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Fabelhafte Welten
Von Klaus H. Orth
Hofbieber-Kleinsassen. Wer Fabeln für literarische Relikte aus
längst vergangener Zeit hält, die mit der heutigen Wirklichkeit
nichts mehr gemein haben, der darf sich in der Ausstellung "Kompositum
Fabel" in der Kunststation Kleinsassen eines Besseren belehren lassen.
Dort nämlich beweisen der Fabeldichter Wilfried Liebchen und der Maler
und Grafiker Klaus-Jürgen Prohl das genaue Gegenteil und erklären
bereits im Untertitel der Schau ganz programmatisch:
"Die Fabel ist tot - es lebe die Fabel!"
Schon viele Jahre zeigt Liebchen, der in Sandberg/Kilianshof lebt und
arbeitet, dass sich Konflikte aus der Wirklichkeit von heute durchaus in der
alten Form jener kleinen Erzählungen mit Protagonisten aus dem
Tierreich oder der Dingwelt darstellen lassen. Und in dem Illustrator
Klaus-Jürgen Prohl aus Sasbach hat der Autor dabei einen kreativen
Mitstreiter gewonnen, der seine Fabeln in zeitgemäßen,
collageartigen Bildern wiedergibt - auf Silbergrund.
Wie Ralf-Michael Seele, Leiter der Städtischen Galerie ADA (Meiningen),
in seiner Einführung erklärte, meint "Kompositum Fabel"
das traditionelle Miteinander von Wort und Bild, allerdings präsentiert
in zeitgemäßem Gewand: Eingebettet in Silberrahmen gibt ein
helles Passepartout auf der einen Seite den Blick frei auf den weißen
Text auf schwarzem Grund, auf der anderen ist die Illustration zu sehen.
Dabei - so Seele - stehe in Prohls eigener Farbsymbolik der Silbergrund
für den Spiegel des oft flachen Zeitgeistes, während das Schwarz
als Schreibgrund Anspruch und Argument symbolisiere. Der Konflikt, um den es
in den Fabeln geht und der nicht selten in einem Gefälle zwischen
Schein und Sein begründet liegt, spricht aus dem Kompositum - aus
seinen Teilen und seiner Gesamtheit.
Ein Beispiel: In der Fabel "Widerstand" beschreibt Liebchen, wie
viele Tiere der bösen Brillenschlange den Garaus machen wollen. Doch
statt sich dem gefährlichen Tier von vorn zu nähern, greifen sie
von hinten an und werden getötet. Nur der Mungo weiß, dass die
Bestie am Kopf gepackt werden muss, wenn man sie besiegen will: "Anders
büßt ihr nur den Widerstand mit eurem Leben." Als
bildnerisches Pendant stellt Prohl dem Text eine Collage aus Spiegelfolie
hinzu, auf dem schemenhaft das Gesicht eines Mannes mit kurzem schwarzem
Schnurrbart zu erkennen ist, der als Bestie zwischen 1933 und 1945 das
schwärzeste Kapitel deutscher Geschichte schrieb: Adolf Hitler.
Neben den genannten Bild-Text-Kompositionen sind malerische Notizen
Liebchens zu seinem Buch "Der witzige Reineke Fuchs" zu sehen, in
denen sich der Autor auch als Maler präsentiert - rechteckige,
hochformatige Kartons, für deren Bild-Schrift-Gestaltung Prohl
verantwortlich zeichnet, aus dessen Atelier diverse Arbeiten wie
"Welt-Geist" oder "Christus vor Pilatus" stammen.
Das Wesentliche aber bleibt in Halle drei das "Kompositum Fabel".
Und nicht nur die Exponate belegten während der Vernissage die
Aktualität der erzählerischen Kurzform, auch die
musikalisch-szenische Umrahmung trug dazu bei: Janette Seuffert sang und
rezitierte, begleitet von den Akkordeonklängen von Rolf Pampuch. Beide
offerierten sie "Die Moritat vom Scheintod der Fabel in vier
Gesängen", ein Bänkelsang aus der Feder und unter Regie
Liebchens.
Bis zum 21. April ist die Schau täglich - außer montags - von 13
bis 17 Uhr zu sehen. Im Rahmenprogramm lädt Liebchen am Sonntag, 23.
März, um 16 Uhr zu einem Ausstellungsgespräch ein. Vom 4. bis 6.
April wartet darüber hinaus ein "Fabelhaftes Wochenende", bei
dem Interessierte mit Liebchen und Prohl in der Kunststation Fabeln
schreiben und illustrieren.
Aus: Fuldaer Zeitung vom 25. Februar 2003.
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