Zurück   Startseite   Druckversion 28. Oktober 2008

Die Poesie der Ordnung

Die Papierobjekte der Eva Yeh in der Kunststation

Zwölf zarte Objekte aus Papier von Eva Yeh sind seit gestern in der Kunststation zu sehen. Zart sind sie, leicht zerstörbar und gleichzeitig überraschend kraftvoll in ihrer Aussage und von ungeahnter Poesie. Dabei sind es gar nicht einmal unbedingt teure, delikate Papiere, die die Künstlerin verwendet. Briefe, Zeitungspapier, Magazine, die Pappröhren von Küchenpapier und sogar benutzte Kaffeefilter dienen ihr als Material. Sie werden gefaltet oder gerollt, manchmal eingefärbt oder zerrissen und dann in einer Weise zusammengestellt, aufgereiht und zueinander in Beziehung gesetzt, dass eine ganz neue Bedeutung entsteht. Die Aussagen, die sie auf diese Weise formuliert, sind von großer Eindringlichkeit. Ein Beispiel: Das Objekt "Irrungen und Wirrungen" besteht aus eingefärbtem, gerolltem Zeitungspapier. Die Röllchen wurden stehend auf eine Platte montiert, die an die Wand gehängt wurde. Jedes Röllchen neigt sich in eine andere Richtung. Zusammen sehen sie von oben aus wie eine von einer Windhose zerzauste Wiese - ein eindrückliches Bild für die von den Massenmedien beeinflusste öffentliche Meinung und ein sprichwörtliches Sinnbild für das so genannte "Rauschen im Blätterwald". Oder das Objekt "Staccato", in dem die Künstlerin mit Hilfe gebrauchter, getrockneter Kaffeefilter, die sie gerollt und in einer Kiste - also einem fest umgrenzten Raum - rhythmisch angeordnet hat, eine musikalische Anweisung, wie man eine bestimmte Stelle in den Noten als Musiker zu spielen oder zu singen hat, in ein Bild verwandelt.

Wer ist diese Künstlerin, die mit so viel Fingerspitzengefühl für das Material, mit so viel malerischer Sensibilität für Farbe und Komposition, für Licht und Schatten und mit so viel poetischem Hintersinn gebrauchtem Papier Kunst von so großer Relevanz abringt? Aus China stammt sie. Gebürtig aus Shanghai, studierte Eva Yeh in Hongkong, Paris und Nizza. Besonders durch den Einfluss von Prof. Georges Locret im Atelier d'Art Mural in Nizza, dessen Meisterschülerin sie war, entwickelte sich ihr spezielles Interesse an dem Werkstoff Papier. In Frankreich erhielt sie auch mehrere Auszeichnungen, darunter ein Stipendium des französischen Kultusministeriums. Ihre Ausstellungsbiographie verzeichnet Schauen in Hongkong, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Polen, Österreich, Spanien, der Schweiz und den USA. Nach einer Zwischenstation in Hongkong lebt sie seit 1974 in Gießen, wo sie schon mehrfach in der Kunsthalle ausgestellt wurde.

Kein Wunder also, dass der Leiter des Oberhessischen Museums, der gleichzeitig auch Direktor der Kunsthalle Gießen ist, Dr. Friedhelm Häring, gern die Aufgabe des Festredners übernahm. Er kennt das Werk der Künstlerin seit vielen Jahren und ließ das Publikum in seiner mitreißenden Rede eindrucksvoll an seiner Kenntnis und an seiner Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst im Allgemeinen und die Kunst dieser Künstlerin im Besonderen teilhaben. So stellte er den Bezug von Eva Yehs Schaffen zur Kunstgeschichte her, verwies auf die Dadaisten, die damit angefangen haben, triviale Gegenstände des täglichen Gebrauchs zu Kunst zu erheben, aber auch auf die Maxime der Konkreten Kunst, einfache Formen zu verwenden um komplexe, abstrakte Zusammenhänge darzustellen. Dass Eva Yehs Kunst durch ihre ganz eigene Interpretation der Begriffe "Maß" und "Ordnung" über diese Ansätze hinausgeht und dabei eine wahre Verwandlung des verwendeten "Abfalls dieser Welt" zu "reiner Poesie" geschieht, daran ließ Dr. Häring keinen Zweifel. Seinem Wunsch, diese Kunst einmal "ganz groß in den wichtigen Kulturzentren der Welt zu sehen", schlossen sich alle Anwesenden an.

All diejenigen, die die Vernissage dieser Ausstellung verpasst haben, haben noch bis zum 11. Januar 2009 Gelegenheit die faszinierenden Papierobjekte der Eva Yeh in der Kunststation zu erleben.

Text: Marianne Blum, Kunststation Kleinsassen.


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