Grenzgänge im Internet
"Grenzgänge" im Zeichen der Kunst
von Klaus H. Orth, Fuldaer Zeitung vom 29. August 2000
Hofbieber-Kleinsassen.
Grenzgänge sind eine Herausforderung für denjenigen, der sie
unternimmt. Sie können Gefahr bedeuten, bergen aber auch die Chance,
den eigenen Horizont zu erweitern und sich selbst besser kennen zu lernen.
Die Ausstellung "Grenzgänge & shy; Europa im Schatten des
Stieres" in der Kunststation Kleinsassen vereint Exponate von
Künstlerinnen und Künstlern aus dem Friaul, aus Kärnten und
der Oberpfalz, die derzeit an einem Symposium in der Heimvolkshochschule
Burg Fürsteneck teilnehmen.
Dank an Bockelmann
Zur Vernissage begrüßte Peter Ballmaier, der Leiter der
Kunststation, die Künstler und Gäste im Ausstellungshaus.
Besonderen Dank sagte er Susanne Bockelmann, der Ideengeberin und
Organisatorin der Schau. Der Künstlerin aus Küsten oblag die
Ausführung des internationalen Projekts, das vom Landkreis Fulda und
von der Friedrich-Ebert-Stiftung realisiert und vom Kultursommer
Main-Kinzig-Fulda und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und
Kunst gefördert wurde.
Bockelmann ging in ihrer Einführung auf die mythologische Geschichte
der Europa ein: Zeus, der sich der schönen Prinzessin als Stier
zeigte und die junge Frau von Kleinasien nach Kreta entführte, nahm
mit ihr auch ihre fremde Kultur mit über die Grenze, die sich fortan
als europäische entfalten konnte.
"Die Kärntner, Oberpfälzer und Friulaner Künstler
kommen als Gäste. Sie bringen ihre Arbeit, ihre Kunst und ihre Kultur
mit, und wir haben hier die Gelegenheit, ihre Arbeiten zu erleben, daran
teilzuhaben, uns auszutauschen", sagte Bockelmann.
Die Künstlerin hatte vor zwei Jahren in Lubljana an einer
"Künstlerkolonie" mit österreichischen, slowenischen
und italienischen Künstlern teilgenommen. Aus dem Austausch entstand
die Idee zum aktuellen Projekt. Im Gespräch mit der FZ erklärte
Bockelmann: "Ich fand, daß es spannend wäre, wenn wir als
Künstler durch die Begegnung und die Zusammenarbeit während
eines Symposiums nach und nach die europäische, politische und
kulturelle Situation der Kollegen in anderen Ländern kennen lernen
könnten und damit auch unsere eigene".
Was die Künstler mitgebracht und während des Symposiums
geschaffen haben, fügt sich zu einem harmonischen Miteinander, das
zeigt, dass die Sprache der Kunst keine nationalen Grenzen kennt.
Märchenhaft bis skurril muten die Holzskulpturen von Paolo Figar aus
dem Friaul an. Seine "Prinzessin Europa" empfangt die Besucher
in Halle eins. Figars Landsmann Mario Palli präsentiert eine Auswahl
verschieden großer quadratischer Bilder in einer Mischtechnik aus
Stoff und Tempera-Farbe. Die zur Zeit in Berlin lebende gebürtige
Kärntnerin Lisa Huber beeindruckt mit zwei Holzschnitten im Format
260 Zentimeter mal 560 Zentimeter.
Sie stammen aus ihrer "Grauen Serie" und stellen einen Totentanz
dar, den die Künstlerin ihrem verstorbenen Vater gewidmet hat. Auch
ein Holzschnitt von Susanne Bockelmann gehört zum
Ausstellungsbestand. Er illustriert das Thema der Schau: "Europa im
Schatten des Stieres".
Aus dem Zyklus "Zeichen und Schriften" stammen die Bilder von
Karl Vouk. Der gebürtige Klagenfurter vereint in seinen Arbeiten vor
monochromem Hintergrund archetypische und postmoderne Symbole, die in nur
wenigen Strichen angedeutet sind, zu einem geheimnisvollen Ganzen.
Jörg Schemann setzt sich mit einem Thema aus der Natur auseinander:
Der Regensburger Künstler hat zwei dreiteilige Bilder und drei
große bemalte Säulen geschaffen, die eine Kiefer vor blauem
Hintergrund zeigen.
Die Kärntner Künstlerin Meina Schellander lädt zu einem
Erlebnis "Zwischen Himmel und Erde" ein. Ihre eigens für
das Projekt geschaffene Installation setzt sich aus so unterschiedlichen
Kunstgattungen wie Zeichnung, Collage, Schwarz-Weiß- und
Farb-Fotografie, Metallobjekten und Video zusammen, die Grenzerfahrungen
des Ich visualisieren.
Alois Öllinger aus Kötzting in der Oberpfalz schafft aus Karton
beziehungsweise aus Offsettblech Bildräume und Bildobjekte, die er
mit Lack- und Ölfarbe überzieht. Seine Grenzerfahrung versteht
sich als räumlich-definiert. Ebenfalls aus der Oberpfalz stammt
Jürgen Huber.
Großstadt als Thema
Der in Regensburg lebende und arbeitende Künstler richtet in seiner
Bilder-Serie "Civitas" den Blick des Betrachters auf die
Thematik der Großstadt und ihrer Architektur und fragt nach den
Empfindungen des Individuums in der urbanen Umwelt.
Bewegungsreich und erotisch sind die Kohlezeichnungen von Franco Ule. Der
in Triest geborene Künstler, der heute in London zu Hause ist, setzt
in seinen Akten und Körperausschnitten auf einen schnellen Strich und
teilweise auf starke Konturen, die das Mit- und Gegeneinander von Schwarz
und Weiß akzentuieren.
Die quadratischen Arbeiten von Massimiliano Busan aus Gorizia sind
überaus abwechslungsreich gestaltet: Die in diversen Mischtechniken
erstellten Bilder erscheinen mal farbig verspielt, mal nüchtern und
streng, wobei der Künstler von Marmor über Terracotta bis hin zu
PVC in puncto Material keine Grenzen zu kennen scheint.
Wer selbst als "Grenzgänger" zwischen den verschiedenen
Kunstgattungen und -Stilen durch die Ausstellung wandeln möchte, der
hat bis zum 15. Oktober täglich außer montags von 14 bis 18 Uhr
Gelegenheit dazu.
Zur Eingangsseite
|