|
Aktuelle Kunst, die Brücken schlägt
Von Klaus H. Orth
Hofbieber-Kleinsassen. "Kunst hat in ihrer zeitgenössischen Form
die Aufgabe, Brücken zu schlagen", sagte Landrat Fritz Kramer in
der Kunststation Kleinsassen. Dort eröffnete er die Ausstellung
"Zeitgenössische Kunst aus Polen", die im Rahmen eines
Austauschprojektes mit Lehrbeauftragten der Kunsthochschule Danzig gezeigt
wird. Seit langem, so Kramer, bestehen enge Kontakte zwischen dem
Rhöner Ausstellungshaus und polnischen Künstlern: "Vielleicht
ist Kunst das geeignetste Instrument, die Seele eines Volkes zu
entdecken."
Dr. Marion Feld, verantwortlich für das Programm der Kunststation,
dankte Leszek Skurski. über den in der hiesigen Region lebenden Maler
war der Kontakt zur Danziger Hochschule zustande gekommen. Von ihm kam die
Anregung zu dem Austauschprojekt, dessen erster Teil bereits abgeschlossen
ist: Im vergangenen Monat präsentierten Peter Henryk Blum, Susanne
Bockelmann, Veronika P. Dutt, Predrag Hegedüs, Mia Hochrein, Petra
Lange und Leszek Skurski - Künstler, deren Namen mit der Kunststation
verknüpft sind - in Danzig ihre Arbeiten. Diese Exponate sind nun noch
knapp zwei Wochen in Halle zwei der Kunststation zu sehen.
Was Menschen zusammenbringt, ist Kunst und Kultur, konstatierte Professor
Roman Gajewski von der Danziger Hochschule. Er beschrieb die nach seinen
Worten äußerst freie Entwicklung der polnischen Kunst von den
Nachkriegsjahren bis heute und sagte: "Wir hoffen, dass es nicht so
viele Unterschiede gibt zwischen polnischer und westlicher Kunst."
Darüber kann jeder Besucher nun selbst befinden.
Roman Gajewskis Arbeiten sind geprägt von dem Spiel mit geometrischen
Formen. Seine meist in kühlem Grau und Blau gehaltenen mehrteiligen
Zeichnungen mit dem Titel "Cathedrals" variieren und verfremden
Kirchengrundrisse. Sie tun dies bisweilen so stark, dass man meinen
könnte, man hätte es mit der Sicht auf einen Motor zu tun.
Gajewskis drei kreisrunde "Resentment" - in Blau-, Grün- und
Rottönen gemalt - vereinen abstrakte und konkrete Bildelemente.
Innovativ wirken die Objekte von Janina Rudnicka: "The Notation I"
ist eine von Synthetikstoff überzogene Wand mit Porträts,
Zeichnungen und teilweise nummerierten Notizen, die ob ihrer teilweisen
Transparenz, die manche Durchblicke zulässt und andere verhindert, die
Neugier weckt. Das gilt ähnlich für "The Sleepiness - The
Notation III", ein auf ein Aluminiumgestell gezogenes Tuch mit
Schachbrettmuster, unter dem ein Spiegel platziert ist, der die Unterseite
des Stoffes wiedergibt: Fotografien eines Auges.
Krzysztof Polkowski fragt in den Titeln seiner großformatigen,
mehrteiligen Acrylbilder nach der Zeit. In "Is It That Time?"
beispielsweise kombiniert er Farbflächen mit fragmentarischen
Darstellungen des gekreuzigten Christus.
Leszek Skurski zelebriert einen Cross-Over zwischen ungegenständlicher
und gegenständlicher Darstellung. Das ölbild "Der
Kandidat" gibt über brauner Predella das Porträt eines Mannes
in Kardinalstracht wieder. Zwei Linien - eine schwarze, darüber eine
etwas dickere blaue - heben die Figur vom monochromen Hintergrund ab. Stets
fangen Skurskis Arbeiten existenzielle Momente ein, oft scheinen
Vorzeichnungen durch, werden identitätsbezeugende Merkmale
ausgeblendet, bleiben Figuren anonym.
Grzegorz Radecki fokussiert Damen. In Nahsicht gibt der Maler in oft
trüben Tönen Gesichtspartien von Frauen wieder, wobei er an
manchen Stellen hell leuchtende Farbakzente setzt - wie in der blauen Brille
von "Marianna", die dem Betrachter regelrecht ins Auge springt.
Auch Marek Model lockt mit dem Weiblichen - allerdings nicht mit
schönen Gesichtern, sondern mit feisten Leibern. "Body" sind
seine ölbilder denn auch betitelt, die wohlbeleibte Frauentorsi in den
Mittelpunkt rücken. Die Motivwelt von Zbigniew Gorlak setzt sich aus
Fundstücken der Zeitgeschichte zusammen, die von Hunden bis hin zu
Legofiguren reichen, die häufig in comicartiger Buntheit die Inhalte
der Acrylbilder wie "Pyramid" beherrschen.
Die abwechslungsreiche Schau läuft noch bis 21. April. Darüber
hinaus kann man sich im Internet über das Austauschprojekt,
Künstler und Exponate informieren.
Aus: Fuldaer Zeitung vom 25. Februar 2003.
|