
|
 |
Sportler und Individualisten auf vier Beinen
Statussymbole, Arbeitstiere und ihre Kulturgeschichte: Die Kunststation feiert das Pferd
Von Anke Zimmer.
Kleinsassen. Sie tänzeln. Sie bocken. Sie grasen. Sie rennen. Manchmal
fliegen sie, und die Besucher der Kunststation Kleinsassen werden von ihnen
regelrecht vereinnahmt: "Pferde. Kunst von der Antike bis heute"
heißt die große Sonderausstellung, die ab morgen in dem
Künstlerdorf in der Rhön zu sehen ist.
Das höchste Glück der Erde liegt nämlich nicht immer nur auf
dem Rücken der Pferde. Der Kunstliebhaber zum Beispiel erfährt
dieses Glück angesichts prachtvoller Gemälde, Grafiken und
Skulpturen, die sich dem edlen Hengst im Stall, dem fleißigen Helfer auf
dem Feld, dem stolzen Sprinter auf der Rennbahn und dem muskelbepackten
Streitross in der Schlacht widmen. Und davon bekommt er in den kommenden
fünf Monaten eine geradezu berauschende Menge geboten: Weit über 300
Exponate hat der Kurator der Schau, der Petersberger Verleger Dr. Michael
Imhof, zusammengetragen, darunter hervorragende Drucke, Abgüsse und
Kopien weltberühmter Kunstwerke. Bildnisse, die eine umfassenden
Wanderung durch die Kulturgeschichte nicht nur des Abendlandes garantieren.
Denn das herrliche Pferd nahm in der Menschheitsgeschichte schon immer eine
exponierte Stellung ein.
Griechen und Römer, Chinesen, Engländer und Deutsche: Alle haben sie
den domestizierten Vierbeiner in ihrer Kunst gefeiert, als Reittier von
Göttern und Königen, als Zeuge des Wohlstandes von Adel und
Bürgertum, als Beweis für die Bauernidylle oder - konträr dazu
- für das harte Leben auf dem Land. Da sind die wilden galoppierenden
Herden, die gestriegelten Tiere mit modisch gelockten Mähnen, die
dressierten Kunstspringer (besagte "fliegende" Pferde), die
Hochleistungssportler auf den Rennbahnen. Nicht selten finden sich zudem
Porträts prachtvoller Exemplare wie Sawrey Gilpins "Pferd in der
Landschaft" und George Stubbs berühmter, großformatiger
"Whistlejacket" - allesamt Tiere, auf die ihre Besitzer sichtlich
stolz waren und die sie eben darum von renommierten Künstlern malen
ließen, als seien es Familienangehörige.
"Promis" finden sich zuhauf. Der antike Pferdekopf vom Wagen der
Selenen aus dem Parthenon etwa oder Picassos Don Quichotte mit der klapperigen
Rosinante, die Delacroix-Schimmel, die von gefräßigen Löwen
gerissen werden, Philips Wouwermans Reitergesellschaften. Und immer wieder
wurde die Krönung der Pferdezucht zum Bildmotiv: der kleine, elegante
Araber in seiner unglaublichen Schönheit.
Neben der Entwicklung des Pferdes als Reit- und Arbeitstier bis hin zum
Statussymbol und heiß geliebten Gefährten geleitet die Ausstellung
auch durch die Stilgeschichte der Kunst, wie Koordinatorin Marianne Blum von
der Kunststation betont. So erzählt ein Abguss des Bamberger Reiters in
Originalgröße vom Höhepunkt der Skultpur im Mittelalter,
Dürers grandiose Drucke, darunter natürlich auch "Ritter, Tod
und Teufel", zeigen, welche Meisterschaft in der deutschen Renaissance
erreicht wurde. Die Niederländer des Barock erhoben den Alltag zum
darstellungswürdigen Motiv - inklusive grasender Vierbeiner auf der
Weide. Romantik, Impressionismus, Expressionismus und ein kleiner Ausblick auf
die Neuzeit: Das einzige, was der Besucher vermissen dürfte, ist der
Stallgeruch.
Pferde. Kunst von der Antike bis heute.
Dauer und Öffnungszeiten: Bis 10. Oktober. Dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr.
Morgen ab 14 Uhr geöffnet.
Eintritt: Erwachsene 7,50 Euro. Kinder 1,50 Euro.
Führungen: immer sonntags um 16 Uhr.
Aus: Fuldaer Zeitung vom 29. Mai 2010
Präsentiert von der
Unterstützt durch

|
 |
|