Zurück   Startseite   Druckversion 16. Juni 2008

Ausstellung Armin Mueller-Stahl

...und eine bemerkenswerte Laudatio

Über die Kunst menschliche Qualitäten entfalten zu lassen". Diesen Wunsch äußerte gestern der Kunstwissenschaftler Ralf-Michael Seele bei der Vernissage zur Ausstellung "Charakter-Bilder" von Armin Müller-Stahl in der Kunststation Kleinsassen/Rhön ("osthessen-news" hat am Wochenende bereits mehrfach über Vorbereitungen und Eröffnung mit Bildern und Video berichtet). Doch die Beschreibungen von Seele, der auch Gründer und Leiter der Städtischen galerie "ada" im südthüringischen Meiningen ist, hat die rund 250 Zuhörer ergriffen und selbst der anwesende Künstler und Weltstar Armin Müller-Stahl war offenbar verblüfft und lobte Seele mit den Worten: "So eine Beschreibung ... das hätte ich hier nicht erwartet".

Wegen der Grundsätzlichkeit hat "osthessen-news" die Zustimmung von Ralf-Michael Seele erhalten, seine bemerkenswerte Einführung in die Ausstellung nachfolgend "im Wortlaut" zu veröffentlichen.

"Ich bin glücklich, dass wir an diesem schönen und großzügigen Ort Werke eines solchen Menschen wie Armin Mueller-Stahl zeigen können und dass Sie alle durch Ihre Anteilnahme uns in dem Bemühen stärken, über die Kunst menschliche Qualitäten entfalten zu lassen.

Ausstellungen sind auch für den Künstler optimale Gelegenheiten, seine Bilder in einem angemessenen Umfeld sowie in wechselnden Konstellationen zueinander im Gesamteindruck erleben zu können. Die Sprachen der jeweiligen Räume korrespondieren mit der Sprache seiner Bilder.

So formt sich deren Versammlung zu einem immer wieder neuen, aber auch selbstähnlichem Gesamtkunstwerk. Dieses erzählt Geschichten auf der Bühne der Farben und Formen, viele kleine ernste und heitere Geschichten - und eine ganz große, ein Tagebuch in Bildern.

Geschichte zu erzählen, die Phantasie der Menschen anzuregen durch das Vorspielen im weitesten Sinne - das ist eine Funktion des Gauklers, des weisen Narren, des Clowns. Eine andere ist die des Mittlers zwischen den Welten über die archetypische Komponente des Merkur. Armin Mueller-Stahl wählte den Gaukler als vielsprachigen Geschichtenerzähler zu seiner Lieblingsrolle. Hinweise dafür sind Grafiken dieser Ausstellung sein Gedicht im Katalog, seine Rolle als Clown Helmut in dem Film Night on Earth, die wir am 16. August hier zeigen.

Seine Rollen, seine Bildgeschichten, sein Leben erzählen von dem, was sich mit dem Begriff Charakter umschreiben lässt. Er lenkt er den Blick über eine sparsame Ästhetik auf das Wesenhafte, Charakteristische von Kunst und Leben. Das Wesen dieses Mannes fließt aus jeder seiner vielseitigen künstlerischen Haltungen heraus. In all seinen Ausformungen wirkt er als ein universeller Charakter-Bildner.

Er vermag sich als Schauspieler schnell und vollendet in einen Charakter hineinzuversetzen und diesen auszudrücken. Gelebte Authentizität, die Durchschlagskraft seiner Lebenserfahrung, Schärfe der Beobachtung bringen Charakter-Rollen und Charakter-Bilder als solche zum Strahlen.

Zum Charakter gehört eine ausgeprägte Handschrift. Einige Beispiele: Die Gesichthälften und Augen in den Porträts zeigen sich meist unterschiedlich, ergänzt durch spannungsreiche und teilweise monumentale Kopf-Hand-Konstellationen. Lineare selbstähnliche Randfiguren umkreisen die Zentralgestalt. Oft finden sich vexierbildartige Kompositionen. Bildtitel und Notizen wirken als gestalterischer Bestandteil der Gesamtanlage. Die Schrift als logisch-lineare Zeichenfolge zeigt ihre analoge Seite als ästhetische Spur und entfaltet sich als flüchtiges Liniengebilde. Drei Farbfelder strukturieren die vertikale Ebene. Rote Pinselspuren sowie Wellenlinien steigern den Eindruck von Lebendigkeit. Der Gesamteindruck lebt von Kontrasten. Liebe Anwesende - entdecken Sie weitere Stilmerkmale.

Sein Schaffen bestimmen die Farbe, die Fläche sowie das Malerische als Ausdrucksformen des Fühlens, während sich die Linie als Sprache des logischen Denkens diesen unterordnet. Im gleichen Sinne wirken unbearbeitete Bildgründe ebenfalls als Farbfläche. Vor dunklen Feldern leuchten kontrastreich fünf dominante Farben - breit auf dem Grund haftend oder als dünne Linie im Raum schwebend.

Die Kompositionen erzeugen Bildräume, denen eine gewisse surreale Theater- und Filmatmosphäre eigen ist. Die zahlreichen übereinander liegenden, durchscheinenden Farbschichten und Bildstrukturen lassen auf eine differenzierte Persönlichkeit schließen, die im Auf und Ab ihrer selbstbewusst gestalteten Lebensgeschichte zu einer einmaligen Charakter kristallisierte.

Mit der Anmut spielerischer Leichtigkeit lässt Armin Mueller-Stahl mit wenigen Linien Grafiken wachsen. Lustvoll folgt das Auge den Handbewegungen, deren Spuren sich über den Augenblick hinaus verewigen. Locker und spontan, mal leicht, mal kräftig, expressiv und wieder verhalten tanzt die Hand über das Blatt. Ihrem Rhythmus entspringen Punkte und Linien, die sich im Innern des Betrachters zu Wesen vereinen. Das Nichts zwischen den Linien durchströmt Vitalität. Die Fläche wölbt sich in die imaginäre dritte Dimension. Bildraum transzendiert zum Seelenraum. Die Figuren scheinen zu atmen. Hände und Füße erzählen bewegte Geschichten. Alles fließt. Der Tanz des Lebens haucht im Vorübergehen einen Gedankenblitz.

Ihrem erahnbaren Wesen nach schwingen die Porträts als Seelenbilder, als in Form gegossene psychische Kräfte und Qualitäten. Statt äußerlicher Expressivität bevorzugt Armin Mueller-Stahl innere Energieballung und erreicht damit eine hohe emotionale Intensität. Er gestaltet lineare und malerische Psychogramme, hingehauchte Momente gefühlten Da-Seins, die noch im Zustand ihrer materiellen Fixierung weiter pulsieren.

Das Lebenswerk des sich ganzheitlich ausdrückenden Künstlers vollendet der Dreiklang des Schönen, Guten und Wahren - Bedingung für bildnerische Qualität sowie Beispiel für die Integration dieser drei Seins-Weisen. Armin Mueller-Stahl verwischt die starren Grenzen der Moderne innerhalb sowie zwischen Kunst und Leben, privatem Schutzraum und sozialen Engagement bzw. Verantwortung und lebt wie selbstverständlich und mit Würde das natürliche Kontinuum allen Seins.

Er inszeniert ein vielfältiges Bühnengeschehen zwischen Wirklichkeiten, in denen sich Bildgeschichten dramatisch verdichten oder in Leichtigkeit verflüchtigen. Durch sein gesamtes Werk balanciert er zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, zwischen nüchterner Distanz und liebevoller Zuneigung. In jedem Fall darf sich die schöpferische Seele ungehindert im Kontinuum entgrenzen.

Künstlerisches Weltempfinden lebt Armin Mueller-Stahl als Prozess. Daher übermalt er auch frühere Werke. Die Arbeiten wirken in der Tendenz flüchtig und verspielt, aus einem spontanen und vitalen Lebensgefühl heraus geschöpft und den Augenblick verehrend. Was zählt, ist das Jetzt, hier und heute, der Moment als Kostbarkeit. Seine Kunst ist die autonome Skizze im weitesten Sinne. Unbekümmert alle technischen und stilistischen Mittel kombinierend, erscheint mir der Begriff des Spontanbildes treffend, sich rasch verflüchtigende Gemütsregungen festzuhalten. Bewegung stellt er körperlich expressiv oder seelisch impressiv dar. Seine Kunst ist die artifizielle Bewegung.

Malerisch bewegte, ästhetisch ausbalancierte und diffus akzentuierte Farbkompositionen als Landschaften und Tierszenarien unterstreichen den mitunter geradezu musikalischen Gesamteindruck. Der Wind als Lebensatem des Universums, als Symbol des nicht greifbaren Geistes verströmt sich zwischen Himmel und Erde und hüllt den Betrachter ein. Das uranfängliche Wasser, die blaue Farbe, die endlos rauschende Bewegung versinnbildlichen die Dimension der Gefühle. Das Meer hat Armin Mueller-Stahl nie verlassen - an der Ostsee aufgewachsen, genießt er in Los Angeles die Weite des Blickes und am Strand in Schleswig-Holstein den nötigen Auslauf für seine Psyche.

Bewegung, Farben und Wasser, der ganzheitliche Ausdruck von Armin Mueller-Stahl, sein ständiges Unterwegssein, seine künstlerische Universalität auch als Mittel des Sich-Befreiens veranschaulichen unmittelbar: Die Kunst ist eine Sprache der Seele, mit der sich diese in der stofflichen Realität Präsenz verschafft. Kunst lässt Begrenzung und Schwere von Raum und Zeit, Materie und Kausalität teilweise hinter sich, zumindest dies als Illusion genießen. Alle Sehnsüchte nach Freiheit wurzeln in den grenzenlosen, intensiven Erfahrungen der Seelen-Dimension.

Künstlerische Arbeit kann den Menschen von alten Mustern befreien und ihn erneuern helfen. Auch das ist Armin Mueller-Stahl bewusst und widerspiegelt sich im Charakter der meisten Werke als intime Kammerstücke oder im Aussehen seiner malerisch, zeichnerisch und handschriftlich überarbeiteten Drehbücher. Die Schaffensweise von Armin Mueller-Stahl ist für mich ein paradigmatisches Beispiel, Gefühlsqualitäten ästhetisch mitreißend auszudrücken. Denn nur tiefes und feines Ins-Leben-Spüren sichert unsere planetare Zukunft. Das Unterdrücken führt zu alldem, worunter wir leiden.

Trotz allen Zaubers, den die Kunstwerke ausstrahlen, geht es in letzter Konsequenz doch mehr um Menschen als um Objekte, denn hinter jedem Kunstwerk steht ein Mensch - der Künstler, vor jedem Kunstwerk steht ein Mensch - der Betrachter und die Kunstwerke vermittelt ebenfalls ein Mensch - z. B. der Kurator.

Kunst findet weniger draußen vor unseren Augen statt, sondern viel mehr tief in uns drinnen. Jetzt kommt ihre Rolle ins Spiel. Das Erleben dieser Ausstellung kann nur so gut sein, wie Sie sich selbst als Mit- und Neuschöpfer der Bildwelten von Armin Mueller-Stahl einbringen. Entfesseln auch Sie ihre Seele: Werden Sie Linie, seien Sie Farbe, verströmen Sie sich in den Bildgeschichten - vielleicht sind es die Ihrigen. Trauen Sie Ihrer eigenen Weltsicht - vielleicht führt nur sie zur wahren Geschichte.

Und vielleicht werden Sie den Charakter-Bildern von Armin Mueller-Stahl am ehesten gerecht, wenn Sie den Worten des englischen Schriftstellers und Satirikers Samuel Butler von 1950 (Gruen) folgen:

'Wir dürfen Männer nicht so sehr nach dem beurteilen, was sie tun, als nach dem, was sie uns fühlen lassen, was sie in sich haben ... Ich will einen Mann nicht nach dem einschätzen, was er tatsächlich auf seine Leinwand gemalt hat, noch nach dem, was er sozusagen auf der Leinwand seines Lebens dargestellt hat, sondern nach dem, was er mich hat spüren lassen, was er gefühlt und worauf er gezielt hat.'

Ich bedanke mich fürs Zuhören und bei allen Mitgestaltern dieser Ausstellung für die schöpferische Zusammenarbeit zum Wohle aller und ganz besonders bei Ihnen, Herr Armin Mueller-Stahl und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute."

Aus: Osthessennews vom 16. Juni 2008
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