|
Der Zauber zarter BlätterDie Kunststation Kleinsassen erinnert an Heinrich Otto (1858-1923)Von Klaus H. Orth. Kleinsassen. In seiner "Kunstchronik von Willingshausen" schreibt Carl Bantzer: "Heinrich Otto war mit den besten menschlichen Eigenschaften ausgestattet, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Güte, größte Gewissenhaftigkeit und Treue, Schlichtheit und Festigkeit, Fleiß und Beharrlichkeit in der Verfolgung seiner künstlerischen Ziele zeichneten ihn aus." All dies, so heißt es weiter in der Würdigung des Künstlerkollegen und Freundes, spiegele sich in Ottos Schaffen wider, und "man kann wohl sagen, dass in dem grafischen Werk seine Eigenart am stärksten zum Ausdruck kommt". Einen Eindruck davon vermittelt die Ausstellung "Heinrich Otto und die Willingshäuser Malerkolonie", die gestern Abend im Atelier der Kunststation Kleinsassen eröffnet wurde. Sie zeigt 44 Blätter aus der Sammlung des "Malerstübchens Willingshausen". Deren Vorsitzender Helmut Geißel zitierte die eingangs erwähnten Worte Bantzers, gab eine Einführung in das Leben Ottos und lobte die Zusammenarbeit zwischen Kleinsassen und Willingshausen, deren Tradition als Malerdörfer sich im 19. Jahrhundert entwickelte. Kuratorin Marion Feld hat mit sicherer Hand eine Auswahl beispielhafter Arbeiten zusammengestellt, welche die bevorzugten Motive Heinrich Ottos in unterschiedlichen Formaten repräsentiert. Thematisch gehängt zeugen Radierungen, Holzschnitte und Lithografien vom Wesen eines Künstlers, der als Sohn eines Ackermannes jener bäuerlichen Welt entstammte, die festzuhalten er nie müde wurde: Landschaften, Ansichten der hessischen Heimat, Arbeiter auf dem Feld. Anregungen fand Otto zuhauf: in seinem Geburtsort Wernswig; in Willingshausen, das er 1881 zum ersten Mal besuchte und das für ihn auch während seiner späteren Düsseldorfer Jahre immer wieder Ziel war; oder in der Eifel, die er um 1900 erkundete. Dort erlernte er die Kunst des Steindrucks, entdeckte dann die Radierung für sich. "Gerade bei den Radierungen wird deutlich, wie meisterhaft er die Technik beherrschte", sagt Marion Feld. Sie verweist auf die Virtuosität, mit der es Otto gelang, seinen zarten Blättern eine malerische Note zu geben, beispielsweise wenn er mit feinen Strichen den sanften Nieselregen über dem Acker andeutet. Einige Radierungen lehnen sich an den Jugendstil an, erinnern an die Landschaften der Worpsweder Künstlerkolonie um Heinrich Vogeler. Andere stehen bereits im Zeichen der Moderne, lassen einen ausgeprägten Hang zu ungewöhnlichen Kompositionen und Perspektiven erkennen; wie etwa das späte Blatt "Landschaft" (1921), auf dem sowohl die Kronen der Bäume im Vordergrund als auch deren Seiten beschnitten sind, was dem Bild Spannung verleiht. In anderen Radierungen setzt Otto stark auf Reduktion, spekuliert auf die Assoziationsfähigkeiten des Betrachters, indem er Details zugunsten des Gesamteindrucks ausspart und es soweit als möglich bei Andeutungen belässt. Zu den Überraschungen der exquisiten Schau gehören die dem Realismus verpflichteten, bislang wenig bekannten Ansichten von Schloten, Stahlwerken und Schleppkähnen,die Otto während seiner Zeit am Rhein grafisch einfing. Industrielandschaften, die den Eroberungszug der Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentieren und ein Gegenwicht bilden zu den idyllischen Naturansichten eines Künstlers, in dessen Werk sich Tradition und Moderne eindrucksvoll verbinden. Heinrich Otto und die Willingshäuser Malerkolonie. Kunststation Kleinsassen, Atelier. Bis 25. September. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 13-18 Uhr. Eintritt: 1,50 Euro. Aus: Fuldaer Zeitung vom 6. August 2005.
|
|