Zurück   Startseite   Druckversion 23. Dezember 2004

9. Januar bis 17. April 2004

Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski - Retrospektive

Wiedereröffnung der Kunststation Kleinsassen

Nach ihrem Umbau wird die Kunststation mit der großen Retrospektive ihres Gründers Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski am 9. Januar 2005 wiedereröffnet.

Die Geschichte der Kunststation Kleinsassen begann vor 25 Jahren mit einer Idee und einer Gelegenheit. Die Idee war, mit Hilfe von Künstlern die Malertradition der ehemaligen Künstlerkolonie Kleinsassen wieder aufleben zu lassen und gleichzeitig das kreative Angebot der Volkshochschule des Landkreises zu erweitern. Die Gelegenheit dazu ergab sich durch die
Jürgen Blum und Landrat Fritz Kramer
Vor 25 Jahren: Jürgen Blum und Fritz Kramer,
Landrat des Kreises Fulda
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
leerstehende Dorfschule und in dem Künstler Jürgen Blum fand Peter Ballmaier, ehemals der Leiter der vhs des Landkreises, heute Leiter der Kunststation Kleinsassen, die geeignete Person für dieses Unternehmen. Wie erfolgreich diese Kombination werden würde, das konnte damals noch keiner ahnen. Doch schon bald stellte sich heraus, dass Jürgen Blum als künstlerischer Ausstrahlungs- und Anziehungspunkt wirkte und durch ihn, seine Kunst und seine Projekte die Kunststation als Ort bekannt wurde, an dem zeitgenössische Kunst im wahrsten Sinne des Wortes passiert. Erwähnt seien hier beispielhaft die "Kunststraße Rhön" mit ihren in die Landschaften eingepassten Skulpturen, die von ihm ins Leben gerufene "Kunstwoche Kleinsassen", die nach wie vor Tausende Besucher aus nah und fern anzieht, die bis heute bestehende Freie Kunstakademie, durch die zahlreiche Menschen überhaupt erst Zugang zur Kunst bekommen haben, und spektakuläre Ausstellungen wie z.B. die Installation "Transzendment", mit denen er für Kleinsassens schnell wachsenden Ruf als interessanteste Institution Osthessens für zeitgenössische Kunst sorgte.

Er zog durch seine aufsehenerregenden Aktionen aber nicht nur Besucher und Kunstinteressierte an, sondern war durch seine Person und sein Engagement geradezu ein Garant dafür, dass die Kunststation auch unter renommierten Künstlern eine Adresse wurde. So gelang es ihm, z.B. Arbeiten des polnischen Nestor der konstruktivistischen Avantgarde, Henryk Stazewski, nach Kleinsassen zu holen, aber auch Werke von Wolf Vostell, Beuys, Christo, Harry Kramer oder K.O. Blase, um nur einige zu nennen.

Damit führte er hier fort, was er in den 50er Jahren in Polen begonnen hatte. In der Ostseehafenstadt Elbing geboren und aufgewachsen gründete er dort gemeinsam mit anderen 1956 den Verband "Rote Herberge"
Jürgen Blum: Blumen des Universums
Blumen des Universums
Hünfeld, Kreisel Ausfahrt Fulda/Tann
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
(Czerwona Oberza), einen "Club der Jungen Intelligenz", der sich der Wiederbelebung humanistischen Gedankenguts widmete, das in den Jahren des Stalinismus unterdrückt und verfälscht worden war, und internationale Kunstströmungen der Gegenwart diskutierte. Die dazu notwendigen Informationen besorgte man sich über westliche Botschaften. Die Ausstellung "Von den Pyramiden zu Picasso", die der Club im Nationalmuseum der Kunst in Warschau ausrichtete, gehört angesichts der politischen Situation und der schwierigen Umstände im poststalinistischen Polen zu den Meisterleistungen der "Roten Herberge". Eine weitere wichtige Etappe für Jürgen Blum war 1961 die Gründung der Galerie "EL" in einem ausgebombten und eigenhändig wiederaufgebauten Dominikanerkloster in Elbing. Dort initiierte und kuratierte er die "Raumformbiennale", die in den Jahren 1965 - 1974 fünfmal stattfand und neben anderen Initiativen Jürgen Blums in die Kunstgeschichte Polens eingegangen ist. Diese Ausstellungen waren auch deshalb wagemutig, weil im damals sozialistischen Polen die unabhängige moderne Kunst keine Existenzberechtigung besaß.

Mehr als einmal verursachte sein Engagement daher in den 60er/70er Jahren heftige Kollisionen mit dem System, die schließlich 1974 zu seiner Ausreise nach Deutschland führten. Hier fasste er in Fulda Fuß und formulierte im gleichen Jahr seine "Idee des Stationismus", die er durch die Gründung verschiedener Kunststationen, darunter Kloster Cornberg, Schloss Rittershain, Fulda, Hünfeld, Bad Salzschlirf, Eschwege und als Mittelpunkt die Kunststation Kleinsassen nach und nach in die Tat umsetzte. Die "Kunststation" sollte dabei ein Ort sein, an dem der Künstler nicht nur durch seine Werke präsent ist, wie das in Museen der Fall ist, sondern den Menschen als Person greifbar wird und sie am Entstehungsprozess seiner Werke teilhaben lässt. Die aktive Auseinandersetzung mit moderner Kunst ist das Ziel, nicht der passive Konsum von Kunst. Jürgen Blums Credo: "Meine Kunst ist es, Menschen zu inspirieren, Handelnde zu werden, die den künstlerischen Prozessen nicht zur staunend oder verstehend gegenüberstehen, sondern sie selbst mitvollziehen". Dieser Gedanke prägt auch die Kunstvermittlung Jürgen Blums im "Museum Modern Art" in Hünfeld, das er nach seinem Fortgang aus Kleinsassen 1990 gründete und bis heute leitet.

Einige der von ihm ins Leben gerufenen Kunststationen bestehen bis heute fort, andere entwickelten sich weiter zu eigenständigen Kulturinstitutionen, immer aber hat Jürgen Blum durch seine Initiativen an den jeweiligen
Jürgen Blum: Das offene Buch
Hünfeld: Das offene Buch
Einige Häuserfassaden des Projekts
Foto aus dem Katalog zur Ausstellung
Orten etwas angestoßen und ein brach liegende Feld beackert. In den meisten Fällen haben seine Ideen reiche Frucht getragen. Bilanziert man seine über 30 Jahre währende Tätigkeit in Osthessen, ist es erstaunlich, was Jürgen Blum mit Hilfe der ihm eigenen Überzeugungskraft in der Region bewegt hat und auch weiterhin bewegt. Hier sei nur exemplarisch seine zum Hessentag 2000 in Hünfeld begonnene und bis heute andauernde Aktion "Das offene Buch" erwähnt, bei der er überall in Hünfeld Häuserfassaden mit Texten der konkreten Poesie beschriftete, eine Aktion, die auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet wurde. Auch in Polen kann Jürgen Blum sich großer Wertschätzung erfreuen. So wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und zum Ehrendoktor der Warschauer Kunstakademie ernannt.

Es wird deutlich, dass Jürgen Blum mit seinen zahlreichen Initiativen, Gründungen, Aktionen, aber auch mit seinen mittlerweile über 100 Einzelausstellungen und über 300 Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland über eine schier unerschöpfliche Fülle an Werken, Material und Dokumentationen für seine große Retrospektive in Kleinsassen verfügt. Da es ihm aber nie um eine museale Ansammlung von Kunstwerken ging und sein Gestaltungswille nach wie vor ungebrochen ist, darf man umso gespannter auf die Präsentation seines Rückblickes auf fast 50 Jahre künstlerischer Produktivität in der Kunststation sein.

Die Vernissage der Ausstellung fällt zusammen mit der Neueröffnung der Kunststation nach ihrem umfangreichen Umbau, für den das Architekturbüro Sturm-Wartzeck, Dipperz, verantwortlich zeichnet. Ab 11. Januar 2005 ist die Kunststation und das zugehörige Café ganzjährig, jeweils Dienstag bis Sonntag, 13.00 - 18.00 Uhr für alle Besucher offen.

Text: Marianne Blum


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P. Klingebiel, Fulda

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Café in der Kunststation
Geöffnet: dienstags - sonntags, 13 - 17 Uhr

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dienstags - sonntags, 13 - 17 Uhr,

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Das Bild der Kunststation Kleinsassen auf der Startseite ist ein Ausschnitt eines Fotos des Fuldaer Fotografen Andre Druschel
(www.druschel-photography.de).