Zurück   Startseite   Druckversion 10. Januar 2005

"Ohne Jürgen Blum keine Kunststation"

500 Leute bei Retrospektive

Kleinsassen - "Doppelte Anziehungskraft" führte heute in dem kleinen Rhön-Ort Kleinsassen im Kreis Fulda zu einem veritablen "Gedränge": in der umgebauten und neugestalteten "Kunststation Kleinsassen" wurde die erste Ausstellung eröffnet und die Retrospektive des "kreativen Magneten" Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski zog tatsächlich "Massen" an. In der völlig überfüllten Kunststation wurden die Verdienste des Künstlers um den Aufbau dieser einmaligen Einrichtung gewürdigt - von zwei Männern, die wie Blum zu den "Vätern" der Kunststation zählen: dem Fuldaer Landrat Fritz Kramer und dem früheren Leiter der Kreisvolkshochschule und heutigen Leiter der Kunststation, Peter Ballmaier.

Ohne den 74-jährigen Künstler gäbe es die Kunststation Kleinsassen heute nicht - diese Erkenntnis schwang in den ehrenden Reden heute mit. Während Peter Ballmaier die langen Jahre des gemeinsamen Engagements für die Entwicklung der Kunst in der Region beleuchtete, erklärte Landrat Fritz Kramer, mit der ersten Ausstellung in der 25 Jahre alten Kunststation kehre der Kreis "zu den Anfängen zurück". Jürgen Blum sei der erste Künstler gewesen, der das Haus - die ehemalige Volksschule von Kleinsassen - bezogen und zu einer Bleibe für Kultur- und Kunstschaffende gemacht habe.

"Es ist sein Verdienst, dass die Kunststation nie in der Gefahr gewesen ist, zu einem bloßen Museum oder einer Ausstellungsimmobilie zu werden - Jürgen Blum war Künstler, Kunstvermittler, Kunstinterpret und künstlerischer Leiter in einem". Dass die Kunststation lebe, auch nachdem er selbst seine Wirkungsstätte nach Hünfeld verlegt habe, "verdanken wir ihm".

Zuvor hatte Kramer eindringlich dafür geworben, Kunst nicht "als Sahnehäubchen" zu betrachten, das in Zeiten knapper Finanzmittel als "überflüssig" angesehen und beliebig gestrichen werden könne. Kunst sei auch nicht lediglich Unterhaltung und Zerstreuung, wie manche meinten. Kunst habe einen Eigenwert: als Ausweis von Intelligenz und Fantasie, als Belegt für Vielfalt und Individualität, als ein "Synonym für Originalität".

Kunst bereichere die Existenz der Menschen, stoße Fenster zu neuen Welten auf, sei Ausdruck des Zeitgeistes und Motor des Fortschritts zugleich: "Wer die Bedeutung der Kunst marginalisiert, nimmt uns etwas vom Besten, was Zivilisation zu bieten hat". Deshalb habe der Landkreis auch trotz knappen Geldes die Erweiterung der Kunststation finanziert: "Kleinsassen ist und bleibt ein Schaufenster der Kunst".

Kramer, der sich persönlich "immer als Anwalt und Verteidiger der Kunst" empfunden und danach gehandelt hat, konnte vor dem amüsierten Publikum allerdings mit Selbstbewusstsein auch eine falsche Meinung widerlegen - jenes, wonach Kunst in der so genannten Provinz keine Chance habe. Diesem "elitären bis hochmütigen Vorurteil - aus dem Mund von Großstädtern" sei er öfter begegnet.

Ob Kunst auf dem so bezeichneten "flachen Land" eine Chance habe, sei keine Frage von Zufall oder Naturgesetz. Es hänge vielfmehr davon ab, ob Kultur willkommen sei und Entfaltungsmöglichkeiten erhalte. "Zur kulturellen Provinz macht man sich immer nur selbst". Dem Kreis Fulda könne unter diesem Aspekt niemand den Vorwurf provinzieller Rückständigkeit machen - hier sei Kunst und Kultur immer mit "offenen Armen" aufgenommen worden. "...und wir sind auf die Erfolge der Kunststation auch ein bisschen stolz" sagte Kramer und ließ dabei keinen Zweifel, dass "ein bisschen" ordentlich untertrieben war.

Respekt angesichts der stolzen Lebensleistung des Künstlers zollten auch die Besucher der Ausstellung dem 74-jährigen. Der in der Region als Jürgen Blum bekanntgewordene Kunstprofessor, der 1930 im deutsch-polnischen Grenzgebiet bei Elbing aufwuchs, hat aus seiner doppelten Benennung (".. je nach Regime, deutsch oder polnisch, hieß ich Gerhard oder Jürgen, Blum oder Kwiatkowski") inzwischen das Beste zweier Mentalitäten gemacht und nennt sich heute Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski. Passend zu dem "doppelten Namen" hat der Künstler - so der Eindruck von Schülern, Freunden und auch Journalisten - zeitlebens "Energie für zwei Leben" gehabt.

Seinen verschlungenen und letztlich doch fokussierten Lebensweg, der sich im für-die-und-mit-der-Kunst-leben kristallisiert, können Interessierte derzeit auch auf der Internet-Seite der Kunststation (www.kleinsassen.de) nachlesen. Ebenso wie einen Bericht von Peter Ballmaier aus dem Jahr 1984, der viele - die die Anfänge und Entwicklung der Kunststation und die von Landrat Kramer, Jürgen Blum und Peter Ballmaier erreichten "Wiederbelebung" des Künstlerdorfes Kleinsassen miterlebt und verfolgt haben - positiv in "frühere Zeiten" zurückversetzen dürfte.

Die mehr als sehenswerte Ausstellung zum Lebenswerk von Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski ist seit heute bis zum 17. April geöffnet (Dienstag bis Sonntag 13 bis 18 Uhr).

Aus: OSTHESSENNEWS vom 9. Januar 2005


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