China - Tagebuch von Veronika Zyzik
3. Tag - Dienstag, 18. April 2000
Beim Frühstück wirken noch alle recht verschlafen. Die
Umstellung braucht Zeit. Gegenüber vom Hotel liegt die Schule, ein
freundliches sechsstöckiges Gebäude mit halbovalen Fenstern.
Die Schüler tragen blaue Uniformen mit weißen Streifen und
erinnern an kleine Matrosen. Vormittags spazieren wir zu dritt in den
Longtan-Park. Der Weg führt an unzähligen kleinen
Geschäften vorbei. Mal bieten ganze Straßenzüge
ausschließlich Getränke an, mal Klamotten, dann wieder nur
Handys. Bar reiht sich an Bar, Schnellimbiss an Schnellimbiss, Kramladen
an Kramladen. Die Ausstattung zeigt die wirtschaftliche Stellung der
Familie. Die Wohnungen sind grau in grau gehalten und entwickeln sich
zur Straße hin zu Geschäftsräumen. Die Höfe wirken
eng und ärmlich.
Der Longtan-Park entpuppt sich als riesige Anlage. Parks in China sind
in der Regel nach gleichen Prinzipien aufgebaut. Überall finden
sich Wasseranlagen, Raststellen mit kleinen Teehäusern, Plätze
mit künstlich angehäuften Steinhaufen und
Kinderspielplätze. Nach fünf Stunden schließlich
verweigern unsere Füße ihren Dienst, und wir kehren mit einer
Taxe ins Hotel zurück.
Abends geht es mit dem Zug weiter nach Weifang, südöstlich von
Beijing. Die Stadt ist berühmt für ihr Drachenfestival. Schon
die Reise zum Bahnhof wird zum Erlebnis. Das Taxi darf nicht direkt am
Bahnhof halten, und fünf mit Gepäck beladene Frauen legen den
Rest des Weges in einer Rikscha zurück. Auf dem Bahnhof hat nur der
Kofferträger einen Gepäckwagen. Es wimmelt von Menschen, die
sich in kilometerlangen Schlangen zum Bahnsteig aufstellen. Getrennt
nach Fahrkartenklassen sitzen die Reisenden in verschiedenen
Warteräumen. Wir halten uns im Raum für Ausländer
für die Abfahrt bereit. Beim Einstieg in den Zug freuen wir uns
über die Höflichkeit unserer Mitreisenden. Mit großer
Selbstverständlichkeit helfen sie uns, unser vielfältiges
Gepäck zu verstauen. Ich teile meinen Schlafwagen mit einer
Chinesin und drei Chinesen. Das gleichmäßige Klappern einer
Blumenvase schaukelt mich sanft in den Schlaf, untermalt vom leisen
Schnarchen meiner Abteilgefährtin.
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