Zurück   Startseite   Druckversion 11. April 2007

Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen präsentiert "Zeitgenössische Bildende Kunst aus Tschechien"

Einblicke in den kreativen Kosmos unseres Nachbarlandes

Das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden zu erleben - dazu lädt eine Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen ein: "Zeitgenössische Bildende Kunst aus Tschechien" ist in den Hallen 2 und 3 zu sehen, die zwischen Tradition und Innovation in einem von Globalisierung geprägten Europa ihre Identität behauptet. Kuratorin Karina Wellmer-Schnell, die seit vielen Jahren intensive Kontakte zu unserem Nachbarland aufgebaut, dort mehrfach ausgestellt und enge Freundschaften geschlossen hat, will mit der Schau Einblicke geben in aktuelle Strömungen. Die Darmstädter Künstlerin hat elf Kolleginnen und Kollegen aus der Tschechischen Republik in die Rhön eingeladen, um am Fuße der Milseburg ihre unterschiedlichen Positionen zu präsentieren.

Da ist zum Beispiel Petr Sladek. Seine Bildsprache ist figürlich und erzählerisch, bisweilen im positiven Sinne kindlich naiv. Zeichnungen - zusammengefasst unter dem Oberbegriff "Das Meer" - zeigen das Spiel von Wind und Wellen. Boote und Wracks, Möwen und Seehunde, nehmen den Betrachter mit auf eine assoziative maritime Reise. Liebenswert sind auch Sladeks kleine keramische Arbeiten "Kuh" und "Kalb". Karel Hrubes, eigentlich gelernter Restaurator, liebt das freie Spiel mit Formen und Farben. Charakteristisch für seine Bilder ist, dass darin immer wieder Bögen und Schwünge zu sehen sind, die auf klare Farblinien treffen. Der Eindruck der Dynamik, der aus von der Form ausgeht, wird so durch die Farbe wieder sanft ausgebremst. Tomas Barans Arbeiten stehen im Spannungsfeld zwischen lyrischer Abstraktion und reiner geometrischer Form. Acrylbilder wie "Wasser (zum Fischen)" oder "Nächtliche Spuren" entfalten eine harmonische Wirkung und geben durch ihre stille Zeichenhaftigkeit Rätsel auf.

Aufgehängte Katzen, gelbe Tische, Fahrräder und halbwüchsige Jungen gehören zum Bildprogramm von Lubomir Typlt. Besonders beeindruckend ist das großformatige Werk "Ich, Fremder". Der A. R.-Penck-Meisterschüler hält darauf in Öl auf Leinwand das Gesicht desselben Mannes in zweifacher Ausführung fest. Beinahe plakativ leuchten Gelb und Grün, kontrastiert mit Schwarz. Die expressiven Farben sind mit hektischem Pinsel aufgetragen, wild wirkt das Ganze, spiegelt Zerrissenheit, Ungeduld, Wut und den im Titel genannten inneren Widerspruch, sich selbst fremd zu sein. Marek Borsanyi ist rebellisch, frech, gesellschaftskritisch, wie er in 134 Zeichnungen beweist. Sie halten in rascher Ausführung existenzielle Momente fest, sind nicht selten sexuell konnotiert. Aber nicht nur im Zweidimensionalen versteht sich Borsanyi auf die Kunst der Provokation: Seine riesige Plastik in Holz und Zinkblech stellt ein grimmiges Gesicht dar und trägt den Titel "Präsident".

Schmunzeln lassen bisweilen auch die Exponate aus dem Atelier von Pavla Vaculikova. Zum Beispiel ihre innovative Installation "Federbett". Sie besteht aus einer an der Wand angebrachten Daunendecke aus wärmstem rosa Stoffbezug. Davor reiht Vaculikova Einmachgläser auf, die sie zuvor bis unter den Rand voll gestopft hat mit Federn. Eine Arbeit übrigens, die wie ein Ensemble rosa bezogener Sitzgelegenheiten zur Reihe "Anatomie der Zärtlichkeit" zählt. Die Objekte und Rauminstallationen von Stanislava Konvalinkova sind aus industriellen Materialien gefertigt. Aus Matratzenschaum und Watte formt sie Gegenstände, die sie überdimensioniert. Durch die bewusste Übertreibung hinsichtlich der Größe ironisiert sie ihre Objektwelt: "Die Wasserpfeife", die mächtig Raum greift, "Das Schneckenhaus", "Der Trichter".

Eine enigmatische Aura verströmen Dominika Sladkovas poetische Textil- und Keramikobjekte. Hausgeister und Kobolde bevölkern ihre märchenhafte Kunstwelt. "Spirit", "Beauty" oder "Angel" sind die Schlagworte, die Dagmar Brichcinova in großen Lettern auf Leinwand und Textilien druckt und zur Diskussion stellt, eine anregende Mischung aus der alten Tradition des Tafelbildes und der modernen Gestaltungsweise von Textilien. Die Malerei von Roman Brichcin durchzieht eine suggestiven Sprache. Die Farbvitalität der Arbeiten bannt den Betrachter, lockt in einen magischen Kosmos. So wie die Bilder von Natasa Nenadovic. Dünn lasierte Schichten aus Acryl- und Öl schaffen Farbräume, die mal einladend leuchten, mal elegisch geschlossen wirken.

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Texten von Karina Wellmer-Schnell und dem Meininger Kunstwissenschaftler Ralf-Michael Seele erschienen. Für 5 Euro ist er an der Kasse des Präsentationshauses erhältlich. Die Schau "Zeitgenössische Bildende Kunst aus Tschechien" in Halle 2 und 3 der Kunststation läuft bis 3. Juni. Öffnungszeiten: Di - So 13 - 18 Uhr. Eintritt: 1,50 Euro.

Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds
Die Ausstellung "Zeitgenössische Kunst aus Tschechien" wird gefördert vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.


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P. Klingebiel, Fulda

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