Schließen   Drucken 24. Februar 2003

Fabelhafte Welten

Von Klaus H. Orth

Hofbieber-Kleinsassen. Wer Fabeln für literarische Relikte aus längst vergangener Zeit hält, die mit der heutigen Wirklichkeit nichts mehr gemein haben, der darf sich in der Ausstellung "Kompositum Fabel" in der Kunststation Kleinsassen eines Besseren belehren lassen. Dort nämlich beweisen der Fabeldichter Wilfried Liebchen und der Maler und Grafiker Klaus-Jürgen Prohl das genaue Gegenteil und erklären bereits im Untertitel der Schau ganz programmatisch: "Die Fabel ist tot - es lebe die Fabel!"

Schon viele Jahre zeigt Liebchen, der in Sandberg/Kilianshof lebt und arbeitet, dass sich Konflikte aus der Wirklichkeit von heute durchaus in der alten Form jener kleinen Erzählungen mit Protagonisten aus dem Tierreich oder der Dingwelt darstellen lassen. Und in dem Illustrator Klaus-Jürgen Prohl aus Sasbach hat der Autor dabei einen kreativen Mitstreiter gewonnen, der seine Fabeln in zeitgemäßen, collageartigen Bildern wiedergibt - auf Silbergrund.

Wie Ralf-Michael Seele, Leiter der Städtischen Galerie ADA (Meiningen), in seiner Einführung erklärte, meint "Kompositum Fabel" das traditionelle Miteinander von Wort und Bild, allerdings präsentiert in zeitgemäßem Gewand: Eingebettet in Silberrahmen gibt ein helles Passepartout auf der einen Seite den Blick frei auf den weißen Text auf schwarzem Grund, auf der anderen ist die Illustration zu sehen. Dabei - so Seele - stehe in Prohls eigener Farbsymbolik der Silbergrund für den Spiegel des oft flachen Zeitgeistes, während das Schwarz als Schreibgrund Anspruch und Argument symbolisiere. Der Konflikt, um den es in den Fabeln geht und der nicht selten in einem Gefälle zwischen Schein und Sein begründet liegt, spricht aus dem Kompositum - aus seinen Teilen und seiner Gesamtheit.

Ein Beispiel: In der Fabel "Widerstand" beschreibt Liebchen, wie viele Tiere der bösen Brillenschlange den Garaus machen wollen. Doch statt sich dem gefährlichen Tier von vorn zu nähern, greifen sie von hinten an und werden getötet. Nur der Mungo weiß, dass die Bestie am Kopf gepackt werden muss, wenn man sie besiegen will: "Anders büßt ihr nur den Widerstand mit eurem Leben." Als bildnerisches Pendant stellt Prohl dem Text eine Collage aus Spiegelfolie hinzu, auf dem schemenhaft das Gesicht eines Mannes mit kurzem schwarzem Schnurrbart zu erkennen ist, der als Bestie zwischen 1933 und 1945 das schwärzeste Kapitel deutscher Geschichte schrieb: Adolf Hitler.

Neben den genannten Bild-Text-Kompositionen sind malerische Notizen Liebchens zu seinem Buch "Der witzige Reineke Fuchs" zu sehen, in denen sich der Autor auch als Maler präsentiert - rechteckige, hochformatige Kartons, für deren Bild-Schrift-Gestaltung Prohl verantwortlich zeichnet, aus dessen Atelier diverse Arbeiten wie "Welt-Geist" oder "Christus vor Pilatus" stammen.

Das Wesentliche aber bleibt in Halle drei das "Kompositum Fabel". Und nicht nur die Exponate belegten während der Vernissage die Aktualität der erzählerischen Kurzform, auch die musikalisch-szenische Umrahmung trug dazu bei: Janette Seuffert sang und rezitierte, begleitet von den Akkordeonklängen von Rolf Pampuch. Beide offerierten sie "Die Moritat vom Scheintod der Fabel in vier Gesängen", ein Bänkelsang aus der Feder und unter Regie Liebchens.

Bis zum 21. April ist die Schau täglich - außer montags - von 13 bis 17 Uhr zu sehen. Im Rahmenprogramm lädt Liebchen am Sonntag, 23. März, um 16 Uhr zu einem Ausstellungsgespräch ein. Vom 4. bis 6. April wartet darüber hinaus ein "Fabelhaftes Wochenende", bei dem Interessierte mit Liebchen und Prohl in der Kunststation Fabeln schreiben und illustrieren.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 25. Februar 2003.


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