Zurück   Startseite   Druckversion 8. August 2004

25 Jahre Kunststation Kleinsassen: Leiter Peter Ballmaier blickt zurück / Aktionen und Ausstellungen / Retrospektive für Initiator Jürgen Blum im November

Stühle und Spannungen, Ideen und Impulse

Von Klaus H. Orth

2. September 1979: Ein Zug mit 26 Personen in langen schwarzen Kutten bahnt sich in Kleinsassen den Weg von der alten Dorfschule zum Vorplatz der Gaststätte Trapp. Die Gestalten, die Besuchern wie Bewohnern des Örtchens nicht ganz geheuer sind, tragen weiße Fahnen vor sich her. "Fahne des Hasses", "Fahne der Liebe" und vieles mehr steht auf hellem Tuch geschrieben. Die Leute schauen, staunen, grübeln darüber, was immer das heißen mag. Das ist ganz im Sinne von Jürgen Blum, dem Initiator der eigenwilligen Kunstaktion: Die Leute sprechen über das Gesehene, diskutieren über das, was sich am Fuße der Milseburg abspielt.

Aktion Spannungen 1992
"Spannungen": Aktion im Jahr 1992 mit 64 Künstlerinnen und Künstlern aus 15 Ländern.
Foto: Archiv Kunststation Kleinsassen

In seiner Eröffnungsrede zur ersten Kleinsassener Kunstwoche wehrt sich Landrat Fritz Kramer dagegen, dass man läädliche Gegenden wie den Kreis Fulda als kulturelle Provinz betrachte. Kleinsassen beweise das Gegenteil. Den Künstlern und den Bewohners des Ortes sei es überlassen, an die alte Tradition des Malerdorfes anzuknüpfen.

Inzwischen, ein Vierteljahrhundert später, hat sich dieser Wunsch des Kunstmäzens Kramer erfüült. Die Kunstwoche hat sich etabliert, viele Ortsansääsige freuen sich über den Kontakt zu Künstlern und Gästen. Und dass der Geist des Malerdorfes wiederbelebt wurde, in dem einst Julius von Kreyfelt und Paul Klüber wirkten, ist nicht zuletzt das Verdienst der Kunststation Kleinsassen. Ihre Geschichte begann just in der alten Schule, von wo aus der Prozessionszug der 26 Schwarzkuttenträger startete, die für mehr Toleranz dem Künstler gegenüber werben wollten.

"Um Kinder muss man sich kümmern"

Wer ab morgen die Kunsttage besucht, der wird sich wundern, wenn er die Türen der Kunststation verschlossen findet, wenn ihn statt Bildern und Skulpturen Bagger, Steine und aufgeworfene Erde empfangen. Seit März ist das Präsentationshaus, das seit 25 Jahren besteht, wegen einer umfangreichen Renovierung und Erweiterung geschlossen. "Die Kunststation soll schöner, größer, gastlicher werden", sagt Peter Ballmaier und skizziert die Pläne des 900000 Euro teuren Umbaus, der bis November abgeschlossen sein soll: Ein Foyer soll das Ensemble einladender machen, die Räume sollen heller und größer werden, eine Art Bistrobereich ist vorgesehen, wo Künstler und Gäste ins Gespräch kommen können.

Auch wenn Ballmaier als Direktor der Volkshochschule des Landkreises Fulda seit März offiziell im Ruhestand ist, hat er die Leitung des Ausstellungshauses auf Kramers besonderen Wunsch hin nicht abgegeben. Die Kunststation sei ja schließlich auch ein wenig sein Kind, sagt Ballmaier: "Und um Kinder muss man sich eben kümmern." Er gehörte neben Landrat Fritz Kramer und Initiator Jürgen Blum zu dem Trio, das die Kunststation auf ihren Erfolgsweg gebracht hat - manchen Widerständen und finanziellen Bedenken zum Trotz und stets mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen, einheimische Künstler zu fördern und das Kunstschaffen in der Region zu beleben.

Im Archiv des VHS-Gebäudes am Gallasiniring blättert Ballmaier in einem der zahlreichen Ordner, die dort etliche Regale füllen. Fotos, Zeitungsberichte, Eröffnungsreden, Aufkleber und alte Plakate zeugen von den Anfangsjahren. Auf die Frage, welche Idee mit dem Begriff der Kunststation verbunden ist, verweist der Leiter auf einen Artikel in der Zeitschrift "Avantgarde 1" auf dem Jahr 1974. Er fasst Jürgen Blums künstlerische Auffassung von einer erlebbaren Kunst in Zeiten des Konsums zusammen, bei der Besucher mehr sein sollen als bloße Betrachter: "Ausstrahlungsfähigen Künstlern sollte man bislang geschützte Gemäuer (alte Schulen ...) zur Verfügung stellen, damit diese nicht mehr nur an die Vergangenheit erinnern, sondern in die Lebendigkeit einer neuen Funktion übergeführt werden. Jede menschliche Aktivität kann zur Station der Begegnung werden, so dass sich unerschöpfliche Möglichkeiten ergeben werden, die ganze Weite, Breite, Tiefe und Höhe dieser Welt in Anspruch zu nehmen. Die Zeit ist reif für den Stationismus, der alles eingliedern wird."

In Kleinsassens alter Schule wurde dieser Appell Wirklichkeit. Hier entstand eine Stätte der Gestaltung und Begegnung. Der damalige Hofbieberer Bürgermeister Josef Quasebarth stellte das Haus der VHS des Kreises zur Verfügung, in das Blum als begeisternder Künstler einzog und hernach viele Kreative und Kunstinteressierte ins Rhöner Malerdorf holte.

Lohnendes Wagnis: "Kunststraße Rhön"

"Jürgen Blum hat eine internationale künstlerische Karriere in einem Ostblockland aufgegeben, um seine Vorstellungen verwirklichen zu können", sagt Ballmaier und verweist auf den Enthusiasmus, den der Maler aus Elbing bereits bei den Gründungen der zur VHS gehörenden Kunststationen in Bad Salzschlirf, Hünfeld und Fulda an den Tag gelegt hatte. "Wenn uns seine Pläne auch etwas zu anspruchsvoll erschienen, was er wollte, faszinierte uns und fasziniert noch heute", so Ballmaier. Die Zahl derer, die Blum nach Kleinsassen folgten, war groß. Seine Idee der Kunst, die "nicht isoliert nur für Auserwählte, sondern zugänglich für jedermann, nicht zentralisiert, sondern dezentralisiert zu erleben, erreichbar im Alltäglichen" war, wie in dem Manifest in "Avantgarde 1" heißt, sie setzte sich durch.

Ballmaier blättert, zeigt alte Bilder in Farbe und Schwarzweiß, lässt die frühen Jahre Revue passieren: Ateliergründungen, Malkurse, Ausstellungen, Diskussionen und Aktionen, die im Dorf und in der Region nicht nur auf Verständnis stießen: die "Mumifizierung eines Apfelbaums" aus dem Projekt "Gedächtnis der Schöpfung" etwa, bei der Blum - dunkel gekleidet und mit schwarzem Zylinder auf den Kopf - im Oktober 1980 aus Anlass des Papstbesuchs einen kranken Baum in der Nähe der Schule mit Asphalt überzog und sich dabei auf die Stelle 1 Moses 2,16-17 aus dem Alten Testament berief.

Die Aktion, die auf den Umgang des Menschen mit der Schöpfung verweisen wollte, rief auf der einen Seite Naturschützer und empörte Betrachter auf den Plan. Auf der anderen Seite fanden sich viele Bewunderer, weil die dahinter stehende Idee Frieden bringen war und sich gegen Aufrüstung und Militarismus wandte. Denn zugleich pflanzte Blum drei neue Bäume. Leben und leben lassen. "Der eingeteerte Baum hat im nächsten Frühjahr übrigens so reich geblüht und im Herbst so schwer getragen, wie nie zuvor", schmunzelt Ballmaier und reicht den Ordner mit den Bildern der Aktion "Familiarität" herüber, bei der gebrauchte Stühle im Mittelpunkt standen. Verbunden mit dem Gedanken, dass jede(r) eine andere Erinnerung an den Stuhl habe, auf den ihn oder sie die Eltern zuerst gesetzt haben, bemalte jeder Teilnehmer einen Stuhl in seiner Lieblingsfarbe und versah ihn mit seinem Lieblingswort. Aneinandergereiht ergaben die Stühle Sätze, die als "Konkrete Poesie" verstanden und aufgeschrieben wurden. Anschließend änderte man das Gefüge, stellte sie neu zusammen - in einer Reihe, als Kreis, als Pyramide. Kunst und Poesie wurden erlebbar.

Nach und nach - so erzählt Ballmaier - wurde die alte Schule erweitert, gelang es Blum, internationale Künstler nach Kleinsassen zu bringen, Begegnungen möglich zu machen, die zu einem bewussteren Sehen führten und den Dialog anregten. Ein viel beachtetes Beispiel dafür war die "Kunststraße Rhön" 1986, an der der Arbeitskreis für systematisch-konstruktive Kunst maßgeblich beteiligt war. In dem vom Idea-Kunstverein Hünfeld herausgegebenen Buch "1974-1994. 20 Jahre. Jürgen Blum. Kunstaktivitäten in Osthessen" schreibt Blum dazu: "Es war ein großes Wagnis, in einer Gegend wie der Rhön moderne Plastiken im Freien aufzustellen." Doch ist er das Risiko eingegangen, Bürger mit Kunst im offenen Raum direkt zu konfrontieren. Zwar wurden dabei einige Werke zerstäört, aber der Dialog blieb mit der Idee des Projekts lebendig. Der Aufruf zur Kommunikation, er war auch bei den Ausstellungen polnischer und niederländischer Künstler unter dem Titel "Freiraum" und "Spanning - Spannungen" stets präsent.

Ausstellungshaus als Fluchtpunkt

Nach dem Abschied Blums, der sich zunächst in Fulda, später in Hünfeld niederließ, dort seine Kunstschule und das Museum Modern Art aufbaute und seither von der Haunestadt aus das kulturelle Leben des osthessischen Raumes bereichert, ergaben sich in Kleinsassen einige Neuerungen. Ein Stipendium wurde eingerichtet, in dessen Genuss bislang unter anderem Ellen van Ess, Peter H. Blum, Numan Huseinbegovic, Jana Schwarz und Petra Lange gekommen sind. Derzeit heißt der Stipendiat Predrag Hegedüs. "Seit 14 Jahren tragen sämtliche Ausstellungen im Atelier und den drei Hallen in puncto Hängung und Präsentation seine Handschrift", lobt Ballmaier das Engagement Hegedüs' in der Kunststation, das weit über die Schöpfung eigener Arbeiten hinausreicht.

"Für viele Künstler aus dem ehemaligen Jugoslawien wurde mit dem Krieg Anfang der 90er Jahre die Kunststation zum Fluchtpunkt", sagt Ballmaier. Das habe sich auch im Ausstellungsprogramm niedergeschlagen, das diesen Malern einen besonderen Stellenwert einräumte. Ein anderer Schwerpunkt seien nach dem Fall der Mauer die Künstler Mitteldeutschlands gewesen. Sighard Gille und Uwe Pfeifer haben hier ausgestellt, um nur zwei zu nennen. "Damals konnten alle Besucher aus der ehemaligen DDR unsere Kataloge und andere Publikationen in DDR-Mark bezahlen, und davon haben sie reichlich Gebrauch gemacht", sagt Ballmaier. Er fügt hinzu: "Hinterher haben wir vergessen, das Geld einzutauschen."

Die Kunststation hat es verkraftet. Und wenn der Leiter - befragt nach seiner Lieblingsausstellung- sich nicht entscheiden kann, dann spricht das für das reichhaltige Angebot. Dennoch nennt er zwei seiner Highlights: zum einen die Präsentation von Werken der Moskauer Avantgarde der Nachkriegszeit aus der Sammlung von Leonid Talotschkin. Zum anderen das Open-air-Projekt "Spannungen" von 1992, an dem 64 Künstlerinnen und Künstler aus 15 Ländern teilnahmen. Auf einer grünen Wiese gestalteten sie 700 Meter laufenden Leinwand und ließen sie zu einer begehbaren Bilder-Landschaft werden. Eine Aktion, die national und international wahrgenommen wurde und über die sogar in China zu lesen war.

Aber genug gestöbert. Wie sieht es mit der Zukunft aus? Ballmaier ist zuversichtlich, dass die Kunststation ihre Kontakte, die bis nach Japan reichen, auch künftig pflegen uns ausbauen wird. Als nächster bedeutender Termin steht der 28. November im Kalender. Dann soll - so die Planungen - die Kunststation Kleinsassen mit einer umfangreichen Retrospektive ihres Initiators Jürgen Blum wiedereröffnet werden.

Ballmaier ist zufrieden und sagt nicht ohne Stolz: "So schließt sich der Kreis."

Aus: Fuldaer Zeitung vom 7. August 2004


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