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IKONE - Faszination Gesicht
I. Erfolgsgeschichte eines Porträts
Von Dr. Marion Feld, Kunsthistorikerin
"Wer sehen wollte, wieweit es der Kunst möglich sei, die Natur
nachzuahmen, der erkannte es ohne Schwierigkeiten an diesem Kopfe. ...
nicht wie gemalt, sondern in Wahrheit wie Fleisch und Blut ... und es
galt für bewunderswert, weil es dem Leben völlig gleich
war." (Giorgio Vasari in den Lebensbeschreibungen berühmter
Künstler von 1568)
Eines der weltweit bekanntesten und meist bestaunten Porträts der
europäischen Kunstgeschichte ist mit Sicherheit Leonardo da Vincis
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Mona Lisa in der Werbung
Foto: Dr. Marion Feld
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"Mona Lisa". Das sprichwörtliche geheimnisvolle
Lächeln dieser in Halbfigur festgehaltenen jungen Florentinerin hat
nicht nur Generationen von Künstlern zu ähnlichen
Kompositionen, zu Verfremdungen und Persiflierungen inspiriert sondern
unzähligen Betrachtern - sei es des Originals im Louvre oder eine
seiner mehr oder weniger guten Reproduktionen - immer wieder aufs Neue
Rätsel aufgegeben. Nicht zuletzt deshalb ist dieses Beispiel
besonders geeignet, grundlegende Fragestellungen zum Thema Porträt
zu erörtern.
Wer ist die Dargestellte?
Die Hintergründe der Entstehung dieses Bildes sind uns, wenn auch
durch Anekdotisches verfremdet, hauptsächlich durch Giorgio Vasari
(s. o.) überliefert. Immerhin wissen wir, um wen es sich handelt
und wer der Auftraggeber war: Der begüterte und zum zweiten Mal
verwitwete Florentiner Francesco di Bartolomeo di Zanobi del Giocondo
wünschte sich eine Darstellung seiner 24-jährigen zweiten
Gemahlin, die vor ihrer Eheschließung mit 16 Jahren Lisa Maria
Gherardini hieß. Daher die Bezeichnungen "La Gioconda"
oder "Mona Lisa". Leonardo arbeitete an diesem Porträt
zwischen 1503 und 1506 in Florenz und führete es 1506 mit nach
Mailand, 1513 nach Rom und 1517 nach Frankreich. Es gelangte demnach nie
in den Besitz des Auftraggebers sondern verblieb als unvollendet (nach
Vasari) beim Maler selbst.
Was macht ein Porträt aus?
Um dieses Bild besser verstehen und seine Einzigartigkeit
einschätzen zu können, müsste man alles aus dem
Gedächtnis verbannen, was die heutige Vorstellung von
"Porträt" prägt, also alle späteren bedeutenden
Darstellungen nach 1500 (Fotografien inbegriffen). Außerdem muss
man sich vergegenwärtigen, wie bis dahin im 15. Jahrhundert
überwiegend Menschen porträtiert wurden: Nämlich meist
als Brustbild im Profil, seltener frontal, vor einem meist einfarbig
geschlossenen Hintergrund, vor dem sie stark konturiert erscheinen. Da
diese Porträts in der Regel als Repräsentation eines
bestimmten Standes gemeint waren, sind die Dargestellten entsprechend
streng/steif und mit unbewegter Miene wiedergegeben. Anders die
"Mona Lisa": Sie ist zwar auch in Positur gerückt, doch
erscheint ihre Körperhaltung ungleich spontaner. Gestik und Mimik
steigern diesen Eindruck, und Vasari schildert, welchen Aufwand Leonardo
betrieb, um der Schönen diese scheinbar entspannte Haltung zu
ermöglichen (Musik und angemehme Unterhaltung nebenbei). Unmerklich
ist die Schulterlinie in die Schräge geführt und schafft damit
Raum, Plastizität und Bewegung. Leonardos theoriegestütztes
"sfumato" (Weichzeichnung der Oberfläche) und eine tonige
Farbpalette evozieren eine Lebensechtheit der Hauttöne, des
"feuchten" Auges und Blicks sowie eine stimmige Einbettung der
nah gesehenen Figur vor dem geöffneten Hintergrund, eine sich in
die Ferne verlierende, vielgestaltige Landschaft. Nicht nur das
Mienenspiel und das fast unmerkliche, rätselhafte Lächeln
vermitteln einen "persönlichen" Eindruck der jungen Frau,
sondern gerade die Landschaft als Spiegel einer inneren Befindlichkeit,
gewissermaßen einer Seelenlandschaft, wurden in der Forschung als
psychologisierende Elemente eingestuft. Leonardo ist damit einer der
ersten neuzeitlichen Künstler, der über die erkennbare
äußere Erscheinung eines Menschen hinaus auch versucht,
dessen seelische Gestimmtheit oder gar Charaktereigenschaften
einzufangen.
Musterbeispiel für eine Mythenbildung
Schon die jüngeren Zeitgenossen (z. B. Raffael) und nach ihnen
zahllose weitere Künstler (z. B. Jean-Baptiste Corot im 19.
Jharhundert) griffen die einzigartige Komposition auf, und man ist in
Versuchung zu behaupten, dass sie bis heute vorbildlich geblieben ist.
Das Porträt der Mona Lisa wurde gewissermaßen stilbildend und
zur Legende, um nicht zu sagen zur "IKONE". Ein erster
Baustein zum Mythos war gewiss die Tatsache, dass Leonardo sich nicht
von diesem Bild trennte und es 1517 mit nach Frankreich nahm, wodurch es
nach Leonardos Ableben in den Besitz des französischen Königs
kam und somit Kernstück der späteren Louvre-Sammlung wurde.
Selbst wenn sich einleuchtende Gründe für die Nichtablieferung
an den Auftraggeber anführen lassen (z. B. dass das Bild bei der
Abreise von Florenz noch nicht beendet war), hat diese Tatsache doch
immer wieder zu Deutungsversuchen Anlass gegeben (u. a. als verstecktes
Selbstbildnis Leonardos). Weitere Stationen des Mythos "Mona
Lisa" waren der spektakuläre Raub aus dem Louvre 1911 und die
spätere triumphale Rückführung, die die damalige
Öffentlichkeit in einen wahren Mona-Lisa-Rausch versetzte und
zeitgenössische Künstler zu Reaktionen veranlasste (z. B.
Marcel Duchamps fotografisches Readymade von 1919). Auch in
späteren Jahrzehnten hat es in Künstlerkreisen immer wieder
Rückgriffe auf "Mona Lisa" gegeben (z. B. "Mona
Dali" von Salvatore Dali oder die Verarbeitung des Motivs in der
Pop art vor allem durch Andy Warhol). Neben unzähligen
Trivialisierungen und verkitschten Verfremdungen hat sich vor allem die
Werbung den großen Bekanntheitsgrad des Bildes zunutze gemacht.
Diese gesamte Rezeptionsgeschichte hat dazu beigetragen, dass zwar
sprichwörtlich jeder "Mona Lisa" kennt, aber (fast)
keiner das Bild wirklich noch offenen Sinnes betrachtet. Der Ruhm des
Bildes hat mit der Zeit den Zugang zu seiner tatsächlichen
Bedeutsamkeit verdeckt. Der Mythos hat es zum Inbegriff einer (modernen)
IKONE werden lassen.
Dessen ungeachtet handelt es sich bei dem Original um das Porträt
einer benennbaren historischen Persönlichkeit, und wir glauben
gerne an seine Porträtähnlichkeit, selbst wenn wir diese heute
nicht mehr überprüfen können. Denn - abgesehen von
Leonardos persönlichen Fähigkeiten - gewährleistet das
Zeitalter der Renaissance diese Übereinstimmung von Vorbild/Urbild
und Abbild: aufgrund eines allgemeinen Interesses am Individuum sowie
des Strebens nach naturalistischer Wiedergabe.
"Porträt" - Versuch einer Definition
Es ist nicht uninteressant eine Geschichte des Porträts mit der
Klärung der Wortbedeutung und seiner Herkunft einzuleiten. Allein
die Tatsache, dass mehrere Begriffe im Sprachgebrauch sind, lässt
vermuten, dass die Quellen vielfältiger und mehrdeutig sind und auf
verschiedene Phasen einer Auseinandersetzung zurückweisen. Der
Begriff oszilliert zwischen
Imago-Ikone-Bild/Bildnis-Porträt/Ritratto und deutet damit schon
das Grundproblem der Porträtdarstellung - nämlich die Frage
nach der Übereinstimmung von Urbilds und Abbild - und seiner
Vertretbarkeit in den monotheistischen Religionen an. Dabei haben
Porträt (von lat.: protrahere = hervorziehen, offenbaren) und
Ritratto (von ital.: ritrarre = in Form von Nachahmung/Wiederholung
wiedergeben, schildern, darstellen; dies wiederum von lat.: retrahere =
wieder vornehmen, -bearbeiten) einen verwandten Kern, wenn sie auch auf
weit auseinanderliegende Zeiten zurückgehen.
Die Ursprünge des z. T. herben Realismus der römischen
Porträts werden auf den Toten-/Ahnenkult zurückgeführt,
indem man den Verstorbenen Wachsmasken abnahm (und dafür
ursprünglich die Bezeichnung "imago" verwendete), sie im
Rahmen der Pietas im familiären Bereich aufbewahrte und verehrte.
In der (italienischen) Renaissance nahmen die Porträts einen
ähnlichen Verehrungskult an, sie besaßen
Stellvertreterfunktion in Zusammenhang mit öffentlichen
Repräsentationsaufgaben oder im privaten/intimen Bereich. Im
deutschen "Bildnis" (von althochdeutsch: bilidi = Abbild,
Beispiel, Gestalt; im Kern mit Wunderkraft verbunden) klingen
vielseitige Facetten an: Einerseits die göttliche und menschliche
Formkraft, andererseits die Aura des Bildnisses selbst betreffend. Es
zeichnet sich ein Abstraktionsvorgang ab, der dem Porträt
unabhängig vom wirklich Darstellten - erst recht von
Porträtähnlichkeiten - Präsenz und Macht und damit
Symbolcharakter verleiht.
Der griechische Begriff "Ikone" (eikon = Abbild, seinem
Gegenstande gleichend) setzt dagegen eine gewisse grundlegende
Übereinstimmung zwischen realer und dargestellter Person voraus,
und die spätere Auseinandersetzung um eben diese Tatsache
berührt zugleich die Vorstellung von Aura, Heiligkeit, wundersamer
Anwesenheit, kurz: die Frage nach der Stellvertreterfunktion.
Eines wird an diesen unterschiedlichen Wortbedeutungen ersichtlich: Die
Ähnlichkeit mit dem Vorbild ist nicht zu allen Zeiten und in allen
Kulturen gleich, sie kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen liegen und
ist vom jeweiligen Zeitstil und von der angestrebten Funktion
abhängig. Gerade in dieser Funktion, einen nicht Anwesenden zu
vertreten, liegt bis heute der Reiz und der Widerspruch von
Porträtdarstellungen - gleichgültig ob es sich um einen
Zeitgenossen/Nahestehenden, ein historisches Individuum oder einen
Kultgegenstand handelt. Der Wunsch vieler historischer Personen, im
Gedächtnis der später Geborenen fortzuleben, Bedeutung und
Bestand zu haben, geht daher insofern in Erfüllung, als dass viele
von ihnen - seien sie namenlos oder selbst mit Namen unbekannt für
uns - durch ihre individuelle Ausstrahlung zu uns sprechen und selbst
über Jahrhunderte hinweg einen Dialog mit uns führen und ein
Gefühl von Vertrautheit und Nähe aufkommen lassen. Das
Phänomen "Porträt" wird genährt durch den
Gegensatz "Anwesenheit - Abwesenheit" und das Paradox eines
Zeitensprungs, der die Dargestellten wieder lebendig und anwesend sein,
im Augenblick der Kommunikation mit ihnen die Zeit und selbst den
Kunstcharakter vor dem realen Menschen aufgehoben scheinen und
Vergänglichkeit und Tod vergessen lässt - zumindest für
einen kurzen Augenblick.
Grundsätzlich versteht man unter Porträt die (geformte,
gemalte oder fotografische) Abbildung eines bestimmten Menschen mit
seinen charakteristischen Merkmalen, die eine Wiedererkennung durch
Nahestehende/Bekannte ermöglichen. Stand zu Beginn der Entwicklung
noch die Ganzfigur im Zentrum, so bildeten sich in späterer Zeit
Sonderformen heraus: Kniestück, Halbfigur, Brustbild/Büste
oder Kopfbild. Mit der zunehmenden Konzentration auf das menschliche
Antlitz ging zugleich eine Konzentration auf die Physiognomie und Psyche
sowie eine Individualisierung einher, die ebenfalls verschiedene
Darstellungsformen hervorbrachte: frontal/en face, Profil in
verschiedenen Graden (Dreiviertelprofil, "verlorenes Profil"
usw.). Porträts können in verschiedenen Techniken
ausgeführt sein: Malerei, Grafik, Zeichnung; Fotografie, Video/Film
und in manchen kunstgewerblichen Sonderformen. In der Skulptur besteht
oftmals ein fließender Übergang zur Gattung des Denkmals.
Die Charakteristika eines bestimmten Menschen beschränken sich
jedoch nicht nur auf Äußerlichkeiten, ja seine Gestik und
Mimik sowie sein Blick verraten darüber hinaus manches über
Charaktereigenschaften oder den momentanen inneren Zustand. Insbesondere
das Auge und der Blick waren für frühere Zeiten ein
überaus wichtiges Merkmal einer Menschendarstellung: Die
dargestellte Persönlichkeit betreffend, als Fenster der Seele
verstanden, durch das sowohl die Sinneseindrücke von außen
nach innen dringen lönnen, wie auch als Spiegel des innersten
Zustands für Außenstehende erkennbar wird. Darüber
hinaus kann uns das "Sprechende" und "Fesselnde"
eines Blicks "in den Bann schlagen", und nicht umsonst wurde
in früheren Kulturen (z. T. bis in heutige Zeiten) die Darstellung
des Auges als magisches und apotropäisches Zeichen genutzt. Daraus
ergibt sich das Problem der Darstellbarkeit von Empfindung, der
"Seele" oder der Psyche. Wieviel davon erkennt der
Künstler, wieviel von seinen eigenen Empfindungen fließen -
bewusst oder unbewusst - mit ein? Und in wieweit ist der Ausdruck der
dargestellten Person auf die expressiven Möglichkeiten der
künstlerischen Mittel zurückzuführen, durch sie evoziert
(z. B. bei den Impressionisten, den Expressionisten oder manchen
expressiv arbeitenden zeitgenössischen Künstlern)? Aber auch:
Mit welchen Empfindungen nimmt ein unbeteiligter Betrachter ein solches
Porträt wahr, bzw. welche eigenen Erfahrungen und Befindlichkeiten
des Betrachters bedingen eine entsprechend von außen
herangetragene Interpretation?
War die Darstellung eines Individuums zunächst durchaus
unabhängig von naturalistischen Darstellungswünschen, so gab
es in der Vergangenheit immer wieder Phasen und Epochen, in denen eine
modellgetreue Ähnlichkeit unbedingte Voraussetzung war; eine
Meinung, die sich seit der Entwicklung der Fotografie verstärkt
hat. Gerade die Bildnisferne in manchen Phasen der Modernen Kunst ist
als direkte Reaktion auf die unüberbietbare fotografische
Genauigkeit zu verstehen. Mit der Betonung des psychologischen Moments
oder gar psychischer Abgründe wurden dem modernen Porträt
durchaus neue Facetten abgewonnen, neue Wege der Darstellung
eingeschlagen. Dass die Porträtähnlichkeit, die
Wiedererkennbarkeit der dargestellten Person, kein unbedingtes
Erfordernis bedeutet, ja für die eigentliche Bildaussage sogar
hinderlich sein kann, entdeckte man allerdings nicht erstmals im 20./21.
Jahrhundert. Es ist interessant, dass in der langen Zeit der
Menschendarstellung die Phasen des naturgetreuen Abbilds deutlich in der
Minderzahl sind.
Zum Teil 2: "Zur Geschichte des Porträts"
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