Zurück   Startseite   Druckversion 15. September 2000/6. August 2004

Grenzgänge im Internet

Ein Konzert der vielen Stimmen

Fuldaer Zeitung vom 29. August 2000

Hofbieber-Kleinsassen. "Gibt es eine europäische Kulturpolitik und wie sieht sie aus?" Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Gesprächsrunde, die im Rahmen des aktuellen Ausstellungsprojekts "Grenzgänge" in der Kunststation Kleinsassen von Magda Schirm, Dozentin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Mainz, moderiert wurde. Fazit des Forums, das sich aus Vertretern aus Politik, Publizistik, Kunstmarkt und -präsentation zusammensetzte: Kulturpolitik in Europa ist als ein Konzert der vielen Stimmen zu verstehen.

"Originäre Aufgabe"

Barbara Weiler (Künzell) gab als Mitglied des Europa-Parlaments zu bedenken, dass Kulturpolitik nicht zu den originären Aufgaben der EU zählt: "Vielleicht ist der Grund dafür, dass man sagt: Kultur ist ohnehin länderübergreifend und kann nicht normiert werden". Gleichwohl sieht die Politikerin Gestaltungsspielräume, beispielsweise in puncto Künstlersozialversicherung, hinsichtlich der Kunst als Wirtschaftsfaktor oder in Bezug auf den EU-Auftrag zur kulturellen Förderung unter Wahrung nationaler und regionaler Eigenheiten. Als realisierte beziehungsweise auf den Weg gebrachte Projekte nannte Weiler unter anderem den Kulturkanal "arte", die Förderung der "Kulturhauptstädte Europas" sowie Partnerschaften und Netzwerke zwischen Bibliotheken und Archiven.

"Die Kulturpolitik soll sich danach richten, Kultur für alle zu sein", forderte Professor Erika Fellner (Frankfurt), Mitglied des Hessischen Landtages. Als Schwerpunkte der Kulturpolitik des Landes nannte sie die Förderung von Museen, Institutionen, von Film und Kino, von Denkmalschutz, Bibliotheken und Archiven. Für Fellner ist Kultur ein Lebensmittel, weshalb sich verschiedene ministeriale Zuständigkeitsbereiche um ihre Förderung bemühten: "Kultur ist nicht abgrenzbar zu Sozialem, Jugend, Wissenschaft und Lehre".

"Kultur spielt auf vielen Bühnen", konstatierte Klaus Wolbert (Darmstadt), Leiter des Instituts Mathildenhöhe. "Kunst ist für mich eine Weltsprache, sie vermittelt sich in einem internationalen Dialog", erklärte Wolbert, in dessen Institut der italienischen Kunst ein Schwerpunkt gilt. Wolbert warnte davor, zu stark auf Publikumsorientierung zu setzen, die nach seinem Dafürhalten bei Kommunalpolitikern im Vordergrund stehe und meist auf große Namen setze, die mit aktuellen Entwicklungen wenig zu tun haben. "Es ist wichtig, an der Kunst der Zeit zu arbeiten", sagte Wolbert, und die neue Künstlergeneration darunter so innovative Frauen wie Marie-Jo Lafontaine und Pipilotti Rist biete dabei ein enormes kreatives Potential.

"Es ist schwer, aktuelle Kunst zu vermitteln von der Malerei vielleicht abgesehen", gab Wolfgang Herzer (Weiden) zu bedenken. Als Galerist, der in einer strukturschwachen Region versucht, Kunst einem Publikum nahe zu bringen, dürfe er bei dem bestehenden Wunsch nach Vermittlung von Gegenwartskunst geschäftliche Gesichtpunkte nicht außer Acht lassen. Herzer setzt darum auf eine Mixtur aus Arbeiten von nationalen und regionalen Künstlern, die er jeweils unter einem anderen Thema zusammengefaßt präsentiert.

Ein düsteres Bild

Von der bedrohlichen aktuellen Entwicklung in der Region Kärnten zeichnete der Publizist und Kulturredakteur Bertram Karl Steiner (Klagenfurt) ein düsteres Bild: "Bei uns geht es nicht um mögliche Verbesserungen in der Kulturpolitik, sondern allenfalls noch darum, eine kulturpolitischen Katastrophe zu mildern". Steiner gilt nach eigener Aussage in Kärnten ob seiner kritischen Haltung gegenüber Landeshauptmann Jörg Haider und der FPÖ als "Nestbeschmutzer". Steiner berichtete von Seilschaften zwischen Politik, Presse und Rundfunkanstalten in Österreich, die zu ersten Medienhetzen gegen Künstler geführt haben und das kulturelle Klima in der Alpenrepublik gefährdeten. Für den Bereich Kärnten gelte: "Alles, was irgendwie aufmuckt, hat von Regierungsseite keine Förderung zu erwarten. Einzig die sogenannte "Volkskultur" werde dort als förderungswürdig angesehen. "Ich habe die Sorge, daß Österreich aus dem schützenden Schatten des Stieres heraustritt", schloss der Publizist in Anlehnung an das Thema des Ausstellungsprojekts.

Steiners Ausführung lösten bei vielen Besuchern Betroffenheit aus und gaben Anlass zu zahlreichen Nachfragen, die in einer angeregten Diskussion mündeten.

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Das Bild der Kunststation Kleinsassen auf der Startseite ist ein Ausschnitt eines Fotos des Fuldaer Fotografen Andre Druschel
(www.druschel-photography.de).