Zurück   Startseite   Druckversion 23. Juni 2008

"Das hier ist, glaube ich, meine schönste Ausstellung"

Armin Mueller-Stahl im Gespräch mit Marianne Blum

Armin Mueller-Stahl ist ein Weltstar und als solcher überall gefragt und viel beschäftigt. Umso größer ist die Ehre für die Kunststation, dass er sich zwei Tage Zeit genommen hat und gemeinsam mit seinem Galeristen, Frank-Thomas Gaulin vom kunsthaus Lübeck, extra zur Eröffnung der Ausstellung in die Rhön gekommen ist. Marianne Blum, Mitarbeiterin der Kunststation Kleinsassen, nahm die einmalige Gelegenheit wahr und traf das Multitalent kurz nachdem er seine Ausstellung in Augenschein genommen hat.

Armin Mueller-Stahl   Armin Mueller-Stahl

Armin Mueller-Stahl im Gespräch mit Marianne Blum. Fotos: Henrik Urbin.

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Kunststation: Sie haben auf dem Rundgang eben durch die Kunststation erwähnt, dass das Zeichnen Sie schon Ihr Leben lang begleitet hat. Heißt das, dass es auch schon aus der Schulzeit ganz frühe Arbeiten von Ihnen gibt?

Mueller-Stahl: Es gibt ganz frühe Sachen, die im Tagebuch meiner Mutter enthalten sind. Da zeichne ich schon als Dreijähriger. Meine Mutter hat ein Kinderbuch geführt. Wir sind fünf Geschwister gewesen. Es sind noch vier da. Ich glaube, es ist bei meinem Bruder, dieses Kinderbuch. Da gibt es Himmelsleitern und eine Locke von mir, die ich damals noch hatte, und es sind verschiedene Sachen eingeklebt. Da beginnt das. Da bin ich zwei oder drei Jahre.

Kunststation: Ihre Mehrfachbegabungen, die Schauspielerei, die Musik und das Zeichnen, stand das irgendwann mal in Konkurrenz? Haben Sie sozusagen die Notwendigkeit empfunden, sich für eine Sache entscheiden zu müssen?

Mueller-Stahl: Nein, komischerweise nie. Ich habe es auch nie als Konkurrenz empfunden. Die ergänzen sich sehr, sehr harmonisch und in Wirklichkeit kommen sie alle für mich aus einer Quelle. Ich habe also gar nicht das Gefühl, wenn ich male, dass ich etwas wesentlich anderes mache als wenn ich schauspiele. Ich entdecke bei beiden Dingen die Hintergründe der Figur. Wenn Sie so wollen, die Seele der Figur. Der Entdeckungsvorgang ist gleich. Ähnlich wie auch bei der Musik, nebenbei gesagt.
Die Natur liefert alles sowohl für die Schauspielerei als auch für die Musik und die Malerei. Das, was ich sehe, was in der Natur für die Augen gemacht ist. versuche ich nur zu transponieren in eine Mallogik, um nicht in den Naturalismus zu verfallen. Denn nur Naturalismus ist langweilig. Die Natur ist eh schöner, als jede Kunst es kann. Die Fotografie hat das Abbilden heute total im Griff. Die Malerei muss übersetzen.

Kunststation: Wenn jemand mehrere Dinge beherrscht oder mehrere Begabungen hat, dann wird das gerade in Deutschland schlecht angesehen. Haben Sie das auch so empfunden, dass hier so eine Art Druck von außen erzeugt wird, nach dem Motto: "Wenn er so viel kann, dann kann er nichts richtig"?

Mueller-Stahl: Nein. Ich habe das aber auch - weil ich so wenig hier bin - nicht erfahren. Aber ich bin sicher, dass es so ist. Man geht in der Regel sehr skeptisch mit Zweitbegabungen um. Das weiß ich.

Kunststation: In Amerika soll das besser sein. Ist das auch ein Grund, warum Sie dahin ausgewandert sind?

Mueller-Stahl: Nein, das ist nicht der Grund. Der Grund ist, dass das Leben ein Abenteuer ist. Ich bin ja nicht als Baum geboren. Ich hätte sogar Baum werden können vom Charakter her. Nein, ich wollte mich aus den Klauen der Länder befreien, auch von den Meinungen der Leute über mich. Ich ließ mich ja auch nicht einfangen in eine Serie, was sehr mutig von mir war. Dass ich Serienangebote hier abgesagt habe zu Beginn meiner Zeit in Amerika und gleichzeitig noch gar nichts anderes hatte. Dass ich sogar "den Alten" abgesagt habe. Da hatte man mir sogar - glaube ich - die höchste Gage eines deutschen Schauspielers überhaupt angeboten. Also dies ist die einzige mutige Entscheidung von mir. Vielleicht - im Nachhinein - noch, dass ich die DDR verlassen habe 1979. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich gewisse Dinge einfach nicht über mich ergehen lassen wollte. Deswegen interessieren mich die Meinungen der Leute wenig. Weil ich einfach das mache, was ich für richtig halte. Deswegen bin ich über die Grenzen geflogen, auch nach Amerika. Ich wollte mich nicht "einschubladisieren" lassen.

Kunststation: Schönes Wort. Aber haben Sie trotzdem auch Vorbilder in der Bildenden Kunst?

Mueller-Stahl: Immer wieder mal sehe ich mir Bilder an - übrigens häufiger die alten Meister als die neuzeitlichen - und stoße immer wieder auf Überraschungen und die sehe ich gerne. Ich sehe die ganzen "Brücke-Maler", die Expressionisten, aber auch die Impressionisten sehr gerne. Ich sehe die Zeichner Picasso und Léger und ich habe einen relativ unbekannten aber wunderbaren Zeichner entdeckt, der mal den Sommernachtstraum gezeichnet hat: Max Schwimmer.
Immer wieder entdecke ich Bilder, die mich faszinieren. Es ist weniger ein Gesamtwerk, es sind immer einzelne Bilder. Zum Beispiel Nolde. Da war ich mal in einer Ausstellung "Entartete Kunst" in München und da stehe ich vor dem Bild, dieser berühmten weißen Mühle im Grünen, das kennen Sie sicherlich, und da stehe ich und das gefällt mir. Boff! Ich kann nicht erklären warum, das ist einfach so. Das einfach ein sehr gefühlsmäßiger Zugang. Das hat mich sehr beeindruckt. Und so gibt es immer wieder Bilder, die mich beeindrucken, die ich schön finde und das nicht nur von einem Maler.

Kunststation: Würden Sie gern mal einen Maler in einem Film spielen?

Mueller-Stahl: Habe ich gerade. In einem amerikanischen Film namens "Local Color". Mir gefällt der Film sehr gut. Das ist ein relativ kleiner Film, aber ein sehr menschlicher Film. Der Regisseur, George Gallo, ist ein Freund von mir und selbst auch Maler. Wir haben uns sehr gut verstanden. Das ging wunderbar. Er hatte nur keinen Verleiher, obwohl er großartige Kritiken bekommen hat, z.B. beim New Yorker Film Festival. Der Autor und Regisseur hat "Midnight Run" geschrieben, er hat über 60 Drehbücher geschrieben. Gallo ist in erster Linie Drehbuchautor und er ist befreundet mit Robert de Niro. Ich muss ihn mal fragen, ob er inzwischen einen Verleiher gefunden hat. Große Kritiken hat er bekommen. Aber der Film war auch besonders für mich, wenn ich so sagen darf, denn diese Figur hat mich sehr interessiert. Aber das war dann ja auch genug mit Malern. Da male ich lieber selbst, als dass ich Maler spiele.

Kunststation: Noch ein Wort zu der Ausstellung hier in Kleinsassen?

Mueller-Stahl: Ich bin sehr beeindruckt. Ich finde, was hier gehängt wurde und wie es zusammengestellt wurde, das ist Herrn Seele unheimlich gut gelungen. Er hat ja in Meiningen auch schon einmal länger gesprochen und ich weiß, dass er ein bisschen auch in meine Seele geblickt hat und dass er das, was er gesehen hat, gut an das Publikum weitergeben kann, sicherlich besser als ich sogar. Ich kann nur sagen, das ist sehr, sehr gelungen und ich möchte mich dafür sehr herzlich bedanken. Das hier ist, glaube ich, meine schönste Ausstellung.

Kunststation: Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie sich - wenn Sie mal zu drehen aufhören - ausschließlich der Malerei widmen möchten. Daraus ist anscheinend nichts geworden, denn Sie fliegen von hier aus ja auch wieder weiter zu Dreharbeiten.

Mueller-Stahl: Das hat andere Gründe. Das ist schon geworden, bloß ich stand immer noch im Wort, bei zwei, drei Filmen mitzumachen. Einen Film will ich auf jeden Fall noch machen, was für einen, darüber möchte ich jetzt noch nicht sprechen, aber da stehe ich schon seit langer Zeit im Worte. Aber das werden dann auch wirklich meine letzten Arbeiten.

Kunststation: Das würde das Publikum sehr bedauern.

Mueller-Stahl: Ach wissen Sie, ich habe doch so viele Filme gemacht. Ich bekomme jetzt gerade in Amerika die schönsten Angebote. Ich habe mich für diesen Film entschlossen, weil ich da am wenigsten zu tun habe. Da bin ich am schnellsten fertig und er ist auch der größte. Bei den anderen wäre ich wieder zwei Monate nur beschäftigt mit meiner Rolle. Ich habe 120 oder 140 Filme gemacht, ich habe sie nicht gezählt, inklusive Fernsehfilme und 25 Jahre Theater, das ist lang. Das ist eine Sache, die ich mir sogar übel nehme: 25 Jahre Theater. Fünf hätten gereicht.

Kunststation: Wieso?

Mueller-Stahl: Ich hätte besseres beginnen können mit der Zeit. Ich hätte mich mehr mit Musik und Malerei beschäftigen können. Mit der Kunst hätte ich mich lieber auseinandergesetzt als mit dummen Regisseuren.

Kunststation: Aber vielleicht ist diese Zeit wichtig gewesen, um dann an die guten Regisseure ranzukommen? Man muss sich ja auch erstmal den Weg bahnen.

Mueller-Stahl: Gute Regisseure... Ach wissen Sie, Filmarbeit ist mehr und mehr eine Teamarbeit. Die besten Regisseure sind gute Teamplayer. Sie versuchen die besten Leute zu kriegen um sich herum, die Designer, die Kameraleute, die Editors, die besten Schauspieler... und wenn Sie mit den besten Leuten umgeben sind, dann machen Sie auch einen guten Film. Dann ist es nicht mehr schwer einen guten Film zu machen. Deswegen ist meine Bewunderung für große Regisseure nicht so ungeheuerlich groß. Das ist Teamarbeit. Wie bei einem Dirigenten. Orson Wells hat mal gesagt: "Die beiden überschätztesten Berufe sind Dirigent und Filmregisseur" und er hat nicht unrecht. Wenn ich ein Dirigent bin und ich habe das beste Orchester der Welt zur Verfügung, dann machen wir auch gute Musik. Natürlich muss ich auch in der Lage sein Leute zu überzeugen, was ich gut kann mit Schauspielern. Ich kann sie gut überzeugen, weil ich genau weiß, wie ich sie behandeln muss. Ich rede gar nicht viel. Ich weiß aber genau, wie ich motivieren kann. Und ein Schauspieler - genau wie ein Musiker - muss auch merken, wenn man einen Vorschlag macht, dass er besser ist. Und das merken Sie sofort. Ich verstehe von Musik und Schauspielerei sehr viel, wenn man das viel nennen darf. Ich habe mich ein Leben lang damit beschäftigt. Ich habe viele Dirigenten gehört und gute Regisseure gesehen. Ein guter Regisseur ist ein Teamarbeiter. Der hört auch auf die guten Schauspieler.
Ich arbeite jetzt gerade mit einem Schauspieler, den ich für den besten seiner Generation halte, das ist Tom Hanks. Als wir uns kennenlernten, da sind wir mit offenen Armen aufeinander zu gegangen - wir kannten uns gar nicht, nur aus der Ferne. Da macht das Arbeiten einfach Spaß.

Kunststation: Womit wir wieder bei der Leichtigkeit sind.

Mueller-Stahl: Ja. Ich habe früher immer gedacht, dass meine Zeichnungen nichts wert sind, weil sie mir so leicht fallen. Aber im Grunde sind auch meine stärksten Rollen die, die ganz einfach zu spielen waren.

Kunststation: Herr Mueller-Stahl, wir danken für dieses Gespräch.


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