Zurück   Startseite   Druckversion 11. Mai 2003

Stipendiatin Petra Lange und fünf weitere Künstler zeigen "Internationale Positionen zeitgenössischer Steinbildhauerei"

Gedanken in Stein und Seh-Lektionen

Von Klaus H. Orth

Hofbieber-Kleinsassen. "Der Bildhauer überträgt seine Gedanken nicht etwa in Marmor. Er denkt in Marmor." Wer die aktuelle Ausstellung in der Kunststation Kleinsassen besucht, dem kommen vielleicht jene Sätze Oscar Wildes in den Sinn. Denn die Exponate der Schau sind aus Stein gehauene Gedanken - gegenwärtig in Marmor, Travertin, Labrador, Basalt, Schiefer und Granit - greifbar und begreifbar gemachte Ideen von sechs Künstlern, die "Internationale Positionen zeitgenössischer Steinbildhauerei" deutlich machen.

Ein Lob der Stipendiatin

Wie Peter Ballmaier, Leiter der Kunststation, in seiner Begrüßung erklärte, wurde die Schau von Stipendiatin Petra Lange zusammengestellt, deren Arbeiten - entstanden während der letzten zwei Jahre am Fuße der Milseburg - einen wesentlichen Teil der Ausstellung ausmachen. In Anbetracht der Vorliebe der Künstlerin zu besonders harten Gesteinsarten sagte Ballmaier: "Wer solchen Steinen seinen Willen aufzwingt, der muss schon einen ausgeprägten Charakter haben."

Ballmaier gratulierte außerdem Dr. Wilhelm Mons zum 65. Geburtstag und überreichte dem langjährigen Fachbereichsleiter für schulische Ausbildung, EDV und Naturwissenschaften bei der Volkshochschule des Landkreises, der in dieser Woche in den Ruhestand verabschiedet wird, ein Präsent.

Dr. Ralf F. Hartmann, Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher aus Berlin, ging auf das breite und faszinierende Spektrum an Formen, Oberflächen und Farben ein, das die Steinarbeiten auszeichne. Er lobte die Vielfalt und Variationsbreite, mit der die einzelnen Künstler in bisweilen einfachen Formen dem Material Stein zu Beachtung verhelfen, und betonte: "Alle sechs Positionen thematisieren Zeit." Mal sind es die Begebenheiten der Struktur, mal die Spuren des Werkprozesses, die auf den Kampf des Bildhauers mit dem Stein schließen lassen. Immer aber spreche aus der Skulptur der Respekt des Künstlers vor dem Material und seiner Schönheit. Wer sich die Zeit zur Betrachtung und Reflexion nehme, der dürfe an den Erfahrungen teilhaben, die der Künstler während seiner Arbeit gewonnen habe. Hartmann stellte die Künstler vor gab einige Sehhilfen.

Die Arbeiten von Rosa Brunner lassen eine Reduzierung auf das Elementare erkennen, verweisen auf den Ursprung alles Kulturellen aus der Natur, erinnern als Bündelungen von Rundformen und Stäben an fragmentierte Architekturelemente aus Romanik und Gotik. Ein ähnlicher Fundstückcharakter spricht aus dem Werk des Brasilianers Alfi Vivern, der im Spannungsfeld aus weichem Holz und hartem Stein Objekte schafft, die Spuren der Vergangenheit zeigen und zugleich in die Ewigkeit verweisen: verkohltes Zeitungspapier, dessen Struktur die Maserung von Holz imitiert, Taschen aus Stein - schier unbegrenzt haltbar. Auf das Verhältnis Natur - Kunst geht auch Emanuele Gianetti ein. Das Formenrepertoire des Italieners mutet mediterran an, seine Stäbe aus Travertin lassen an menschliche Figuren denken und tragen Titel wie "Krieger" - es sind Symbolträger archetypischer Momente. Gianettis Landsmann Sandro Piermarini nutzt den Stein als Träger einer erzählerischen Struktur. Das Spiel mit der Auflösung des Materials und der Versuch, den Stein transparent zu machen, bestimmt seine Arbeiten, die von nahezu malerischer Qualität sind.

Erica von Seeters nähert sich respektvoll dem Material. Die Niederländerin schlägt hier eine Brücke, deren virtuose Oberflächengestaltung sich in Strahlen entfaltet, lässt dort an einem anderen Bogen matte, raue Strukturen auf glatte Flächen treffen.

Ähnliche Gestaltungsfreude zeigt Petra Lange. Die gebürtige Dortmunderin, die zwei Jahre lang Stipendiatin des Landkreises Fulda war, arbeitet die Form des Steines heraus, setzt auf Reduktion, um das Wesen des Materials aufscheinen zu lassen. Ihre Objekte - so Hartmann in seiner Würdigung - lassen sich auf das "Wagnis Zeit" ein, sprechen eine leise Sprache, zeugen von der "hohen psychischen und physischen Kraft" ihrer Schöpferin.

Klang und Botschaft

Erster Kreisbeigeordneter Gerhard Möller, der die Schau eröffnete, erinnerte mit Blick auf die Exponate an "Die Klangprobe" von Siegfried Lenz - ein Buch, das nicht nur die Geschichte einer Steinmetz- und Bildhauerfamilie erzähle, sondern vor allem zweierlei deutlich mache: zum einen wie wichtig es sei, die Steine lesen zu lernen, und zum anderen, dass es darauf ankomme, in die Steine hinein zu hören, um die Reinheit des Steins zu erkennen. Die ausgestellten Arbeiten laden zum intensiven Betrachten und zur persönlichen Klangprobe ein.

Umrahmt wurde die Vernissage von Veronika Waldhausen (Mezzosopran) und Isabell Derman (Klavier). Zu den Arbeiten von Petra Lange und ihren Steinbildhauerkollegen sind zwei Kataloge (je 5 Euro) erschienen. Die Ausstellung ist bis zum 10. Juli täglich - außer montags - von 13 bis 18 Uhr in der Kunststation zu sehen.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 29. April 2003.

Mehr: Fotos zur Vernissage.


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