Zurück   Startseite   Druckversion 29. Mai 2010

Sportler und Individualisten auf vier Beinen

Statussymbole, Arbeitstiere und ihre Kulturgeschichte:
Die Kunststation feiert das Pferd

Von Anke Zimmer.

Kleinsassen. Sie tänzeln. Sie bocken. Sie grasen. Sie rennen. Manchmal fliegen sie, und die Besucher der Kunststation Kleinsassen werden von ihnen regelrecht vereinnahmt: "Pferde. Kunst von der Antike bis heute" heißt die große Sonderausstellung, die ab morgen in dem Künstlerdorf in der Rhön zu sehen ist.

Das höchste Glück der Erde liegt nämlich nicht immer nur auf dem Rücken der Pferde. Der Kunstliebhaber zum Beispiel erfährt dieses Glück angesichts prachtvoller Gemälde, Grafiken und Skulpturen, die sich dem edlen Hengst im Stall, dem fleißigen Helfer auf dem Feld, dem stolzen Sprinter auf der Rennbahn und dem muskelbepackten Streitross in der Schlacht widmen. Und davon bekommt er in den kommenden fünf Monaten eine geradezu berauschende Menge geboten: Weit über 300 Exponate hat der Kurator der Schau, der Petersberger Verleger Dr. Michael Imhof, zusammengetragen, darunter hervorragende Drucke, Abgüsse und Kopien weltberühmter Kunstwerke. Bildnisse, die eine umfassenden Wanderung durch die Kulturgeschichte nicht nur des Abendlandes garantieren. Denn das herrliche Pferd nahm in der Menschheitsgeschichte schon immer eine exponierte Stellung ein.

Griechen und Römer, Chinesen, Engländer und Deutsche: Alle haben sie den domestizierten Vierbeiner in ihrer Kunst gefeiert, als Reittier von Göttern und Königen, als Zeuge des Wohlstandes von Adel und Bürgertum, als Beweis für die Bauernidylle oder - konträr dazu - für das harte Leben auf dem Land. Da sind die wilden galoppierenden Herden, die gestriegelten Tiere mit modisch gelockten Mähnen, die dressierten Kunstspringer (besagte "fliegende" Pferde), die Hochleistungssportler auf den Rennbahnen. Nicht selten finden sich zudem Porträts prachtvoller Exemplare wie Sawrey Gilpins "Pferd in der Landschaft" und George Stubbs berühmter, großformatiger "Whistlejacket" - allesamt Tiere, auf die ihre Besitzer sichtlich stolz waren und die sie eben darum von renommierten Künstlern malen ließen, als seien es Familienangehörige.

"Promis" finden sich zuhauf. Der antike Pferdekopf vom Wagen der Selenen aus dem Parthenon etwa oder Picassos Don Quichotte mit der klapperigen Rosinante, die Delacroix-Schimmel, die von gefräßigen Löwen gerissen werden, Philips Wouwermans Reitergesellschaften. Und immer wieder wurde die Krönung der Pferdezucht zum Bildmotiv: der kleine, elegante Araber in seiner unglaublichen Schönheit.

Neben der Entwicklung des Pferdes als Reit- und Arbeitstier bis hin zum Statussymbol und heiß geliebten Gefährten geleitet die Ausstellung auch durch die Stilgeschichte der Kunst, wie Koordinatorin Marianne Blum von der Kunststation betont. So erzählt ein Abguss des Bamberger Reiters in Originalgröße vom Höhepunkt der Skultpur im Mittelalter, Dürers grandiose Drucke, darunter natürlich auch "Ritter, Tod und Teufel", zeigen, welche Meisterschaft in der deutschen Renaissance erreicht wurde. Die Niederländer des Barock erhoben den Alltag zum darstellungswürdigen Motiv - inklusive grasender Vierbeiner auf der Weide. Romantik, Impressionismus, Expressionismus und ein kleiner Ausblick auf die Neuzeit: Das einzige, was der Besucher vermissen dürfte, ist der Stallgeruch.

Pferde. Kunst von der Antike bis heute.
Dauer und Öffnungszeiten: Bis 10. Oktober. Dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr.
Morgen ab 14 Uhr geöffnet.
Eintritt: Erwachsene 7,50 Euro. Kinder 1,50 Euro.
Führungen: immer sonntags um 16 Uhr.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 29. Mai 2010

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