Zurück   Startseite   Druckversion 3. August 2003

Vernissage in der Kunststation Kleinsassen: "Ikone - Faszination Gesicht" und Frida - mi vida"

Kopflastiges, das überrascht

Von Klaus H. Orth

Hofbieger-Kleinsassen. Kunst hat viele Gesichter. Das gilt für die Breite bildnerischer Ausdrucksmöglichkeiten im Allgemeinen und für die Exponate der zwei aktuellen Ausstellungen in der Kunststation Kleinsassen im Besonderen: Die eine, "Ikone - Faszination Gesicht", präsentiert Beispiele aus nahezu allen Kunstgattungen, die sich dem menschlichen Antlitz widmen oder den Begriff "Ikone" thematisieren. Die andere, "Frida - mi vida", stellt Renate Reicherts Variationen zu einem Doppelporträt der Künstlerin Frida Kahlo vor.

Peter Ballmaier, Leiter der Kunststation Kleinsassen, begrüßte die Gäste der Vernissage, dankte den Kuratoren Dr. Marion Feld, Gernot Ehrsam und Predrag Hegedüs und eröffnete die beiden miteinander verbundenen Präsentationen.

Rund 100 Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland haben ihre Arbeiten zur Themenausstellung "Ikone - Faszination Gesicht" eingesandt, zu der die Kunststation im vergangenen Jahr eingeladen hatte. "Nahezu alle Gattungen sind in der Schau vertreten, wobei die Malerei den Hauptteil ausmacht und knapp ein Drittel aus dreidimensionalen Werken besteht", sagte Feld. Die große Bandbreite sei durch die Materialien mitbedingt, aber vom Thema hauptsächlich beeinflusst: zum einen vom Komplex "Gesicht" und der damit verbundenen Frage nach Darstellungsart, Wiedererkennbarkeit, Stilistik und Ausführung; zum anderen von der Auseinandersetzung mit dem Begriff "Ikone", der einst als Urbild mit spirituellem Charakter verstanden worden sei und einen Bedeutungswandel erfahren habe.Künstler wie Andy Warhol hätten ihn auf Konsumartikel bezogen und so profaniert. So sei "Ikone" immer mehr zum Synonym von "Inbegriff von ..." oder "Markenzeichen für ..." geworden. Beeinflusst durch das englische "icon" - so Feld -, reduzierte sich die Bedeutung letztlich gar auf das Zeichen oder den Symbolwert.

Über 160 Arbeiten - Radierungen, Zeichnungen, Ölbilder, Aquarelle, Gouachen, Fotografien, Arbeiten in Mischtechnik, Skulpturen aus Stein, Holz, Metall oder Folie, Keramiken und Installationen - präsentieren in den unterschiedlichsten Techniken kopflastige Kunst der Gegenwart: Porträts und Studien, Typen und Charaktere, abstrahierte Personen, Häupter von Heiligen und mythologische Figuren, Masken und Fratzen, moderne Ikonen wie Dichter und Diven, Zeichen und Symbole aus der Welt von Werbung und Medien- all das und vieles mehr lädt zum Betrachten ein.

"Eingebettet in die Gruppenausstellung ist die Einzelschau von Renate Reichert, die sich seit langem mit Frida Kahlo beschäftigt", erklärte Feld. Der Titel dieser Exposition, "Frida - mi vida" (Frida - mein Leben) sei in Mexiko eine Anrede für nahe stehenden Personen. Und wie einer Vertrauten habe sich Reichert während eines langen Mexiko-Aufenthaltes der Kunst-Ikone Kahlo zugewandt. Dort sei ihr die Idee zu dem Zyklus über das Bild "Die zwei Fridas" gekommen.

Farbenfroh und ideenreich beschäftigt sich der Werkkomplex mit dem Leben der mexikanischen Malerin. Aus einer fantasievollen fiktiven Zwiesprache in Bildform heraus kultiviert die in Italien lebende Künstlerin ein spannendes Bilderbuch mit Tagebuchcharakter, in dem Renate Reichert persönliches Erleben mit Anekdoten und Wissenswertem aus dem Leben Kahlos zu collagenartigen Arbeiten verbindet. So erinnert das in Farben der Trikolore gehaltene gerahmte Bild "Dieses Scheiß-Paris ... aber du liebtest die Place des Vôsges" an eine von André Breton für Kahlo in Paris organisierte Ausstellung, bei der sich die Malerin gar nicht wohl fühlte. Und "Da du ja Flügel zum Fliegen hast" geht auf ein Notat aus ihrem Tagebuch ein, in dem sie nach einer Fußamputation bemerkt: "Wozu brauche ich Füße, wenn ich Flügel zum Fliegen habe."

Mal humorvoll-leicht, mal melancholisch schwer, und immer sehr hintergründig rückt Reichert in den über 80 Exponaten eine Episode nach der anderen in den Fokus. Ein konsequent durchgehaltenes künstlerisches Konzept mit vielen Überraschungen für den Betrachter.

Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von Klarinettist Bruce Edwards.

Die beiden Ausstellungen, die von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet werden, sind noch bis zum 12. Oktober dienstags bis sonntags von 13 bis 18 Uhr zu sehen. Der Katalog soll Anfang August erscheinen.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 22. Juli 2003.

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