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IKONE - Faszination Gesicht
II. Zur Geschichte des Porträts
Von Dr. Marion Feld, Kunsthistorikerin
Frühzeit
Spätestens seit den frühen vorderasiatischen Hochkulturen
spielt die porträthafte Darstellung insbesondere im dynastischen,
religiösen und funeralen Zusammenhang eine hervorragende Rolle. In
wieweit das Porträt als Wiedergabe eines bestimmten Menschen, eines
Gattungsvertreters oder in übernatürlicher Funktion bereits in
den ersten künstlerischen Ansätzen der frühesten Menschen
verstanden werden kann, ist in der Forschung nicht unumstritten, aber in
jedem Fall aufs Engste an die Selbstwahrnehmung des Menschen gekoppelt.
Eines wird allerdings schon mit diesen frühen Zeugnissen deutlich:
Es geht um die Anwesenheit von Abwesenden, von Toten unter den Lebenden,
ihre Gegenwärtigkeit und letztlich um "Leibhaftigkeit",
die ungebrochene Lebendigkeit des Abgebildeten im Abbild/Gegenstand.
Funde der jüngeren Steinzeit in Vorderasien lassen vermuten, dass
aus einem rituellen Totenkult heraus der menschliche Kopf/Schädel
selbst das früheste Porträt darstellte.
Antike
In der archaischen Epoche Griechenlands war die Abbildung des Menschen
aufgrund seiner Gottesähnlichkeit nur als
Ganzkörperdarstellung denkbar. Wahrscheinlich aus demselben Grund
wurde keine vollkommene Übereinstimmung mit dem Urbild angestrebt,
im Gegenteil eher eine Verallgemeinerung, z. T. auch Idealisierung
vorgenommen. Ein Personenbezug fand allein durch Inschriften,
Namensgebung, Benennung statt.
Selbst Porträts klassischer Zeit wurden zunächst noch als
reine Idee eines Dichters, Philosophen, Politikers oder Heroen
verstanden, die aufgrund spezifischer Eigenschaften oder
Fähigkeiten den Status von Außerordentlichkeit und
Vorbildhaftigkeit besitzen und demonstrieren sollen. Sie gehören
zwar zur gleichen Gemeinschaft und besitzen sogar überlieferte
charakteristische Details (z. B. Blindheit), gleichzeitig sind sie
jedoch herausragend und erhaben. Insofern handelt es sich selbst bei
berühmten Porträts, die wir wiederzuerkennen vermeinen, wie
beispielsweise "Perikles", "Homer" oder
"Sokrates" nicht um Real- sondern weiterhin um
Idealporträts. Gleichwohl bildeten sich im Verlauf des 5.
Jahrhunderts v. Chr. fest definierte Porträtgattungen heraus, die
jedoch eher durch Haltungen oder Attribute als durch
Persönlichkeitsmerkmale unterschieden wurden. Auch individuelle
Grabreliefs folgten weiterhin einer Typisierung (Heros, geliebte
Hausfrau und Mutter) und wurden nur durch Inschriften auf eine bestimmte
Person bezogen.
Erst im Zeitalter des Hellenismus wurden "Charakterköpfe"
mit individualistischen und realistischen Zügen gestaltet. Eine
große Bedeutung für die Entwicklung und das Verständnis
des Porträts in der Antike besitzt zudem die Numismatik, auf die
jedoch wegen ihrer eigenständigen und umfassenden Genese nicht
näher eingegangen werden kann.
Im Gegensatz zur allgemein-gültigen Darstellungsweise der Griechen
bevorzugten die Römer seit der republikanischen Zeit das
Einmalig-Persönliche. Das republikanische Porträt schreckt
dabei auch vor herbem Realismus nicht zurück. Dagegen wurden -
speziell in der Kaiserzeit - Herrscherdarstellungen erneut mit
idealisierten und nicht selten monumentalen Zügen angereichert.
Neben Ganzkörperdarstellungen wurde in römischer Zeit
eindeutig die Büste, der Kopf, favorisiert. Diese vervielfachten
Darstellungen dienten in erster Linie der Herrscherrepräsentation,
z. B. der symbolischen Anwesenheit der Kaiser in abgelegenen
römischen Provinzen. Die Konzentration auf das Gesicht in
römischer Zeit thematisiert (nicht unbedingt erstmals, aber
erstmals durch schriftliche Zeugnisse erweitert) die Erkennbarkeit und
die Anwesenheit einer Person im ihrem Abbild in einer politischen,
öffentlichen Dimension. Greifbar und verständlich wird diese
besonders in der "damnatio memoriae", der Auslöschung aus
dem kollektiven Gedächtnis, indem man die individuellen
Gesichtszüge oder die Köpfe von Statuen bewusst
zerstörte. Zu Propagandazwecken und zur privaten Nutzung wurden
außerdem kleinfigurigere Porträts in anderen Materialien
angefertigt (Metall, Gemmen, Elfenbein usw.).
In der Spätantike fand zugunsten der Expressivität eine
Umformung von vormals naturalistischen in zeichenhaft vereinfachte, naiv
reduzierte Darstellungsweisen statt. Insbesondere in Zusammenhang mit
dem Totenkult wurden Porträtdarstellungen intensiviert (z. B.
Sarkophage, Mumienporträts) oder fanden unvermutet Eingang in
bisher nicht in diesem Sinne genutzte Kunstgattungen (Wandmalerei in
Katakomben, Zwischengoldgläser).
Frühes Christentum - Mittelalter
In den ersten Jahrhunderten
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Pantokrator (6. Jh. n. Chr.)
enkaustische Malerei / Holz
Sinai - Katharinenkloster
Ausschnitt aus Postkarte
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des Christentums artete die Diskussion um
die Vertretbarkeit des Porträts, ja der menschlichen Darstellung
schlechthin, die bereits von den griechischen Philosophen mit allen
bekannten Argumenten geführt worden war, in einen offenen, z. T.
gewaltsamen bilderstürmerischen Konflikt aus. Entzündet an
Stellen in der Genesis, in denen von der Gottebenbildlichkeit des
Menschen die Rede ist, und dem ersten der mosaischen Gebote, entfachte
ein Streit um theologische Grundwahrheiten und die Nutzung, ja
überhaupt der Berechtigung von Christus-, Marien- und
Heiligendarstellungen. Je nach Definition und Einstellung führte
dies zur Duldung mit inhaltlichen Einschränkungen in der
lateinischen/römisch-katholischen Kirche, zur Duldung mit
inhaltlichen und formalen Einschränkungen in der orthodoxen Kirche
oder zur totalen Ablehnung während des Ikonoklasmus im
byzantinischen Reich und verschiedener Kirchenreformen im Westen
(darunter auch die evangelisch-lutherische Lehrmeinung).
Voraussetzung für die Befürwortung von Ikonen im Kultgebrauch
war (und ist) die Ähnlichkeit der Darstellungen mit dem Urbild und
- besonders in Bezug auf die Christusfigur - die Scheidung zwischen
menschlicher Gestalt und göttlicher Natur. Folgerichtig kann ein
Christusporträt nur original und echt sein, das direkt in
Verbindung mit ihm stand und/oder geoffenbart wurde: Abdruck auf dem
Schweißtuch oder Grabtuch oder begründet durch andere
wundersame Entstehung (sog. Acheiropoieta: z. B. das Mandylion). Aus
deren Vorbildhaftigkeit und Unveränderbarkeit erklärt sich die
überindividuelle, streng kanonisierte Ikonenmalerei, nach der jede
neu gefertigte Ikone wie ein Abdruck des Urbilds zu sein hat und der Akt
der Herstellung selbst eine sakrale Handlung darstellt. Dennoch kann ein
Kenner an geringfügigen Abweichungen und sonstigen stilistischen
Elementen eine zeitliche Zuordnung, Zuschreibung zu Schulen oder
Scheidung von Händen vornehmen.
Stilistisch und formal knüpfen die frühesten Ikonen an die
ägyptisch-hellenistische Porträtkunst an, insbesondere an die
spätantiken Mumienporträts (Bildtafeln in enkaustischer
Malerei, die in die Außenumwicklung der Mumien in Höhe des
Kopfes und anstelle des lebenden Gesichts mit einbandagiert wurden). Zu
den ältesten erhaltenen Ikonen zählen die des
Katharinenklosters auf dem Sinai, die in die Zeit zwischen dem 5. und 7.
Jahrhundert datiert werden: Die lebensgroße Christusikone weist
dabei trotz der frontalen und hierarchischen Haltung eine unerwartet
große Lebendigkeit und Lebensechtheit auf.
Während des Mittelalters war das Porträt eine eher
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Reliquienbüste Karls des Großen
(Mitte 14. Jh. n. Chr.)
Aachen - Domschatz
aus: "Die Parler und der schöne Stil 1350-1400"
(hg. v. Anton Legner), Kön 1978, Bd. 1, S. 137
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untergeordnete, vernachlässigte Gattung, bzw. es war nicht - wie
nach neuzeitlicher Vorstellung - realistisch,
"persönlich" gemeint, sondern stellte eine sinnbildliche
Abbildung des jeweiligen Amtsinhabers dar. Nur so erklären sich die
eher typisierten Herrscherbilder in illuminierten Handschriften, die
sich auf die spätantiken und byzantinischen Bildformeln des
Kaiserzeremoniells berufen, oder die idealisierten Darstellungen auf
Grabdenkmälern und anderen plastischen Denkmälern (z. B.
"Bamberger Reiter" oder Königsgalerien der Kathedralen).
Im Verlaufe des Mittelalters - insbesondere während des schon
"neuzeitlichen" Spätmittelalters - werden die
Porträts jedoch immer realistischer (z. B. Peter Parlers
Kaisergenealogie am Prager Veitsdom oder die Stifterstatuen im
Naumburger Dom), außerdem wird zunehmend der
porträtwürdige Personenkreis erweitert (Stifterfiguren
unterschiedlichster Abkunft, "Rolin"-Madonna von Jan van Eyck,
Künstlerselbstbildnisse). Aus den anfänglich kompositorisch
und bedeutungsmäßig untergeordneten Stifterdarstellungen auf
religiösen Bildtafeln entwickelte sich nach und nach die
eigenständige Gattung der Porträtmalerei. Darüber hinaus
erhielten die handelnden Personen in vielen Passionsdarstellungen derart
realistische, individuelle Züge, dass sie (ungewollt)
porträthaft erscheinen.
Neuzeit
Das neuzeitliche Porträt basiert hauptsächlich auf zwei neuen
Ansätzen: Der Beachtung des Menschen in seinem irdischen Dasein und
als Individuum sowie der Entwicklung künstlerischer Mittel zum
Zweck einer naturgetreuen Darstellung. Da diese Elemente erstmals im
15./16. Jahrhundert und zunächst in Italien herausgebildet wurden,
findet man erwartungsgemäß eine Vielzahl realistischer
Porträtdarstellungen sowohl in der Malerei wie in der Plastik der
italienischen Renaissance. Kaum ein Künstler, von dem nicht auch
Porträts überliefert sind, darunter viele stilbildende wie
beispielsweise die oben erwähnte "Mona Lisa" Leonardo da
Vincis. Auf der Basis der spätmittelalterlichen Stifterbildnisse
und vertraut mit den italienischen technischen Neuerungen, waren auch in
den nordischen Ländern viele Renaissancekünstler zugleich
bedeutende Porträtisten (z. B. Albrecht Dürer, Lukas Cranach,
Hans Holbein d. J.).
Gerade die Gattung Porträt eignete sich in besonderer Weise
für den beliebten und immer wieder aufflammenden Disput um den
Vorrang der einzelnen Künste: der Malerei (die zwar durch ihre
diversen technischen Möglichkeiten eine Täuschung
herbeiführen kann, aber letztlich zweidimensional bleibt) oder der
Plastik (die zwar mit ihrer Dreidimensionalität dem Vorbild in
haptischer Hinsicht näher kommt, aber "ohne Farbe" bleibt
und zudem noch lange Zeit nur als Handwerk eingestuft wird). In den
einzelnen Phasen der Renaissance wurden dazu durchaus unterschiedliche
Haltungen eingenommen. So räumen beispielsweise der Architekt und
Theoretiker Leon Battista Alberti (in seinem Traktat über die
Malerei von 1435) oder Leonardo da Vinci (in seinem Traktat über
die Malerei von 1490-1510) unbedingt der Malerei den Vorrang ein.
Michelangelo dagegen, der sich - obwohl in allen künstlerischen
Gattungen tätig - in erster Linie als Marmorbildhauer verstand,
bevorzugt verständlicherweise die Plastik, weil in der
Verwirklichung einer Skulptur am ehesten die schöpferische
Gestaltwerdung einer Idee zum Ausdruck kommt. Noch 1547 veranstaltet der
Gelehrte Benedetto Varchi unter damaligen bedeutenden Zeitgenossen
(darunter auch der greise Michelangelo) eine Meinungsumfrage zum Thema
"Wettstreit der Künste". Michelangelos knappe Antwort und
schließlich das Fazit, das Varchi selbst aus den eingegangenen
Meinungen zieht, zeigt, dass das Interesse an einem
"Wettstreit" erlahmt ist und als unbedeutend, wenn nicht gar
lächerlich eingestuft wird: Die einzelnen Künste sind durch
das verbindliche Grundprinzip der Zeichnung und das gemeinsame Ziel der
Naturnachahmung untrennbar miteinander vereint, daher erkennt man allen
gelungenen künstlerischen Werken den gleichen Wert zu.
Das Grundprinzip der Naturnachahmung führt auf dem Gebiet des
Porträts zu einem regelrechten Spezialistentum mit einer
zunehmenden Steigerung des Realismus (z. B. Piero della Francesca,
Domenico Ghirlandaio oder Donatello) und der Psychologisierung (z. B.
Leonardo da Vinci oder Tizian). Die Gefahr jedoch, dass sich
Porträtdarstellungen auf bloße Äußerlichkeiten
beschränken, ohne den menschlichen Kern zu berühren und damit
den eigentlichen Menschen zu erfassen, wurde bereits von den
Zeitgenossen thematisiert. In dieser Hinsicht ist wiederum ein Zeugnis
Michelangelos aufschlussreich: Auf die Bemerkung, seine beiden
Porträtstatuen in der Neuen Sakristei von San Lorenzo in Florenz
seien idealisiert und hätten keine Ähnlichkeit mehr mit den
einstmals Lebenden, entgegenete er, es sei wichtiger, der Nachwelt die
Verkörperung der Schönheit und der Lebensideale von
Porträtierten zu übermitteln, da zu einem späteren
Zeitpunkt die Porträtähnlichkeit ohnehin niemand mehr
überprüfen könne.
Auf der Grundlage des neuplatonischen Gedankenguts entwickelte sich im
16. Jahrhundert - speziell während des Manierismus - die
Vorstellung, dass wahre Kunst über die reine Naturnachahmung
hinausgehen müsse und in erster Linie Dienerin der
künstlerischen Intention und Idee zu sein habe. In diese Zeit
fällt auch die begriffsmäßige Unterscheidung zwischen
"imitare" (abbilden/darstellen) und "ritrarre"
(nachbilden/porträtieren), wobei dem reflektierenden Nachbilden
eine höhere Stellung als dem einfachen Abbilden nach der Natur
zukommt, das jedoch immer die Basis für eine vollkommene
Nachbildung sein muss. Psychologische Durchdringung war demnach eine
Maxime manieristischer Porträtdarstellungen (z. B. Pontormo oder El
Greco).
Barock
Während des 17./18. Jahrhunderts bleiben Richtlinien und einmal
gefundene ideale Kompositionen der Renaissancezeit verbindlich. Die
überlieferten Porträts der Barockzeit sind stärker denn
je Ausdruck der "herrschenden Verhältnisse" und zugleich
sinnlich-seelische Manifestationen:
In absolutistisch regierten Staaten erhält das
Ganzkörperporträt seine größte Bedeutung, wird mit
Würdeformeln - wie Architekturfragmenten, Draperien und Bildung
oder Kennerschaft repräsentierenden Versatzstücken -
ausgestattet (z. B. "Ludwig XIV." von Hyacinthe Rigaud,
"Richelieu" von Philippe de Champaigne oder Papstbildnisse von
Giovanni Lorenzo Bernini) und nicht selten in Gestik, Mimik oder durch
Attribute pathetisch überhöht. Auch den Flamen Peter Paul
Rubens und Antonis van Dyck, der Italienerin Rosalba Carriera, dem
Spanier Diego Velazquez, dem Deutschen Anton Graff sowie den
Engländern Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough gelangen
sinnliche, lebensnahe und dennoch repräsentative
Porträtdarstellungen, so dass sie in ihrer Zeit gesuchte
Porträtisten waren.
In bürgerlichen Gesellschaften wie den calvinistischen Niederlanden
stellen die Bildnisse Spiegel der demokratischen Verfassung dar, indem
sie einerseits jedes Individuum unabhängig von seinem
gesellschaftlichen Stand (z. B. "Malle Babbe" von Frans Hals)
als porträtwürdig betrachten, andererseits gerade auch
für gesellschaftskonstituierende Gruppierungen neue Bildformen
finden (Gruppenporträts: Schützengilden, Armenhausvorsteher
usw.). Werden absolutistische Vorbilder zitiert (z. B. das
repräsentative Ganzkörperporträt), bleibt die kecke Pose
als "Gernegroß" immer zu erkennen und gibt damit
freiwillig-unfreiwillig psychologische Dimensionen preis. Der Realismus,
gepaart mit einer nahezu impressionistischen Darstellungsweise,
lässt Porträts von bisher nicht gekannter Bewegtheit,
Spontaneität und Lebendigkeit entstehen, die nicht selten
karikierende Züge annehmen, ohne jedoch je die Würde der
dargestellten Person wirklich zu verletzen (insbesondere bei Frans
Hals).
Mit dem großen Interesse der Zeit für Charakterköpfe
entstehen darüber hinaus Menschendarstellungen, die mit ihren
realistischen und individuell anmutenden Details und psychologisch
durchdrungenen Feinheiten und Nuancen Porträtartigkeit erlangen,
ohne als solche gemeint zu sein (Philosophen-, Heiligen- u. a.
Köpfe). In diesem Zusammenhang stehen auch die zahlreichen
Selbstporträts Rembrandts, der sich lebensbegleitend und z. T.
schonungslos in den verschiedensten Verkleidungen, Posen und Stimmungen
festgehalten hat. Ja, gerade Rembrandt hält man aufgrund seiner
unerreichten psychologischen Durchdringung für den
"Menschendarsteller" schlechthin, der selbst biblischen
Gestalten porträthafte, seelenvolle Züge zu verleihen
versteht.
19. Jahrhundert
In nahezu allen Phasen des 19. Jahrhunderts hat ein großes
Interesse am Porträt bestanden: Sei es aufgrund einer der
Renaissanceporträts vergleichbaren klassizistisch-naturalistischen
Grundeinstellung (z. B. die Marmorbildnisse bedeutender politischer oder
gesellschaftlicher Größen von den klassizistischen Bildhauern
Europas wie Antonio Canova, Berthel Thorwaldsen oder Christian Daniel
Rauch usw.), sei es aus einer bewusst rückwärtsgewandten (z.
B. Nazarener) oder aufs Private (z. B. Romantiker) zurückgezogenen
Geisteshaltung heraus, die besonders das intime und z. T. stark
idealisierte oder symbolistisch überhöhte Freundschaftsbild
hervorzubringen ermöglichte, oder seien es die
"programmatisch" initiierten Bildnisse des Realismus (z. B.
Gustave Courbets Atelierbild) und Impressionismus (z. B. Édouard
Manet oder Auguste Renoir). Parallel zu diesen gesellschaftspolitischen
und stilistischen Entwicklungen verläuft eine Tendenz, die Menschen
in ihrem sozialen Umfeld, bei bestimmten Ereignissen, während
ausgeübter Tätigkeiten oder einfach in spontanen, scheinbar
nicht "gestellten" Positionen festzuhalten.
Beginn der Moderne bis heute
Die Entdeckung und Entwicklung der Fotografie stellte insbesondere
für die Malerei eine existenzielle Herausforderung dar, von der
gerade auch die Porträtmalerei besonders betroffen war, weil sich
nun die Meinung herausbildete, dass diese
"äußerliche" und absolute Ähnlichkeit des
Entscheidende sei. Dementsprechend fallen die Reaktionen bereits im 19.
Jahrhundert und verstärkt im beginnenden 20. Jahrhundert aus:
Während des Jugendstils wird versucht, durch Schönlinigkeit
und Ornamentalisierung eine innere Gestimmtheit der Dargestellten zu
erfassen (z. B. bei Gustav Klimt). Angeregt durch
außereuropäische Kunst gestalten die Expressionisten
formreduzierte, farbkräftige, anaturalistische
Menschendarstellungen, die durch die Erfahrung des Krieges und anderer
politischer und sozialer Missstände zunehmend verfremdet und
extremisiert werden. Sie haben oft die Abgründe der menschliche
Psyche, den Lebenskampf und das Leid sozial Benachteiligter zum Thema
und bringen diese auf direkte, explosive und schonungslose Weise zum
Ausdruck (insbesondere Max Beckmann, der auch ausnehmend viele
Selbstbildnisse geschaffen hat). Künstler mit einer langen
Schaffensperiode und großer Wandlungsfähigkeit - wie
beispielsweise Pablo Picasso - haben zugleich derart lebens- und
werkbegleitend porträtiert, dass man allein anhand der Vielzahl und
Mannigfaltigkeit der Porträts eine Entwicklung der einzelnen
persönlichen Stilstufen verfolgen kann.
Dagegen wird in allen Phasen zensierter Staatskunst
(Nationalsozialismus, Stalinismus, Sozialistischer Realismus) nicht nur
eine Rückkehr zur naturalistischen Darstellungsweise sondern
zugleich eine symbolisch und pathetisch unterfütterte
Verherrlichung des staatlichen Systems und der bestehenden
Verhältnisse gefordert - selbstverständlich unter
Diskriminierung, Verbot und Verfolgung anderer, abweichender
Ausdrucksweisen.
Nach derartigen Erfahrungen konnte sich in der Nachkriegszeit (im
Westen) zunächst der ungegenständlich-abstrakte Stil
durchsetzen, der zwar für Porträtdarstellungen aufgrund des
hohen Grades an Abstraktion ungeeignet scheint, aber dennoch - gerade
aufgrund der starken Formenreduktion - ein hohes Maß an
Expressivität und Symbolkraft besitzt, ja die Menschendarstellung
zu einer regelrecht existenziellen Frage werden lässt (Giacometti).
Einen gesuchten Gegenpol dazu bilden die, moderne
Lebensverhältnisse spiegelnde Pop-art-Porträts - speziell von
Andy Warhol -, die nicht umsonst als "Ikonen" bezeichnet
werden und auf eine neue subtile Weise das Thema der objektiven
Porträtähnlichkeit behandeln.
Bedenkt man einerseits die altbewährte Funktion des Porträts
als Statussymbol und zugleich als ein Bannen der Vergänglichkeit
sowie deren Demokratisierung durch die Fotografie und andererseits die
vielen stilistischen und ikonographischen Lösungen der
Vergangenheit, stellt sich die Frage nach der Stellung und der
Berechtigung individueller Porträtdarstellungen in der heutigen
Zeit. Nach Phasen der Ablehnung ist das "Porträt", die
Menschendarstellung, wieder hoch aktuell und kommt in der
zeitgenössischen Kunst in allen erdenklichen Medien vor. Ja, es
gibt Künstlerpersönlichkeiten die ihr Schaffen ganz diesem
Thema gewidmet haben - wie z. B Francis Bacon oder Cindy Sherman.
Ein Grund für diese ungebrochene Aktualität liegt gewiss in
einer Art Selbstversicherung des heutigen, in einer Umbruchzeit lebenden
Individuums. Dabei kann das Porträt eines Einzelnen zum
Stellvertreter seiner Gattung werden und das Lebensgefühl einer
gesamten Generation oder Zeit widerspiegeln. Unabhängig vom
jeweiligen Medium und Stil ist allen zeitgenössischen Porträts
eigen, dass sie die Konfrontation der Außen- mit der Innenwelt
zeigen, dass sie Ausdrucksformen für die Zerrissenheit und
Ortlosigkeit des flexibilsierten Zeitgenossen finden und dass sie vor
dem Hintergrund des genmanipulierten Mustermenschen für
Individualität, Authentizität und Selbstfindung stehen und
damit zur Standortbestimmung und Sinnfindung in der heutigen Zeit
beitragen.
Zum Teil 1: "Erfolgsgeschichte eines Porträts"
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