Zurück   Startseite   Druckversion 3. November 2005

Die Kunststation Kleinsassen zeigt in Halle 1 und 3 aktuelle Arbeiten von Ulrich Barnickel

"Klopfzeichen", die aufhorchen lassen

Klopfzeichen sind akustische Hinweise: Sie können Empörung äußern, Mahnung sein, Hilferuf, Einladung zum Dialog. In jedem Fall wollen sie aufmerksam machen auf das, was den Klopfenden bewegt, der sich Luft zu machen oder Gehör zu verschaffen sucht. Ulrich Barnickel hat seine aktuelle Ausstellung in Halle 1 und 3 der Kunststation Kleinsassen "Klopfzeichen" überschrieben. Sie zeigt mehr als 60 Exponate, die Mehrzahl künstlerische Zeugen aus Metall und Holz - hervorgebracht durch Hämmern, Klopfen und Schmieden -, die menschliche Momente einfangen, zur Diskussion stellen und so Zeichen setzen.

"Die Arbeit gegen den Widerstand des Materials ergibt eine Abstraktion, die sich dem Bereich der bloßen Naturabbildung entzieht", sagt der in Schlitz lebende Künstler. Dem Bildhauer, Zeichner und Maler geht es nicht um eine mimetische Wiedergabe, vielmehr abstrahiert er Figuren - seien sie tierischer oder menschlicher Gestalt - und macht sie so zu Spiegeln von Befindlichkeiten, zu Kündern von Leben und Tod, von Werden und Vergehen. "Mit einer realistischen Darstellung hat der Torso beziehungsweise die Teilfigur weniger zu tun als mit einer Tendenz zur Doppeldeutigkeit und zur unkanonischen Schönheit des Morbiden", erklärt Barnickel. Viele seiner Arbeiten frönen dieser Schönheit. Andere aber spielen auch mit dem Hässlichen. Aus dem Stamm einer Zeder hat der Künstler eine 260 Zentimeter große nackte Frauenfigur mit hängenden Brüsten und harten Zügen geschaffen, der er eine metallene Krone aufs Haupt setzt. "Ist das nicht ne schöne Königin?" lautet der fragende Titel der Skulptur, der den Hang des Bildhauers zur Ironie offenbart.

Ulrich Barnickel, der bereits seit 20 Jahren in der Region künstlerisch tätig ist und im April seinen 50. Geburtstag feierte, versteht sich aber ebenso auf die leisen Töne, setzt Akzente der Besinnlichkeit: An einem mächtigen verkohlten Holzkreuz hängt die aus Stahl gehauene und geschmiedete abstrahierte Figur des gepeinigten Christus. Das Rostrot des korrodierten Metalls, das den Körper des Gemarterten überzieht, erinnert an Blut, der Kopf ist nur angedeutet, entzieht sich mit einer rückwärtigen Drehung dem Betrachterblick: "... mag euch nicht sehen" führt vor, wie virtuos der gelernte Schmied, der von 1978 bis 1984 bei Professor Irmtraud Ohme auf Burg Giebichenstein / Halle (Saale) Bildhauerei und Plastik studierte, den harten und schroffen Werkstoff Metall in Falten zu legen und figurativ zu formen versteht.

Hohlplastiken sind seine Spezialität. Das wird beim Blick auf das aus Stahl gefertigte Geflügelpaar "Macho" und "Henne", die Geschlechterrollen zur Diskussion stellen, ebenso deutlich wie im menschelnden Miteinander von "Goethe und Amalia", die - geschweißt und geschmiedet - nach dem Verhältnis zwischen Dichterfürst und Kunstmäzenin fragen lassen. Mal sind es fabelhaft-tierische, mal literarische, mal mythologische oder biblische Themen, die Barnickel inspirieren. Meist macht er die Sujets zu Spiegeln von Schieflagen oder Problemsituationen. Da kehren sich "Adam" und "Eva" den Rücken zu, als wollten sie nie mehr miteinander reden, da ist das rechte Auge der herrlichen "Hermes"-Büste lädiert. "Wir lesen diese Spuren als Verletzungen; selbst wenn sie abstrakt sind, deuten wir sie anthropomorphisch", erklärte Professor Karl Schawelka von der Bauhaus-Universität Weimar bei der Vernissage die Bruchstellen und Verfärbungen, die Kerben und Risse, die Barnickel bewusst beibehalte, wenn er daran gehe, aus dem schroffen Material Metall zunächst ein stabiles Skelett zu Formen und hernach eine Hülle aus konkaven und konvexen Formen zu fertigen, bei der Frakturen nicht ausblieben.

Neben Hohlplastiken aus Metall und Skulpturen aus Holz umfasst die Ausstellung Bilder und Zeichnungen des Künstlers, die wie der "Tanz"-Zyklus Bewegung im Zweidimensionalen einfangen oder wie "Rote Socke - grüner Arm" und "Staatszirkus" Gesellschaftskritik in expressiven Formen und kontrastreicher Farbgebung üben.

Keine Frage: Diese "Klopfzeichen" lassen aufhorchen.

Im Rahmen der Ausstellung, zu der ein preisgünstiger Katalog (7 Euro) erschienen ist, lädt Ulrich Barnickel zu drei Begleitveranstaltungen in die Kunststation Kleinsassen ein: "Nicht gegossene figürliche Hohlplastik" steht im Mittelpunkt seines Vortrags am Freitag, 11. November, um 17 Uhr, der Geschichte und Gegenwart jenes bildhauerischen Bereiches in Wort und Bild beleuchtet. Ein Künstlergespräch mit Ulrich Barnickel steht am Sonntag, 20. November, um 16 Uhr auf dem Programm. Nach einem Rundgang durch Halle 1 und 3 wird der Bildhauer und Maler seinem Publikum für Fragen zur Verfügung stehen. Der Vortrag "Metall an historischen Gebäuden" am Freitag, 25. November, um 17 Uhr geht in Wort und Bild auf die Geschichte und Restaurierung von Metalldecors ein. Die Teilnahmegebühr beträgt jeweils 2 Euro (einschließlich Ausstellungsbesuch).

Die Schau "Ulrich Barnickel - Klopfzeichen" in Halle 1 und 3 der Kunststation Kleinsassen ist bis zum 8. Januar dienstags bis sonntags von 13 bis 18 Uhr zugänglich.

Text: Kunststation Kleinsassen.


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