Zurück   Startseite   Druckversion 23. Juni 2009/29. September 2009

Auf der Suche nach der zerflossenen Uhr

Moses mit Hörnern und Frauen mit Schubladen: Zur Ausstellung in der Kunststation / Morgen Eröffnung

Von Anke Zimmer.

Kleinsassen. Wo sind die Uhren? Nicht die nützlichen, die funktionalen, sondern die zerfließenden, diese typischen Salvador-Dali-Uhren; jenes Motiv also, das den Katalanen so weltberühmt gemacht hat. Auch Ralf-Michael Seele muss erst einmal die Räume der Kunststation Kleinsassen absuchen. Das erstaunt im ersten Moment. Immerhin ist er der Kurator der Salvador-Dali-Ausstellung in der Rhön, die morgen mit einer Vernissage eröffnet wird. Seele, Leiter der Galerie ada in Meiningen sollte es doch eigentlich wissen. Aber im zweiten Moment passt es, dass die Uhren nicht so augenfällig sind. Denn das Werk von Dali ist weit vielschichtiger, als man gemeinhin annimmt.

Dies erfahrbar zu machen, ist einer der vielen Gründe, warum Kleinsassen in Zusammenarbeit mit der Stadt Meiningen das große Ausstellungsprojekt stemmt. Gezeigt werden im Malerdorf zahlreiche Druckgrafiken aus verschiedenen Zyklen, ein paar Skulpturen, einige Fotos. Insgesamt hägen in Kleinsassen und Meiningen rund 470 Arbeiten - "und wer die alle gesehen hat", sagt Marianne Blum von der Kunststation, "der hat einen umfassenen Überblick über das druckgrafische Schaffen des Katalanen erhalten". Den kann übrigens nicht einmal das DaliBerlin, Leihgeber der Ausstellungsstücke, bieten. Aus Platzgründen, versteht sich.

Seele, der nur lobende Worte für die länderübergreifende Kooperation zwischen Hessen und Thüringen findet - "nicht zu vergessen: im Jahr 20 nach dem Mauerfall" - entdeckt schließlich eine der zerfließenden Uhren, und zwar in der Bilderfolge zu "Alice im Wunderland". Der Blick Salvador Dalis auf Lewis Carrolls Buch ist ein ganz eigener. Apropos Buch: Literarische Vorlagen werden in Kleinsassen ganz groß geschrieben. Das "Decameron" von Giovanni Boccaccio findet sich ebenso wie Francois Rabelais und sein "Gargantua und Pantagruel" - hier allerdings reduziert auf "Die drolligen Träume des Pantagruel". Zwei Klassiker, die dem Katalanen in seinem Hang zur Provokation übrigens sehr entgegen gekommen sein dürften, so sexuell deutlich bis derb sind sie passagenweise. Auch Dali hat sich weiß Gott nicht vornehm zurückgehalten in seinen Darstellungen...

Mein Dali

Die Bilder und Skulpturen des großen Surrealisten, der 1904 in Figueres geboren wurde und ebendort 1989 starbr, sind aber letztlich nur ein Teil des "Gesamtkunstwerks Dali". Wie kaum ein anderer verstand er es, sich selbst als Person zu inszenieren - und damit auch zu provozieren. Ein Verrückter, ein Sex-Maniac, ein aberwitzig-eitler Pfau war er, dem es gegen Lebensende immer schwerer fiel, sein Publikum zu schocken. Ein Exzentriker sondergleichen, wovon auch die vielen Fotos in Kleinsassen zeugen. Dies war und ist ein Punkt, an dem sich bis heute viele Menschen reiben. Und genau darum ist die Dali-Ausstellung keine reine Augenschau. "Der Betrachter soll sich seiner eigenen Wahrnehmung bewußt werden", erklärt Galerist Seele. Deswegen gibt es auch die Plakate unter dem Signet "Mein Dali": Es sind anonyme Stimmen einzelner Menschen aus allen Alters- und Sozialschichten, die ihre ganz individuelle Einstellung dem Künstler gegenüber kundtun. Aussagen, anhand derer sich die Betrachter in Kleinsassen selbst positionieren sollen. "Und darum haben wir diesmal auch ein besonders großes Besucherbuch ausgelegt, in dem unsere Gäste, wenn sie wollen, spontan und ausführlich in Wort und Bild erklären können, was 'ihr' Dali ist", sagt Marianne Blum.

Entscheiden sie sich für den Provokateur? Selten wurden Frauen und Männer in einem OEuvre so oft penetriert wie bei ihm. Gerät der Visionär, der die Grenzen der Wahrnehmung verschiebt, in den Fokus? Bizarre Gestalten wie Frauen mit Schubladen, Kopffüßler, die an Hieronymus Bosch erinneren, und Alpträume jedweder Art sind vertreten. Entscheidet sich jemand für den politischen Künstler? Allein die Grafikfolge "Die Caprichos des Goya von Dali" spricht Bände! Oder legt jemand sein Hauptaugenmerk auf den großartigen Handwerker, der Dali bei aller Provokation natürlich auch war? Sämtliche Grafiktechniken beherrschte er wie im Schlaf, mischte sie, brauchte manchmal für ein Blatt bis zu 34 Farbdruckplatten, wie Marianne Blum erklärt. Und so manch einer wird das Schlitzohr zu "seinem" Dali erklären, das Moses Teufelshörner aufsetzt und die eigenen Barthaare als Pinsel nutzt.

Ja, Ralf-Michael Seele hat Recht: Dali bringt die Menschen in Bewegung. Ob man ihn nun für einen Scharlatan hält oder einen der größten Künstler aller Zeiten oder - was wohl das Zutreffendste ist - für beides gleichzeitig, unberührt lässt er niemanden. Und darum lohnt die Beschäftigung mit ihm. Auch jenseits zerfließender Uhren.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 20. Juni 2009

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