Zurück   Startseite   Druckversion 29. Dezember 2004

Selbstauskunft

Von Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski.

Statt einer systematischen Aufzählung von biografischen Daten beschränke ich mich auf einige wesentliche Angaben.

Geboren bin ich am 22. Oktober 1930 in Faulen, Kreis Rosenberg, meine Heimatstadt war jedoch Elbing.
Jürgen Gerhard Blum-Kwiatkowski
Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
Meine Familie lebte im Grenzbereich Deutschland - Polen (Ostpreußen). Die polnische Gemeinde nannte uns "Kwiatkowski" und die deutsche "Blum". So hat uns jedes System mal Blum, mal Kwiatkowski genannt. Geboren wurde ich als Gerhard Jürgen, aber auch diese Vornamen wurden abwechselnd geändert. Bekannt bin ich mittlerweile als "Blum" und "Kwiatkowski"; ich trage die Vornamen "Gerhard Jürgen" und die Nachnamen "Blum-Kwiatkowski". Inzwischen wohnen zwei Mentalitäten in mir, die ich bestimmt nicht verleugnen werde.

Wenn ein Kind in geordneten Familienverhältnissen aufwächst, prägt vieles aus seinem Umfeld seine Psyche. Die familiäre Erziehung hatte keinen großen Einfluss auf mich, denn schon in meiner frühesten Jugend musste ich Akrobatik üben und war mehr außerhalb der Familie, wodurch ich selbstständig wurde. Dem Nationalsozialismus war ich durch meine akrobatische Tätigkeit nicht ausgeliefert. Sein Zusammenbruch 1945 versetzte mich in eine mir unvorstellbare Welt. Ich wurde durch die sowjetische Besatzungsmacht zum Viehtreiben in Richtung

Russland gezwungen. Es gelang mir, von dort zu flüchten. Nach Monaten kehrte ich nach Elbing - meinem Heimatort - zurück; eine andere Sprache, ein anderes System und andere Verhältnisse. Ich musste für mich selbst sorgen. Als früherer Akrobat war ich Präzision, Ordnung und Selbstdisziplin gewohnt. Mit der Zeit gewann ich eine große Organisationsfähigkeit, denn ich war auf mich selbst angewiesen. Ich musste für zwei Brüder und eine kranke Mutter sorgen. Zur Schule ging ich abends nach der Arbeit. In der katholischen Pfarrkirche absolvierte ich ein "Butterbrotabitur" für Deutschstämmige bei den Priestern Surey und Zimmermann. 1949 wurde ich als unsicheres Element zum Pumpenbau in das frühere Ostpreußen verwiesen. Nach der Arbeit zeichnete ich an Ruinenfassaden. Ein zufälliger Passant, mit dem ich mich nach ein paar Wochen auch befreundete, beobachtete meine Tätigkeit. Nachdem ich mich zur Verschwiegenheit verpflichtet hatte, nahm er mich eines Samstags in die Kellerräume eines Schlosses mit. Ich wurde vereidigt, denn es war eine geheime Universität und Kunstakademie zur Rettung der polnischen Intelligenz, finanziert durch die Londoner "Polonia". Hierüber wird im Augenblick ein Buch geschrieben, dem ich nicht vorgreifen will. Mit der Zeit wurden meine Aktivitäten bei den Mitgliedern hoch geschätzt, und nach sieben Jahren ernannte man mich zum Professor. Nach außen hin musste ich schweigen.

Mir wurden in der Zwischenzeit Aufgaben übertragen, die ich außerhalb der Großzentralen realisierte. 1956 war ich Mitbegründer des Clubs "Czerwona Oberza" und 1961 der Begründer des Kunstlaboratoriums "Galeria EL" in Elbing. Es ist mir unmöglich, alle meine Aktivitäten aufzuzählen. Ich wurde in den 90er Jahren von der "Akademie der schönen Künste" in Warschau für den Titel "Dr. h. c." vorgeschlagen. Eine Wissenschaftlerin des Museums dieser Akademie weilte drei Wochen in meinem Hünfelder Archiv und stellte alles, was ich nach meiner Ausreise aus Polen - 1974 - ansammeln konnte, zusammen. Es entstand eine 30 m lange Linie aus DIN-A-4-Schreibmaschinenblättern. Im Verhältnis zu dem, was ich wirklich vollbracht hatte, war das nur ein Viertel.

Es ist unmöglich, hier alles aufzuführen, und es wäre auch bedeutungslos. Es ist nicht leicht, sich als junger Mensch von Hoffnung, Angst, Lust, Langeweile und Geltungsstreben zu befreien. Familie und Umgebung dringen unbewusst in die Psyche, so dass der Gedanke fast nicht aufkommen kann, dass außerhalb der manipulierten mentalen Gedankenabläufe andere Welten existieren. Erst durch Not, Leid, Schmerz und Enttäuschung wird das analytische Denken aktiv. Ein gezieltes Eindringen in die Materie verdichteten Geistes gibt Kraft, Bewusstseinsenergie zu entwickeln. Der Weg
Jürgen Gerhard Blum-Kwiatkowski: Degradierung der Form
Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski
Degradierung der Form
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
zur Kunst ist eine fortlaufende Linie, die sich durch Ausnahmezustände formt. Ausnahmezustände sind nicht definierbar, denn sie resultieren aus der Unvorstellbarkeit. Jede Vorstellung ist spekulativ, sie entsteht aus begrenztem Wissen, das sich auf erlerntes Wiedergeben bezieht. Es dauerte lange Zeit, bis ich das erkannte. Meine Gedankenwelt entstand durch viele Lebensabschnitte und Arbeitsthemen, die ich erlebte - ähnlich dem Ersteigen einer unendlichen Treppe.

Mich interessierten vor allem Existenzformen, zu denen ich keinen Zugang hatte. Mit meiner ersten Arbeit "Degradation der Form", 1952, lernte ich Bewegungsvorgänge kennen, die in unserem Gehirn Zeichnungen hinterlassen. "Die Spur der Arbeit" befreite mich von Vorstellungen. Andere Themen waren während des Prozesses faszinierend, sie wurden meinem Anspruch jedoch nicht gerecht. Mit der Arbeit "Plus = Minus - Minus = Plus" wurde mir der Raum mit seinen Ereignissen und Erscheinungen bewusster. Das Thema "Zufall und Verselbstständigung materieller Strukturen" wirkte auf das bewusste Sehen. Mit "Das Recht des Raumes in Anlehnung an die Formkonstruktion der organischen Materie" suchte ich Beziehung zu den Naturformen unserer Umgebung. Weitere Themen wie "Die Zufallsgrenze der Geometrie", "Truppe von A - Z", "Die energetische Transformation", "Akkumulation" und "Der visuelle Klang" waren sehr erlebnisreich, sind aber schwer erklärbar. Erst "Transzendment", Spannungsfelder" und "Mumifikation" führten mich zum Thema "Endlichkeit".

Einige dieser Themen werden auf den folgenden Seiten theoretisch und bildlich vorgestellt. Von Freunden und dem Elbinger Archiv konnte ich jedoch nur wenig erhalten. Fast alles wurde nach meiner Ausreise aus Polen vernichtet. Diese Ausstellung ist eine bescheidene Retrospektive. Ich bin aber zufrieden, dass einiges wieder gefunden wurde.

Aus dem Katalog zur Ausstellung


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