China - Tagebuch von Veronika Zyzik
11. Tag - Mittwoch, 26. April 2000
Um 6:25 Uhr steht die Sonne so hoch wie bei uns um 11 Uhr. Ich werde durch
Schulkinder geweckt. Im Vergleich zu Weifang - oh Gott, dort wurden wir
richtig verwöhnt - ist unser Hotel in Peking bescheiden. Unsere neue
Reiseleiterin Li sieht aus wie ein Schulmädchen, zart, klein und
spricht mit sehr leiser Stimme. Wir fahren in einem Kleinbus Richtung
Chinesische Mauer. Staus ohne Ende.
Beijing besteht aus neun Stadtkreisen und ist die drittgrößte
Stadt Chinas mit 13 Millionen Einwohnern auf 17.800 Quadratmetern. Die
Metropole zählt zu den führenden Industriestädten Chinas,
in der sich zahlreiche Betriebe der Schwer- und Leichtindustrie
angesiedelt haben: Eisen- und Stahlwerke, chemische Werke, Maschinenbau,
Textilfabriken, Elektrounternehmen, viele Handwerksstätten.
Unterwegs machen wir Station bei einem Zuchtperlenbetrieb und sehen, wie
die Rohform aus der Muschel zum Verkaufsprodukt wird. Interessant. Auch
die Ming-Gräber liegen auf unserem Weg, hinterlassen bei uns
allerdings keinen nennenswerten Eindruck. Aufregender ist die lange
Straße dorthin. Der Weg der Seelen, Shen Dao, genannt, wurde Anfang
des 15. Jahrhunderts angelegt und wird von zwölf großen Tier-
und sechs Menschenpaaren gesäumt. Die weithin sichtbaren Berge bilden
einen Schutz vor bösen Geistern und den Sandstürmen aus der
Wüste Gobi.
Endlich erreichen wir die Chinesische Mauer, mein Adrenalinspiegel steigt.
Das Bedürfnis, durch Mauern Sicherheit zu schaffen, ist alt. Der
Gründer der Ming Dynastie, Zhu Yuanzang (1368 bis 1398 n. Chr.),
begann zum Schutz gegen mongolische Truppen mit dem Bau eines neuen Walls.
Die Arbeiten zogen sich fast 150 Jahre hin. Die chinesische Mauer ist
6.500 Kilometer lang, sieben Meter hoch und im Schnitt drei Meter breit.
Sie zieht sich wie eine Schlange durch die Berge. Eine Million Menschen
haben an dem riesigen Bauwerk gearbeitet, rund ein Fünftel der
damaligen Bevölkerung. Ein Drittel der Arbeiter sind dabei
umgekommen. Unsere Führerin erzählt uns hierzu traurige
Liebesgeschichten. Eine Stunde lang spazieren wir auf der Mauer auf und
ab, können uns an der Weite und Unendlichkeit nicht satt sehen. Zu
unserem Glück verflüchtigen sich die Wolken gen Westen, und wir
sehen das Monument in voller Pracht. Die Stufen von unterschiedlicher
Höhe sind in alle Richtungen ausgetreten. Wir zwicken uns gegenseitig
zum Beweis: Wir sind tatsächlich hier.
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