes nannte
sie die Förderung von Museen, Institutionen, von Film und Kino, von
Denkmalschutz, Bibliotheken und Archiven. Für Fellner ist Kultur ein
Lebensmittel, weshalb sich verschiedene ministeriale
Zuständigkeitsbereiche um ihre Förderung bemühten:
"Kultur ist nicht abgrenzbar zu Sozialem, Jugend, Wissenschaft und
Lehre".
"Kultur spielt auf vielen Bühnen", konstatierte Klaus
Wolbert (Darmstadt), Leiter des Instituts Mathildenhöhe. "Kunst
ist für mich eine Weltsprache, sie vermittelt sich in einem
internationalen Dialog", erklärte Wolbert, in dessen
Institut der italienischen Kunst ein Schwerpunkt gilt. Wolbert warnte
davor, zu stark auf Publikumsorientierung zu setzen, die nach seinem
Dafürhalten bei Kommunalpolitikern im Vordergrund stehe und meist auf
große Namen setze, die mit aktuellen Entwicklungen wenig zu tun
haben. "Es ist wichtig, an der Kunst der Zeit zu arbeiten",
sagte Wolbert, und die neue Künstlergeneration darunter so innovative
Frauen wie Marie-Jo Lafontaine und Pipilotti Rist biete dabei ein enormes
kreatives Potential.
"Es ist schwer, aktuelle Kunst zu vermitteln von der Malerei
vielleicht abgesehen", gab Wolfgang Herzer (Weiden) zu bedenken. Als
Galerist, der in einer strukturschwachen Region versucht, Kunst einem
Publikum nahe zu bringen, dürfe er bei dem bestehenden Wunsch nach
Vermittlung von Gegenwartskunst geschäftliche Gesichtpunkte nicht
außer Acht lassen. Herzer setzt darum auf eine Mixtur aus Arbeiten
von nationalen und regionalen Künstlern, die er jeweils unter einem
anderen Thema zusammengefaßt präsentiert.
Ein düsteres Bild
Von der bedrohlichen aktuellen Entwicklung in der Region Kärnten
zeichnete der Publizist und Kulturredakteur Bertram Karl Steiner
(Klagenfurt) ein düsteres Bild: "Bei uns geht es nicht um
mögliche Verbesserungen in der Kulturpolitik, sondern allenfalls noch
darum, eine kulturpolitischen Katastrophe zu mildern". Steiner gilt
nach eigener Aussage in Kärnten ob seiner kritischen Haltung
gegenüber Landeshauptmann Jörg Haider und der FPÖ als
"Nestbeschmutzer". Steiner berichtete von Seilschaften zwischen
Politik, Presse und Rundfunkanstalten in Österreich, die zu ersten
Medienhetzen gegen Künstler geführt haben und das kulturelle
Klima in der Alpenrepublik gefährdeten. Für den Bereich
Kärnten gelte: "Alles, was irgendwie aufmuckt, hat von
Regierungsseite keine Förderung zu erwarten. Einzig die sogenannte
"Volkskultur" werde dort als förderungswürdig
angesehen. "Ich habe die Sorge, daß Österreich aus dem
schützenden Schatten des Stieres heraustritt", schloss der
Publizist in Anlehnung an das Thema des Ausstellungsprojekts.
Steiners Ausführung lösten bei vielen Besuchern Betroffenheit
aus und gaben Anlass zu zahlreichen Nachfragen, die in einer angeregten
Diskussion mündeten.
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