Zurück   Startseite   Druckversion 30. Mai 2012

Günter Grass - einmal ganz ohne Wörter

"Graphik und Skulptur" des Literaturnobelpreisträgers in der Kunststation

Von Bea Nolte-Schunck.

Kleinsassen. "Darf ich bitten?!", scheint Günter Grass zu sagen, denn etliche seiner in der Kunststation Kleinsassen gezeigten Bronze-Plastiken huldigen dem Tanz. Ob Tango, Blues oder Charleston - der Künstler hat seinen statischen Wesen große Dynamik mitgegeben.

Der bald 85-Jährige ist nicht nur sprachlich aussagekräftig, wie seine jüngsten, politisch umstrittenen Gedichte zu Israel und Griechenland unterstreichen, sondern auch als Zeichner und studierter Bildhauer. Eine andere Passion ist hier schon angeklungen: "Die Skulpturen mit ihrem unwiderstehlichen Rhythmus verraten den leidenschaftlichen Tänzer, der Grass noch heute ist", betonte Ausstellungskurator Günther Troll während der Vernissage. Bewiesen habe Grass dies beim Abendempfang nach seiner Nobelpreisverleihung 1999 - bis morgens um vier.

So rückt die Ausstellung "Günter Grass - Graphik und Skulptur", die bis 9. September im Zuge des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda gezeigt wird, auch eher unbekannte Facetten des "Mehrfachbegabten" (Troll) in den Mittelpunkt. Interessierte können in Kleinsassen sozusagen ein Stück vom "Gesamtkunstwerk Grass" entdecken. Für ihn selbst sind in seinem Schaffensprozess das Schreiben, Zeichnen und plastische Formen gleichermaßen wichtige, einander durchdringende und befruchtende Ausdrucksformen einer Künstlerpersönlichkeit.

Wenn der Autor der "Blechtrommel" dies so sehe, steht laut Troll fest: "Die Zeichnungen und Graphiken sind keine Illustrationen zu seinen literarischen Werken, sondern eigene autonome Kunstwerke - sehr oft thematisch mit dem Geschriebenen in Zusammenhang stehend." Zeichnen helfe Grass vor allem, die übersehenen, vergessenen und verdrängten Dinge, über die er schreiben wolle, sinnlich-gegenständlich erlebar zu machen. So hebe er als "schreibender Zeichner" hervor: "Mehr als eine eindeutige Linie einer Zeichnung ist das Wort durch das Geschwätz beliebiger Deutungen gefährdet: Erst ins graphische Blatt übersetzt, beweist eine Wortmetapher, ob sie Bestand hat." Für Grass ergebe sich folgender Dialog: "Seht", sagt die Zeichnung, "wie wenig Wörter ich brauche"; "hört", sagt das Gedicht, "was zwischen den Linien ist". Zum Grass'schen Kunstpersonal erklärte Troll: "Die in seinen Bildern erweckten Lebensenergien durchströmen gleichermaßen Mensch, Tier und Pflanze, verbinden sich zu einem barock ausschweifenden, grotesken Bestiarium."

Die Innovationsfreude des Künstlers unterstrich Elisabeth Heil, die das Vernissagepublikum im Namen des verhinderten Kunststationsleiters Peter Ballmaier willkommen hieß. Sie erwähnte, dass von Grass 1997 die "Aquadichte" erfunden worden seien, in dem er erstmals seit seiner Studienzeit wieder aquarelliert und in diese Werke Texte hineineingeschrieben habe. In der Form präsentierten sich etliche dieser "Fundsachen für Nichtleser". Heil würdigte, es sei Ballmaiers Verdienst, dass diese besondere Ausstellung in der Kunststation gezeigt werde. Die Kunsthistorikerin konnte unter den Gästen Michael Friedrich, Leiter der Kreis-vhs, als Repräsentant des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda, die Hofbieberer Beigeordnete Tanja Henkel (CDU) und IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schunck begrüßen. Heil dankte nicht zuletzt für die musikalischen Vernissage-Akzente von Christian Hartwig und Julian Fuchs, Klavierschüler von Maja Zirkunow. Jeden Samstag um 16 Uhr findet eine Führung durch die Ausstellung statt.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 30. Mai 2012

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