Zurück   Startseite   Druckversion 3. Januar 2005

Jürgen Blum und die Kunststation

Von Peter Ballmaier, Leiter der Kunststation Kleinsassen.

Ob ich einen Kursleiter für das Malen brauchen könne, er kenne da einen, fragte Bürgermeister Mihm, Hünfeld, 1974 bei mir an. Kurz darauf lernte ich Jürgen Blum kennen, und für mich und die
Lex Kaul und Peter Ballmaier
Direktor der VHS Peter Ballmaier im Gespräch mit Lex Kaul während der Kunstwoche 1979
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
Volkshochschule des Landkreises Fulda begann das Abenteuer Jürgen Blum und die Kunststationen: Hünfeld, Bad Salzschlirf, Fulda, Kleinsassen und im Kreis Hersfeld-Rotenburg die Kunststationen Eschwege, Bad Hersfeld, Rittershain und Cornberg.

Die weitere Entwicklung beschreibt am besten ein Bericht aus dem Jahr 1984, der für die Hessischen Blätter für Volksbildung gedacht war:

"In der Zeit der rasenden Maschinen und der Überbewertung der ... materiellen Werte ist der Begriff der sogenannten "Kunst" deformiert worden. Kunst diente immer der zwischenmenschlichen Kommunikation und zeugte für die Grammatik der Menschlichkeit. Mittel dieser Verbindung wurden wichtiger als Grund und Zweck des Entstehens. Sie wurden von Spekulierenden genutzt und strategisch gesteuert ... Ausstellungen von gegenständlichen Spuren zeugen nicht für den Künstler. Sie können daher nur als Information gewertet werden ... Jede menschliche Aktivität kann zur Station der Begegnung werden, so dass sich unerschöpfliche Möglichkeiten ergeben werden, die ganze Weite, Breite, Tiefe und Höhe dieser Welt in Anspruch zu nehmen...
Die Zeit ist reif für den Stationismus, der alles eingliedern wird.
Daher: nicht in tote Gegenstände, sondern in lebendige Aktivitäten investieren!
Die Kunst ist zu ersuchen, nicht zu erkaufen! Freude, Begeisterung, Fantasie, Verstand und Intellekt können nicht erkauft, auch nicht verkauft werden; das wäre Illusion.
Der Reichtum des Menschen entsteht in seinem Wirken und in ihm selbst. Die Fabrikation sogenannter "Künstler" kann nicht mehr in Schulen fortgesetzt werden.
Der bisherige Konsument wird sich nicht mehr nur als Zuschauer begreifen können, sondern kann in künstlerische Prozesse zum Mitwirken einbezogen werden. Ausstrahlungsfähigen Künstlern sollte man bislang geschützte Gemäuer (alte Schulen, Schlösser, Mühlen, Festungen etc.) zur Verfügung stellen, damit diese Gebäude nicht mehr nur an die Vergangenheit erinnern, sondern in die Lebendigkeit einer neuen Funktion geführt werden. Die Kunst wäre dann nicht isoliert nur für Auserwählte, sondern zugänglich für jedermann, nicht zentralisiert, sondern dezentralisiert zu erleben, erreichbar im Alltäglichen." (Jürgen Blum, Avantgarde, 1/1975)

Das waren im Auszug Analyse und Programm von Jürgen Blum, auf den wir 1974 auf unserer Suche nach einem geeigneten Kursleiter für den Bereich "Malen" stießen. Jürgen Blum hatte eine internationale künstlerische Karriere in Polen aufgegeben, um seine Vorstellungen verwirklichen zu können. Nun - erst wenige Monate in der Bundesrepublik Deutschland - suchte er nach einer Chance zu leben, als Künstler zu leben, mit anderen zu arbeiten. Wenn uns seine Pläne auch etwas zu anspruchsvoll - vielleicht auch etwas verworren - erschienen, das, was er wollte, faszinierte uns und fasziniert noch heute, und nicht nur uns. Wir wagten den Anfang. Die "Gemäuer" bekam Jürgen Blum und mehr und mehr Unterstützung durch den Landkreis Fulda und seine Volkshochschule. Tausende - und in den letzten Jahren weit über den hessischen Raum hinaus - wurden und werden angesprochen von den Aktivitäten dieses Künstlers und der ständig wachsenden Zahl der Mitglieder der vhs-Kunststationen im Landkreis Fulda (Bad Salzschlirf, Fulda, Hünfeld, Kleinsassen) in Bad Hersfeld, Eschwege und Cornberg.

Kaum zu überschauen ist die Fülle und die Vielfalt der künstlerischen Aktionen, Ausstellungen, Performances in diesen Orten. Kaum überschaubar die Zahl der Teilnehmer/Mitglieder der vhs-Kunststationen, groß die Zahl der Künstler aus vielen europäischen Ländern, meist der Avantgarde zuzurechnen, die die Stationen besuchten, ihr Werk vorstellten, mit den Teilnehmern arbeiteten. Nach langjährigem Suchen konnte 1979 für den Leiter der vhs-Kunststationen und damit auch für die Kunststationen insgesamt ein Mittelpunkt in Kleinsassen gefunden werden.

Kleinsassen, das Malerdorf am Fuße der Milseburg in der Rhön, war von der Mitte des 19. J Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg Heimat für Malschulen der Akademien in Weimar, Dresden und Düsseldorf.

Hier konnte die alte Dorfschule übernommen werden und steht nach Aus-, Um- und Anbauten als Heimat für Künstler und Kunstinteressierte
Kunststation Kleinsassen 1979
Kunststation Kleinsassen 1979
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
bereit. Rund 350 aktive Mitglieder hatten die vhs-Kunststationen allein im Jahr 1983. Rund ein Drittel der Teilnehmer hat hier seit vielen Jahren eine Heimat gefunden. Die Mitglieder - alle soziale Schichten und alle Altersschichten sind hier zu finden - arbeiten mit Jürgen Blum, aber auch mit Künstlern, die hier in Kleinsassen für kürzere oder längere Zeit Heimat finden. Um nur einige von denen zu nennen, die 1983 in Kleinsassen und in den übrigen Kunststationen weilten: Jozef Robakowski - Filmschule Lodz, Stephen Laub - New York, Kajetan Sosnowski - Polen, Atelier Kramer - Kassel, Ryszard Tomczyk - Elbing, Duniko Dunikowski - Kassel.

Rund 25.000 Kunstinteressierte besuchten allein im Jahre 1983 Ausstellungen in Kleinsassen.

Was sind nun Kunststationen? Kunststationen sind Orte, wo ein Künstler wohnt, arbeitet und das Erarbeitete zugänglich macht. Wichtig hierbei ist die Einheit von Künstler, seinem Schaffen und seinem Werk. Jürgen Blum, der Leiter der vhs-Kunststationen, lebt an jedem Tag der Woche in einer anderen Station. Dies entspricht nicht ganz dem Anspruch, kommt aber den Teilnehmern entgegen. Seinen dauerhaften Wohnsitz und den Mittelpunkt seines Wirkens hat er in Kleinsassen gefunden. In den Kunststationen bieten sich Möglichkeiten zum Erlernen der Techniken und Fertigkeiten des Malens und des bildnerischen Gestaltens. Die individualisierte Form des Unterrichts in Verbindung mit der ständigen Hilfestellung der "fortgeschrittenen" Mitglieder erlaubt den ständigen Zugang. Die künstlerische Ausbildung ist nicht auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Jeder kann die ihm gemäße Ausdrucksform finden.

Kunststationen sind Stätte der Begegnung. Das ist der Ort, in dem der Künstler lebt, in dem er arbeitet. Hierher finden viele, die suchen: eigene Ausdrucksmöglichkeiten, Zugang zur Kunst, Verständnis für neue Entwicklungen, aber auch: das Gespräch mit dem anderen. Das ist der Ort, wo der Künstler nicht allein durch die "Spuren" (Werke) seines Schaffens gegenwärtig ist, wo der Suchende Kunst nicht nur anschaut. Hier arbeitet der Künstler, lässt teilhaben am Entstehungsprozess seines Werkes, lässt es mit den anderen Gestalt annehmen. Hier gibt er von seinem Können, Wissen, seinen Erfahrungen. Hier muss der "Zuschauer" seine Passivität aufgeben. Hier wird er zum Handeln verführt, aufgefordert. Hier wird er Handelnder. Wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet, finden für einen Tag, manchmal auch für einige Wochen, andere Künstler aus Deutschland, aber auch aus benachbarten europäischen Ländern, sogar aus Übersee, "Wohnung" in Kleinsassen und in den übrigen Kunststationen. Sie stellen ihr Werk vor, erklären, führen ein, ringen um Verstehen, arbeiten mit den Teilnehmern, tragen ihre "Weltsicht" bei.

Jürgen Blum ist überzeugt, dass in jedem Menschen Saiten zum Klingen gebracht werden können, die den Zugang zur Kunst ermöglichen. Er beweist täglich, dass in jedem, der sich nur ein wenig öffnet,
Jürgen Blum: Exposition Kunststation Kleinsassen
Exposition Kunststation Kleinsassen
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
Fähigkeiten zu originalem Denken und Gestalten liegen. Dabei ist nicht allein die "Spur" (das Werk) Ziel der Bemühungen. Entscheidend auch ist der Prozess in dem Gestaltenden, zwischen dem Gestaltenden und dem Objekt und das Geschehen zwischen den Teilnehmern. Nicht die künstlerische Perfektion, sondern der Wille des Einzelnen und seine subjektive "menschliche Entwicklung" ist entscheidend.

"Künstler vieler Jahrhunderte haben ihre Kraft in Material investiert, in eigene Sehensweisen. Die Mehrzahl der Menschen sind und waren immer nur Schauende, dem künstlerischen Werk Gegenüberstehende. Ich möchte meine Kraft in Menschen investieren, möchte erreichen, dass viele Menschen selbst zu einer gestaltenden Auseinandersetzung mit der Umwelt fähig sind. Meine Kunst ist es, Menschen zu inspirieren, Handelnde zu werden, die den künstlerischen Prozessen nicht nur staunend oder verstehend gegenüberstehen, sondern sie selbst mitvollziehen".

So beschrieb Jürgen Blum zum Beginn seines beispiellosen Engagements vor etwa 10 Jahren sein Vorhaben. Er ist seinem Vorsatz bis heute treu geblieben. Das stetig wachsende Interesse an den Kunststationen zeugt von der Qualität der Arbeit. Die wachsende Vielfalt künstlerischer Aktivitäten im osthessischen Raum entspringt zum großen Teil den vhs-Kunststationen.

Nicht zuletzt der Landkreis Fulda anerkannte das Bemühen der Volkshochschule in den Kunststationen und wird nach bereits erfolgtem umfangreichen Ausbau und Renovierungsarbeiten in der Kunststation Kleinsassen in diesem Sommer eine weitere Ausstellungs- und Aktivitätshalle bauen.

Höhepunkt der Begegnung mit der großen Breite künstlerischen Tuns - was auch jeder darunter verstehen mag - ist die jährlich im Spätsommer stattfindende Kleinsassener Kunstwoche: Kunstschau, Happening, mehr und mehr auch Jahrmarkt und Volksfest. Der Trubel lässt bei manchem der vielen Tausend Besucher die ständigen Ausstellungen heimischer und internationaler Künstler zurücktreten. Aber auch diese Ausstellungen sind gut besucht - und nicht nur von Bewohnern der Rhön.

Ein weiterer Höhepunkt und eigentlicher Ausdruck dessen, was in den Kunststationen das Jahr über geschieht, ist die jährliche "Präsentation" in Bad Salzschlirf. Hier wird gezeigt, was während des jeweils zu Ende gehenden Jahres das künstlerische Hauptthema des Geschehens in den vhs-Kunststationen war.

1980 "Medienstudien": Spuren von Gedanken, Träumen, Fantasien, Gefühlen, eine vielfältige Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten, nach künstlerischen Formen.

1981 "Identifikationsstudien": "Kunst ist ... die erste und die letzte Zuflucht des Menschen, und keine Macht der Welt darf es wagen, die Ausdrucksweise und die Inhalte zu begrenzen, zu definieren und zu steuern." (Jürgen Blum, Dokumentation Präsentation 5) "Dem Künstler ist es aufgetragen, neue Symbole zu schaffen, um auch dem Unsichtbaren zu begegnen, es zu visualisieren und auf diesem Weg zu einer möglichen Verständigung beizutragen." Die 128 großformatigen Ölgemälde (1 m x 1,20 m) - die Grundbedingungen waren für alle Teilnehmer gleich - überraschten durch eine ungeheure Ideenvielfalt und machten betroffen durch die Ehrlichkeit, mit der viele Teilnehmer Kindheitserinnerungen, Träume, Erlebnisse und Ängste preisgaben. Gespräche über einzelne Bilder kommen noch heute immer wieder auf. "Hier liegt vor uns die Arbeit einer langen Erfahrung im Volkshochschulbereich. Es ist mehr als im üblichen Rahmen des musischen Bildungswegs an Volkshochschulen, was hier verwirklicht wird. Das müssen Sie hier einmal anerkennend sehen." Prof. Werner Kausch, Kassel, bei der Eröffnung.

1982 "Das visuelle Denken": Weiterführung der Suche nach neuen, anderen Ausdrucksarten. Jürgen Blum: "Die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmung und Ausdruck ist oft so groß, dass traditionelle Darstellungsformen nicht ausreichen. Wir begegnen täglich Neuerungen auf allen Gebieten und diese sind und werden uns zur zweiten Natur. In uns werden Eindrücke und Empfindungen wach, für die unsere Sprache nicht mehr ausreichend ist, um sie mitzuteilen." Dies zu erkennen und nach einer neuen Symbolik zu suchen, war die Aufgabe. Vorgegeben war das Format vom 1 m x 1 m. 145 Arbeiten konnten gezeigt werden. Auch die Betrachter solcher Präsentationen werden immer wieder aufgefordert, fragend der unwiederholbaren Einmaligkeit des Menschen, der sich in einem Bild ausdrückt, zu begegnen, ihn, sein Bild, nicht mit eigenen Maßstäben zu messen, sondern die des anderen zu verstehen. Unter den zahlreichen ausländischen Gästen bei der Eröffnung weilte der polnische Künstler Prof. Kajetan Sosnowski. Er formuliert in einem Brief: "Meine Anwesenheit zur Eröffnung verursachte in mir eine große Genugtuung. Sofort und von Anfang an richtete sich meine Aufmerksamkeit auf Bilder, die in ihrer Form und künstlerischen Artikulation vollkommen sind. Sie bewirkten meine ehrliche Bewunderung."

1983 "Die vierte Dimension": Mit den gegenwärtigen Mitteln der Kunst lassen sich Dimensionen der Fläche und des Raumes ohne weiteres darstellen. Die Darstellung der Dimension "Zeit" in der Kunst sucht nach neuen originellen Lösungen. Ca. 100 Mitglieder der vhs-Kunststationen stellten sich der schwierigen Aufgabe. Eine formale Einschränkung außer der örtlichen Gegebenheit war nicht gegeben. Die Vielfalt der Realisationen entsprach der Zahl der Teilnehmer.

Sogar über die Aktionen in Kleinsassen und Bad Salzschlirf hinaus beleben die Mitglieder der vhs-Kunststationen das kulturelle Leben des osthessischen Raumes: Private Galerien (z. B.: "Atelier 7" "s'Huessee" in Kleinsassen), Ausstellungen in Privaträumen, Mitgestaltung örtlicher Ereignisse. Ein Beispiel: Mehr Betrachter als üblich belagerten während der Tage der Zwölfhundertjahrfeier der Stadt Hünfeld die Schaufenster in der Innenstadt. Mitglieder der vhs-Kunststationen hatten die Stadt zur offenen Galerie gemacht.

Fast ein Jahr lang hatten sie Hünfeld "begriffen" und ihre Eindrücke in ca. 450 Aquarellen, Ölgemälden, Collagen u. a. gestaltet. Die künstlerischen Werke waren eingebettet in die üblichen Auslagen der Schaufenster, nahmen keinen Sonderplatz ein, waren Teil der alltäglichen Umgebung und vielleicht gerade deshalb Gegenstand des außergewöhnlichen Interesses. Hier versperrte keine Schwelle den Zugang, und niemand musste einen Ausstellungsraum betreten. Die Ansprache war breiter, das Interesse deshalb größer.

10 Jahre alt ist die Einrichtung vhs-Kunststationen im Landkreis Fulda und in Osthessen. Der Zulauf und das Interesse sind ungebrochen, ja steigend.

1987 trennten sich der Landkreis Fulda und Jürgen Blum, der gleichwohl weiter seine Ideen und seine Kraft in die künstlerische Entwicklung
Museum Modern Art Hünfeld
Museum Modern Art Hünfeld 1990
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
unserer Region einbrachte und bis heute einbringt. Viel ist entstanden, und die Ideen und das Engagement von Jürgen Blum tragen noch immer: Das Kloster Cornberg ist seit Jahren ein Kulturzentrum, die Kunststation Bad Salzschlirf hat vor einigen Wochen den Kulturbahnhof Bad Salzschlirf eröffnet, das Museum Modern Art Hünfeld mit seiner Malakademie unter Leitung von Jürgen Blum setzt hohe Maßstäbe für die Kunst und die Kunstpädagogik, und die Kunststation Kleinsassen wird 25 Jahre jung und startet im November mit einem im Laufe des Jahres 2004 aufwendig umgebauten und erneuerten Haus zu hoffentlich weiteren Erfolgen.

Bleibt die Antwort auf die Frage, wie die Kunststation Kleinsassen heute die Person und die Leistung ihres Gründers bewertet. Die Antwort ist klar: Wir freuen uns, unser Jubiläum und die Übernahme unseres neuen Hauses mit einer umfassenden Ausstellung von Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski gestalten zu können.

Aus dem Katalog zur Ausstellung


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Das Bild der Kunststation Kleinsassen auf der Startseite ist ein Ausschnitt eines Fotos des Fuldaer Fotografen Andre Druschel
(www.druschel-photography.de).