Zurück   Startseite   Druckversion 10. Januar 2005

Kleinsassen - "Ein Schaufenster der Kunst"

Die Neueröffnung mit der Retrospektive "Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski" fand enorme Resonanz

Von Klaus H. Orth.

Hofbieber-Kleinsassen. "Ich bin überwältigt von der großen Zahl der Besucher", sagte Künstler Jürgen Blum gestern Nachmittag nicht ohne Rührung. Und Peter Ballmaier, der Leiter der Kunststation Kleinsassen, meinte hinsichtlich der gerade erst abgeschlossenen Erweiterungs- und Umbauarbeiten scherzhaft: "Es sieht aus, als hätten wir zu klein gebaut, aber da wir nicht jeden Tag eine Jürgen-Blum-Retrospektive eröffnen, denke ich, es wird wohl doch reichen.

Weit mehr als 400 Besucher waren zur Eröffnung der Schau "Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski" gekommen, die das Schaffen des Gründers der Kunststation würdigt - unter ihnen Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft, sowie einige internationale Künstler, viele davon aus Polen. Das Gros machten freilich die Bewunderer, Freunde, Schüler und andere Weggefährten Blums aus, der seit über 25 Jahren das kulturelle Leben im Landkreis Fulda und darüber hinaus mitgeprägt hat. Einige Gäste mussten während der Vernissage gar im Treppenaufgang beziehungsweise vor dem Präsentationshaus ausharren, um hernach in den renovierten Hallen die Objekte und Installationen besichtigen zu können.

Die Exponate schenken Eindrücke von Werkphasen und Schaffensstationen des im polnischen Elbing aufgewachsenen Künstlers, der den Vornamen Gerhard Jürgen und in Polen unter dem Familiennamen Kwiatkowski berühmt ist, während man ihn in Deutschland seit den 70er Jahren fast ausschließlich als Jürgen Blum kennt. Die Ausstellung fasst alle Namen im Titel zusammen.

In weiblicher Begleitung trat der 74-Jährige, auf Krücken gestützt und mit einem verschmitzten Lächeln, vor sein Publikum. Bei den elf jungen Damen in seiner Gefolgschaft handelte es sich um Studierende der Malschulen Freie Kunstakademie Museum Modern Art Hünfeld und Krzewie Wielkie. Sie trugen farbige Perücken und Gewänder aus bedrucktem Stoff. Darauf zu sehen und zu lesen: Fotos und Zeitungsartikel aus dem letzten Vierteljahrhundert Kunststation.

In einer improvisierten Rede voller Humor und Hintersinn erinnerte sich Blum der Jahre am Fuße der Milseburg und ging dabei auf Aktionen wie "Gedächtnis der Schöpfung" ein. Damals überzog er einen krebskranken Apfelbaum mit Teer, was den Protest von Umweltschützern hervorrief, die darin einen Akt der Zerstörung sahen. Doch schon im Frühjahr darauf standen die Zweige in voller Blüte. Der Baum habe auf die ihm widerfahrende Gewalt mit der Gewalt seiner Lebensenergie reagiert, so Blum. In allen Exponaten, die aus 52 Schaffensjahren stammen - also auch noch aus der Anfangzeit im poststalinistischen Polen - spiegele sich sein künstlerischer Standpunkt: "Der Gedanke ist die Vollendung. Das Werk ist nur eine Heranführung an den Gedanken."

Ihn habe immer eine inhaltslose Kunst interessiert, er habe mit seinen Arbeiten nie Emotionen wiedergegeben, ihm sei es vielmehr stets darum gegangen, die Menschen anzuregen- zum Denken, zum Hinterfragen, zum Tun. "Der Mensch muss eine Kunst haben, in die er selbst etwas einbringen kann", konstatierte Blum, der seine "Idee des Stationismus" in Kleinsassen in die Tat umgesetzt hat. "Das Haus war beseelt", erinnerte sich Blum und fuhr fort: "Ich wünsche mir, dass dieses Haus in Zukunft beseelt bleibt und dass man sich gerne hier aufhält."

"Mit dem heutigen Tag beginnt für die Kunststation ein neues Kapitel im neuen Kleid", sagte der Fuldaer Landrat Fritz Kramer in Hinblick auf den neuen Start nach über zehnmonatiger Umbauphase. Die Erweiterung und Sanierung der Kunststation sei eine Antithese zu den Behauptungen, Kunst habe in der sogenannten Provinz keine Heimat, und Kultur überhaupt besitze in der Bundesrepublik keine Zukunft. Ob Kunst auf dem flachen Land eine Chance habe, hänge hauptsächlich davon ab. ob Kultur willkommen sei und Entfaltungsmöglichkeiten erhalte oder nicht. Zur kulturellen Provinz mache man ich immer nur selbst. "Wir haben uns seit Jahrzehnten darum bemüht, der Kunst mit offenen Armen zu begegnen. Das belegen wir mit der Kunststation, und auf die Erfolge, die wir mit ihr zu verzeichnen haben, sind wir ein bisschen stolz", sagte Kramer. Er hielt ein Plädoyer für die öffentliche Förderung von Kultur auch und gerade in Zeiten knapper Kassen. Diese sei nötig, damit "Kleinsassen ein Schaufenster der Kunst bleibt." Und mit Blick auf Blum sagte der Landrat: "Ohne ihn wäre die Kunststation nicht entstanden." Er sei in Kleinsassen Künstler, Kunstvermittler, Kunstinterpret und künstlerischer Lehrer in einem gewesen. "Dass die Kunststation lebt, auch nachdem er selbst seine Wirkungsstätte nach Hünfeld verlegt hat, verdanken wir ihm. Ich freue mich, dass wir ihm nun wieder begegnen - persönlich und in seinem Werk."

Umrahmt wurde die Vernissage von einer Klangperformance, die von Dieter Zaha, Eike Bolland und Bettina Hannsz gestaltet wurde.

Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski. Kunststation Kleinsassen. Bis 17. April. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 13 bis 18 Uhr. Eintritt: 1,50 Euro.
Katalog: 20 Euro.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 10. Januar 2005


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