Zurück   Startseite   Druckversion 10. April 2006

Rede zur Vernissage "Kunstakademie Krakau"

Von Veronika und Alexander Zyzik.

Herzlich Willkommen in der Kunststation Kleinsassen. Die Kunststation Kleinsassen ist eine seit über 26 Jahren aktive Galerie mit reger Ausstellungstätigkeit und zahlreichen Kooperationen. Zu einer der Traditionen, die sie im Laufe dieser Zeit begründet und gepflegt hat, gehört die Zusammenarbeit mit Kunstakademien. Neben Akademien aus Leipzig (Professor Sieghard Gille), Warschau (Professor Winiarski), Danzig und Cluj-Napoca (ehem. Klausenburg) / Rumänien (10 Professoren), erinnern wir uns an die Ausstellungen der Professoren und Studenten aus Kassel, Professor K.O. Blase, Professor Werner Kausch, Professor Peter Paulus, Professor Manfred Bluth und Professor Kurt Haug, mit dessen Klasse uns unsere persönliche Geschichte verbindet.

Warum zeigen wir nun die Krakauer Akademia Sztuk Pieknych (ASP - Akademie der Schönen Künste) in Kleinsassen? Die Antwort ist einfach. Wir sind Künstler, die seit Jahren mit der Kunststation Kleinsassen verbunden sind. Seit über 12 Jahren sind wir im Landkreis Fulda ansässig, aufgewachsen sind wir beide jedoch in Oberschlesien. Dort hat unser Interesse für die Kunst ihren Ursprung und dort liegen die Anfänge unseres künstlerischen Werdegangs. In dieser Region ist die Aura der Krakauer ASP deutlich spürbar, auch durch ihre Dependance in Kattowitz. Unsere ersten Schritte als Bildende Künstler machten wir mit Blick auf die Errungenschaften dieser Akademie. Ihre Einflüsse spüren wir in unserer künstlerischen Tätigkeit bis heute. Die Idee, diese Akademie einmal in Kleinsassen vorzustellen, lag also nahe. Im Frühjahr 2005 hatten wir uns entschlossen nach Krakau zu fahren, um Kontakt mit der ASP zu knüpfen. Noch während der Fahrt machten wir uns Gedanken darüber, wie die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche der letzten 15 Jahre die Krakauer Akademie beeinflusst haben könnten. Hochschulen, nicht nur Kunsthochschulen, sind immer eine Art Barometer und Seismograph für die Gesellschaft, in der sie verortet sind.

Doch nachdem wir die Ateliers der Akademie besucht und die neuesten Werke der Studenten gesehen hatten, waren wir uns einig, dass die Ausstrahlung der ASP nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Im Gegenteil: In den Arbeiten der Studenten und Absolventen ist die Tradition der ältesten polnischen Kunstakademie (1818 gegründet) genauso spürbar, wie die Öffnung und das Interesse an den neuesten Trends und Entwicklungen in der internationalen Kunstszene, was sicher auch eine Folge des regen Austauschs zwischen den Hochschulen auf der ganzen Welt ist. Unter solchen Bedingungen ist die Entwicklung eines breiten Spektrums an Ausdrucksformen möglich, in dem sich jeder individuell verwirklichen kann, ohne sich von seinen Wurzeln trennen zu müssen. So legt die Krakauer Kunstakademie nach wie vor großen Wert auf handwerkliches Können, doch dienen diese Fertigkeiten nicht mehr einer einzigen Kunstform, sondern eher einer soliden Grundausbildung.

In einer Zeit sich rasant entwickelnder neuer Medien, ist man als Maler immer gezwungen sich zu fragen, welche Rolle die Malerei heute und in der Zukunft haben kann. In Krakau finden die Studenten mit Hilfe des Instrumentariums, das ihnen im Laufe ihres Studiums zur Verfügung gestellt wird, ihre ganz eigenen Antworten auf diese Frage. Sie experimentieren mit neuen Techniken und Materialien und versuchen einen unkonventionellen Blick auf die Welt zu werfen, in der sie leben. Das Ergebnis sind Werke, die mit modernen Medien (Video, Computergraphik) sympathisieren, aber auch minimalistische Formen des künstlerischen Ausdrucks finden, und fast klassische Bildkompositionen. Sie alle sind Ergebnis eines Prozesses der "Fermentation und Reifung", den die Studenten an der Krakauer Kunstakademie zweifellos durchlaufen. Derartige Prozesse schaffen eine geeignete Grundlage für die nächsten Künstlergenerationen, was uns zu der Feststellung bewegt, dass die Absolventen dieser Akademie uns in der Zukunft noch viele Überraschungen bereiten werden.

Nun zur Geschichte der Akademie in zwei, drei Sätzen: Die Akemie wurde - wie schon vorher erwähnt - 1818 gegründet. Zuerst als eine Abteilung der im Jahre 1364 gegründeten Jagelonski Universität. Sie wurde selbständig im Jahre 1873 unter den Namen der Schule der Schönen Künste, und ihr Leiter wurde der berühmte Historienmaler Jan Matejko (1838-1893). Nach dessen Tod spielte eine wichtige Rolle der erste Rektor: Julian Falat, herausragender Landschaftsmaler, der die Schule reformierte, so dass sie den Status der Hochschule bekam. In der Zeit, als in der europäischen Kunst Modernismus herrschte, lehrten an der Akademie die besten polnischen Maler, Leon Wyczolkowski, Jan Stanislawski, Jozef Mehoffer und nach 1905 Jozef Pankiewicz, Ferdynand Ruszczyc und Wojciech Weiss. Die Akademie wurde damals zum Zentrum des polnischen kulturellen Lebens. Sie entwickelte sich ständig in Strukturen, Kunstrichtungen und Lehrmethoden weiter. Sie bleibt ihren glänzenden Traditionen treu, ist aber zuleich offen für Herausforderungen zeitgenössischer Bedürfnisse und neuster Entwicklungen der Kunst. Die Akademie lehrt seit 180 Jahren Künstler wie Maler, Bildhauer, Grafiker, Innenausstatter, Produktdesigner, Bühnenbildner und Restauratoren. Aus der Entwicklung der polnischen Kunst früher wie heute ist diese Akademie und die Krakauer Kunst insgesamt nicht weg zu denken. Die Künstler, die mit der Akademie in Verbindung standen, spielten dabei immer eine führende Rolle. Als ein Beispiel in der zeitgenössischen Kunst kann man die Gruppe Ladnie (Schön) erwähnen, die weit über die Grenzen Polens bekannt wurde, oder auch Wilhelm Sasnal.

Jetzt aber möchte ich Ihnen in alphabetischer Reihenfolge die Künstler der Ausstellung vorstellen:

Agata Biskup, geb. 1982, befindet sich im Abschlusssemester. Von Oktober 2005 bis Februar 2006 gastierte sie als Stipendiatin an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Mit Ihrer Arbeit wurden Sie schon im Eingang konfrontiert: "Landschaft mit Don Kichot". In Ihren früheren Werken (im Katalog abgebildet), wurde die Oberflächenstruktur stark betont. In den neusten Bildern, in denen sie furchtlos an der Grenze zum Kitsch balanciert, arbeitet sie mit großen kontrastreichen und farbintensiven Flächen. Dazu gehören Bilder wie "Abstrakte Landschaften" in Halle 2 und Sonnenuntergänge in der Halle 3.

Przemyslaw Czepurko, geb.1978, machte seinen Diplomabschluss bei Prof. Andrzej Bednarczyk im Jahr 2005. Zu seinen Arbeiten gehören z.B. die Bandagierten Bilder in der Halle 2. Przemyslaw Czepurko interessiert das Bild als Objekt, als Fetisch, also als magischer Gegenstand. Witold Stelmachniewicz schrieb in seinem Vorwort: "Czepurko in seiner minimalistischen Konzeption balanciert am Rande des Seins und Nicht-Seins der Elementarteile. Das bedeutet, dass er sowohl die Fläche des Bildes in seine Konzeption einbezieht, wie auch die materiellen Voraussetzungen des Bildes als Objekt, also den Keilrahmen, die Leinwand, die Farbe."

Lukasz Grabski, geb. 1979, absolvierte das Kunstgymnasium im Bielsko Biala, studiert seit 2001 an der Krakauer Akademie bei Prof. A. Bednarczyk und Zbigniew Salaj. Er ist ein vielseitiger Künstler; er beschäftigt sich mit Malerei, Animation, Photographie und entwirft Objekte. Seine Malerei können Sie in der Halle 2 sehen, auffallend durch intensive Farbgebung und ungewöhnliche Techniken. Er verbindet Tempera, Acrylfarben mit Pastellkreide.

Anna-Maria Karczmarska, geb. 1981, studierte 2000-2005 in Krakau, unter anderem Malerei, Trickfilm, Graphik und Bühnenbild. Vom Oktober 2002 bis März 2003 bekam sie ein Stipendium an der Accademia di Belle Arti di Brera in Milano/Italien. Ihre Arbeiten sehen Sie z.B. am Eingang in der Halle 1, "Kleine Explosion Mama" und "Kleine Explosion Papa", oder hier "Die Karpfen" und dort die Serie an der linken Wand. Sie ist eine Künstlerin, die zur Zeit in der polnischen Kunstpresse sehr präsent ist. Anna-Maria Karczmarska ist eine intellektuelle Künstlerin. Ihre Intuition konfrontiert sie mit dem derzeitigem Stand des Wissens und der humanen Reflexion. Außer Malerei bevorzugt sie Fotoinstallationen und Video, entwirft aber auch Theaterkostüme, sie spielt mit der Form und verpönt die Konventionen. Nicht unwichtig in ihren Arbeiten ist die feministische Problematik.

Bartosz Kokosinski, geb. 1984, ist der jüngste noch studierende Teilnehmer der Ausstellung. Schon im Kunstgymnasium bekam er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. das Stipendium des Kultusministers für künstlerische Leistungen 2001/02 und das Stipendium des Ministerpräsidenten 2002/03. Seine Arbeiten "Mitka mit Apparat", "Erholung", "Selbstporträt" usw. in Halle 2 enthalten zusätzlich eine Art Gebrauchsanweisung in englisch und polnisch. In seiner analytischen Einstellung zur Malerei zerlegt er mittels Computertechnik seine Bilder in optische Elementarteile. Dadurch abstrahiert er die Struktur des Bildes, was zu neuen Bedeutungen führt.

Maja Krysiak, geb. 1980, bekam ihr Diplom mit Auszeichnung bei Prof. Grzegorz Bednarski. Die Arbeiten, die Sie im Cafe und dem Raum zwischen Halle 2 und Halle 3 sehen, sind Teil ihrer Diplomarbeit. Die Hauptmotive sind stark mit dem Thema Essen verbunden. Ein Zitat aus einer Beschreibung ihrer Arbeit: "Schmecken / genießen ist ein Ergebnis der Analyse und der bewussten Wahrnehmung. Diese Prozedur oder Prozess findet täglich statt, nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der intellektuellen Ebene. Bewusster Konsum, während dessen wir schmecken, genießen und unsere einfachsten primären Bedürfnisse erledigen, sind notwendig für unser tägliches Leben, um die Befriedigung zu erreichen."

Wojciech Kubiak, geb.1978 in Krakau, ist nach dem Studium an der Akademie als Instruktor im Fachbereich Malerei und Zeichnung beschäftigt. Er unterrichtet auch Zeichnen und Malen an einem Kunstgymnasium. Im Jahr 2003/04 bekam er das Jahresstipendium des Kultusministers, im Jahr 2004 eine Ehrenauszeichnung der Franciszka Eibisch, und im Jahr 2005 eine Auszeichnung für die beste Diplomarbeit durch die "Gesellschaft der Freunde der Schönen Künste" in Krakau und ein "Kreativ Stipendium" der Stadt Krakau. Seine Arbeiten haben Sie schon in der Hand gehalten - sein Bild ist nämlich auf der Einladung abgebildet. In der Künstlerzeitschrift "Format" schrieb Piotr Glowacki über seine Bilder: "Seine Malerei ist realistisch bis zu human-klugem und leidendem Naturalismus. Er malt einfache Erlebnisse bildhaft. Er stellt sie so dar, dass wir zu Voyeuren eines intimen Augenblicks werden, so als ob dieser nicht für unsere Augen bestimmt wäre." Zurzeit kann man seine Arbeiten auch in Frankfurt in der Galerie Casa Volterra, Florentinisches Viertel, Walther-von-Cronberg-Platz 13 sehen.

Julita Malinowska, geb. 1979, studierte erst in Lublin an der künstlerischen Fakultät, bevor sie im Jahr 2000 nach Krakau kam. Im Jahr 2003 machte sie ein Praktikum an der University of Wolverhampton in Grossbritanien. 2005 folgte die Diplomarbeit bei A. Bednarczyk. Als wir vor einem Jahr die Akademie aufsuchten, bekam sie gerade eine Auszeichnung, den II. Platz im Wettbewerb Samsung Art Master. Einige der Bilder können Sie hier sehen. In kühlen Blautönen gehalten, illustrieren sie unreal exotische trostlose Spiele der Kinder im Wasser. In einer statischen Landschaftsituation stellen sie eine neue interessante Dimension auf der Leinwand dar, zeit- und grenzenlos.

Michal Nowak, geb.1980, Stipendiat des Socrates-Erasmus-Programms im Fachbereich Malerei an der Akademie der Künste in Berlin, hat sein Diplom mit Auszeichnung bei A. Bednarczyk bestanden. Zu seinen Arbeiten gehören in der Halle 2 die abstrakt wirkenden "Industrielandschaften". In der Halle 1 sind die Arbeiten "Gleis 2, 4, 5" zu sehen, die in der Zeit des Stipendiums in Berlin entstanden sind. Es ist das Ergebnis seiner Sympathie zur Videokunst. Sie entstanden nämlich aus den Fragmenten seines Videofilm, gedreht in der Berliner U-Bahn.

Witold Stelmachniewicz, geb.1970, machte vor zehn Jahren an der Akademie sein Diplom mit Auszeichnung bei Prof. Zbigniew Grzyboski. Im selben Jahr übernahm er die Stelle als Assistent im Fachbereich Malerei, im Jahr 2005 bekam er einen Doktortitel im Bereich Kunst / Malerei und wurde als Adjunkt an der Krakauer Akademie angestellt. Witold Stelmachniewicz schrieb über seine künstlerische Arbeit: "Malerei steht im Zentrum meiner künstlerischen Tätigkeit. Früher arbeitete ich nach vor dem Malen festgelegten Konzepten und verwandte nur Abstraktionsformen. Jetzt determiniert und beeinflusst diese Art Disziplin mein Schaffen nicht mehr vollkommen. Ich realisiere keine festgelegten Prinzipien, sondern unterziehe ich sie einer empirischen Prüfung. Mit anderen Worten, ich strebe nach mehr Komplexität mittels einer Synthese vieler Formen. Ich teile die Ansicht Helmut Lachenmanns, der die Zweckmäßigkeit ästhetischer Programme in Frage stellt, weil sie wie ein Kartenhaus zusammenstürzen, wenn nur ein frischer Wind weht, und der ist das, was wir am meisten brauchen." Seine Arbeiten "Homomorfizm" finden Sie in der Halle 2.

Alle vorgestellten Künstler haben schon an vielen Ausstellungen und Projekten im In- und Ausland teilgenommen. Sie stellten in Budapest/Ungarn, und in Quebec/Kanada aus, nahmen an einem polnisch-ukrainischem Malerprojekt in Lemberg/Ukraine teil. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, in dem Sie darüber mehr erfahren können. Wir sind der Meinung dass die Auswahl der Künstler, die wir hier zeigen, einen repräsentativen Charakter für den Fachbereich Malerei der Krakauer Akademie hat. Es sind junge Künstler mit großem Potential. Wir sind sehr gespannt, wie sie sich weiter entwickeln, und wir werden es mit Interesse verfolgen. Wir wünschen allen Künstlern für die diese und zukünftige Ausstellungen viel Erfolg. Danke schön.

Die Rede wurde von Veronika Zyzik am 9. April 2006 zur Eröffnung der Ausstellung "Kunstakademie Krakau" in der Kunststation Kleinsassen gehalten und ist leicht überarbeitet wiedergebeben.


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Carl Constantin Steffeck: Reiterporträt, 1867, Öl auf Leinwand, 74 x 95 cm
Den eleganten Reiter auf braunem Vollblut stellt Steffeck (1818 - 1890) in einer Allee vermutlich in Berlin vor sonnenbeschienenen Häuserfassaden dar. Bei dem Reiter soll es sich - nach mündlicher Überlieferung - um die Darstellung des Prinzen Karl von Preußen handeln. Steffeck war neben den Münchner Pferdmalern der Familie Adam der beste deutsche Pferde- und Hundemaler der 2. Jahrhunderthälfte und Schüler des berühmten Berliner Malers Franz Krüger.

Das Bild der Kunststation Kleinsassen auf der Startseite ist ein Ausschnitt eines Fotos des Fuldaer Fotografen Andre Druschel
(www.druschel-photography.de).