Zurück   Startseite   Druckversion 15. August 2005

Die Kunststation Kleinsassen präsentiert in ihrem Atelier grafische Arbeiten des Künstlers Heinrich Otto aus der Sammlung des "Malerstübchens Willingshausen"

Landschaften zwischen Tradition und Moderne

"Die größte Stärke verleiht den Arbeiten von Heinrich Otto das Gefühl innigsten Verbundenseins mit der Scholle, auf der er lebte. Ob er Landschaften, Landsleute oder Tiere schildert, alles ist durchweht von dem Geiste der Echtheit, des Ungesuchten und Selbstverständlichen, da fühlt man den Menschen heraus, der auf dem Lande aufwuchs und der auch, wenn es die Not der Zeit erfordert, den Acker selbst bestellen kann." Diese Worte fand Carl Bantzer in seiner "Kunstchronik von Willingshausen". In der hessischen Malerkolonie hatten sich beide Künstler Ende des 19. Jahrhunderts kennen und schätzen gelernt. 1881 war der Wernsiger Bauernsohn Heinrich Otto (1858-1923), der an der Kasseler Akademie eine künstlerische Ausbildung genossen hatte, zum ersten Mal nach Willingshausen gekommen, hatte dort Künstlerkollegen und Freunde wie Bantzer getroffen, die so bodenständig waren wie er. Ihnen blieb er zeitlebens verbunden, ebenso wie dem kleinen hessischen Dorf, das er bis zu seinem Tod im Jahre 1923 immer wieder besuchte.

Die Kunststation Kleinsassen stellt derzeit unter dem Titel "Heinrich Otto und die Malerkolonie Willingshausen" eine Auswahl aus der grafischen Sammlung des "Malerstübchens Willingshausen" aus. 44 Blätter künden vom meisterhaften Umgang eines Künstlers mit den Techniken Holzschnitt, Radierung und Lithografie. Und sie zeugen beispielhaft davon, auf welche Motive Otto im Laufe seiner Karriere immer wieder gerne zurückgriff: Da sind die Wald- und Wiesenlandschaften, wie er sie aus seinem Geburtsort Wernswig von Kind auf kannte und wie sie ihm in Willingshausen immer wieder begegnet sind: zarte Bachläufe, flankiert von Birken, die er in der Mode des Jugendstil variierte; Bauern, die den Acker bestellen, Heu ernten, Schafe hüten; Arbeiter am heimischen Webstuhl. Traditionelle Ansichten, denen in der Ausführung aber meist ein moderner Moment mitgegeben ist. Gerne wählt Otto eigenwillige Perspektiven, entscheidet sich für außergewöhnliche Kompositionen: So präsentiert er beispielsweise eine "Landschaft" (1921), indem er die Bäume im Vordergrund in ihren Kronen beschneidet. Das hochformatige Bild erhält dadurch Spannung, gewinnt an Ausdruck. Virtuos verleiht Otto einzelnen Blättern Atmosphäre, zaubert mit feinen Strichen Nieselregen über das Feld, deutet hier eine Schafherde nur leicht an, weckt die Assoziationskraft des Betrachters, der wie gebannt ist von den Naturidyllen und den Ansichten der hessischen Heimat.

Aber auch andere Arbeiten fallen in der von Dr. Marion Feld kuratierten Ausstellung ins Auge. Es sind dies die Industrielandschaften, die der in Düsseldorf ansässig gewordene Künstler am Rhein festhielt. Steinbrüche, riesige Schlote und Stahlwerke, gewaltige Hafenanlagen und imposante Schlepperkähne verdeutlichen den Siegeszug der Technik und der galoppierenden Industrialisierung in den ersten zwei Dekaden des 20. Jahrhunderts. Dem Realismus verpflichtet, zeigen die Blätter eine beinahe brutal zu nennende Gegenwelt zu den unberührten Impressionen aus Schwalm und Eifel. Otto verstand sich auf beides, wusste traditionell-ländliche und modern-technische Sujets grafisch formidabel einzufangen, und man kann Carl Bantzer in seiner Bewertung nur zustimmen, wenn er in seinem Buch "Hessen in der deutschen Malerei“ über Otto schreibt: "... man kann wohl sagen, dass in dem grafischen Werk seine Eigenart am stärksten zum Ausdruck kommt". Überzeugen Sie sich selbst. Bis zum 25. September bietet die Kunststation Kleinsassen dazu Gelegenheit.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 13-18 Uhr.


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