Zurück   Startseite   Druckversion 11. Juli 2003

IKONE - Faszination Gesicht

I. Erfolgsgeschichte eines Porträts

Von Dr. Marion Feld, Kunsthistorikerin

"Wer sehen wollte, wieweit es der Kunst möglich sei, die Natur nachzuahmen, der erkannte es ohne Schwierigkeiten an diesem Kopfe. ... nicht wie gemalt, sondern in Wahrheit wie Fleisch und Blut ... und es galt für bewunderswert, weil es dem Leben völlig gleich war." (Giorgio Vasari in den Lebensbeschreibungen berühmter Künstler von 1568)

Eines der weltweit bekanntesten und meist bestaunten Porträts der europäischen Kunstgeschichte ist mit Sicherheit Leonardo da Vincis
Mona Lisa in der Werbung
Mona Lisa in der Werbung
Foto: Dr. Marion Feld
"Mona Lisa". Das sprichwörtliche geheimnisvolle Lächeln dieser in Halbfigur festgehaltenen jungen Florentinerin hat nicht nur Generationen von Künstlern zu ähnlichen Kompositionen, zu Verfremdungen und Persiflierungen inspiriert sondern unzähligen Betrachtern - sei es des Originals im Louvre oder eine seiner mehr oder weniger guten Reproduktionen - immer wieder aufs Neue Rätsel aufgegeben. Nicht zuletzt deshalb ist dieses Beispiel besonders geeignet, grundlegende Fragestellungen zum Thema Porträt zu erörtern.

Wer ist die Dargestellte?

Die Hintergründe der Entstehung dieses Bildes sind uns, wenn auch durch Anekdotisches verfremdet, hauptsächlich durch Giorgio Vasari (s. o.) überliefert. Immerhin wissen wir, um wen es sich handelt und wer der Auftraggeber war: Der begüterte und zum zweiten Mal verwitwete Florentiner Francesco di Bartolomeo di Zanobi del Giocondo wünschte sich eine Darstellung seiner 24-jährigen zweiten Gemahlin, die vor ihrer Eheschließung mit 16 Jahren Lisa Maria Gherardini hieß. Daher die Bezeichnungen "La Gioconda" oder "Mona Lisa". Leonardo arbeitete an diesem Porträt zwischen 1503 und 1506 in Florenz und führete es 1506 mit nach Mailand, 1513 nach Rom und 1517 nach Frankreich. Es gelangte demnach nie in den Besitz des Auftraggebers sondern verblieb als unvollendet (nach Vasari) beim Maler selbst.

Was macht ein Porträt aus?

Um dieses Bild besser verstehen und seine Einzigartigkeit einschätzen zu können, müsste man alles aus dem Gedächtnis verbannen, was die heutige Vorstellung von "Porträt" prägt, also alle späteren bedeutenden Darstellungen nach 1500 (Fotografien inbegriffen). Außerdem muss man sich vergegenwärtigen, wie bis dahin im 15. Jahrhundert überwiegend Menschen porträtiert wurden: Nämlich meist als Brustbild im Profil, seltener frontal, vor einem meist einfarbig geschlossenen Hintergrund, vor dem sie stark konturiert erscheinen. Da diese Porträts in der Regel als Repräsentation eines bestimmten Standes gemeint waren, sind die Dargestellten entsprechend streng/steif und mit unbewegter Miene wiedergegeben. Anders die "Mona Lisa": Sie ist zwar auch in Positur gerückt, doch erscheint ihre Körperhaltung ungleich spontaner. Gestik und Mimik steigern diesen Eindruck, und Vasari schildert, welchen Aufwand Leonardo betrieb, um der Schönen diese scheinbar entspannte Haltung zu ermöglichen (Musik und angemehme Unterhaltung nebenbei). Unmerklich ist die Schulterlinie in die Schräge geführt und schafft damit Raum, Plastizität und Bewegung. Leonardos theoriegestütztes "sfumato" (Weichzeichnung der Oberfläche) und eine tonige Farbpalette evozieren eine Lebensechtheit der Hauttöne, des "feuchten" Auges und Blicks sowie eine stimmige Einbettung der nah gesehenen Figur vor dem geöffneten Hintergrund, eine sich in die Ferne verlierende, vielgestaltige Landschaft. Nicht nur das Mienenspiel und das fast unmerkliche, rätselhafte Lächeln vermitteln einen "persönlichen" Eindruck der jungen Frau, sondern gerade die Landschaft als Spiegel einer inneren Befindlichkeit, gewissermaßen einer Seelenlandschaft, wurden in der Forschung als psychologisierende Elemente eingestuft. Leonardo ist damit einer der ersten neuzeitlichen Künstler, der über die erkennbare äußere Erscheinung eines Menschen hinaus auch versucht, dessen seelische Gestimmtheit oder gar Charaktereigenschaften einzufangen.

Musterbeispiel für eine Mythenbildung

Schon die jüngeren Zeitgenossen (z. B. Raffael) und nach ihnen zahllose weitere Künstler (z. B. Jean-Baptiste Corot im 19. Jharhundert) griffen die einzigartige Komposition auf, und man ist in Versuchung zu behaupten, dass sie bis heute vorbildlich geblieben ist. Das Porträt der Mona Lisa wurde gewissermaßen stilbildend und zur Legende, um nicht zu sagen zur "IKONE". Ein erster Baustein zum Mythos war gewiss die Tatsache, dass Leonardo sich nicht von diesem Bild trennte und es 1517 mit nach Frankreich nahm, wodurch es nach Leonardos Ableben in den Besitz des französischen Königs kam und somit Kernstück der späteren Louvre-Sammlung wurde. Selbst wenn sich einleuchtende Gründe für die Nichtablieferung an den Auftraggeber anführen lassen (z. B. dass das Bild bei der Abreise von Florenz noch nicht beendet war), hat diese Tatsache doch immer wieder zu Deutungsversuchen Anlass gegeben (u. a. als verstecktes Selbstbildnis Leonardos). Weitere Stationen des Mythos "Mona Lisa" waren der spektakuläre Raub aus dem Louvre 1911 und die spätere triumphale Rückführung, die die damalige Öffentlichkeit in einen wahren Mona-Lisa-Rausch versetzte und zeitgenössische Künstler zu Reaktionen veranlasste (z. B. Marcel Duchamps fotografisches Readymade von 1919). Auch in späteren Jahrzehnten hat es in Künstlerkreisen immer wieder Rückgriffe auf "Mona Lisa" gegeben (z. B. "Mona Dali" von Salvatore Dali oder die Verarbeitung des Motivs in der Pop art vor allem durch Andy Warhol). Neben unzähligen Trivialisierungen und verkitschten Verfremdungen hat sich vor allem die Werbung den großen Bekanntheitsgrad des Bildes zunutze gemacht. Diese gesamte Rezeptionsgeschichte hat dazu beigetragen, dass zwar sprichwörtlich jeder "Mona Lisa" kennt, aber (fast) keiner das Bild wirklich noch offenen Sinnes betrachtet. Der Ruhm des Bildes hat mit der Zeit den Zugang zu seiner tatsächlichen Bedeutsamkeit verdeckt. Der Mythos hat es zum Inbegriff einer (modernen) IKONE werden lassen.

Dessen ungeachtet handelt es sich bei dem Original um das Porträt einer benennbaren historischen Persönlichkeit, und wir glauben gerne an seine Porträtähnlichkeit, selbst wenn wir diese heute nicht mehr überprüfen können. Denn - abgesehen von Leonardos persönlichen Fähigkeiten - gewährleistet das Zeitalter der Renaissance diese Übereinstimmung von Vorbild/Urbild und Abbild: aufgrund eines allgemeinen Interesses am Individuum sowie des Strebens nach naturalistischer Wiedergabe.

"Porträt" - Versuch einer Definition

Es ist nicht uninteressant eine Geschichte des Porträts mit der Klärung der Wortbedeutung und seiner Herkunft einzuleiten. Allein die Tatsache, dass mehrere Begriffe im Sprachgebrauch sind, lässt vermuten, dass die Quellen vielfältiger und mehrdeutig sind und auf verschiedene Phasen einer Auseinandersetzung zurückweisen. Der Begriff oszilliert zwischen Imago-Ikone-Bild/Bildnis-Porträt/Ritratto und deutet damit schon das Grundproblem der Porträtdarstellung - nämlich die Frage nach der Übereinstimmung von Urbilds und Abbild - und seiner Vertretbarkeit in den monotheistischen Religionen an. Dabei haben Porträt (von lat.: protrahere = hervorziehen, offenbaren) und Ritratto (von ital.: ritrarre = in Form von Nachahmung/Wiederholung wiedergeben, schildern, darstellen; dies wiederum von lat.: retrahere = wieder vornehmen, -bearbeiten) einen verwandten Kern, wenn sie auch auf weit auseinanderliegende Zeiten zurückgehen.

Die Ursprünge des z. T. herben Realismus der römischen Porträts werden auf den Toten-/Ahnenkult zurückgeführt, indem man den Verstorbenen Wachsmasken abnahm (und dafür ursprünglich die Bezeichnung "imago" verwendete), sie im Rahmen der Pietas im familiären Bereich aufbewahrte und verehrte. In der (italienischen) Renaissance nahmen die Porträts einen ähnlichen Verehrungskult an, sie besaßen Stellvertreterfunktion in Zusammenhang mit öffentlichen Repräsentationsaufgaben oder im privaten/intimen Bereich. Im deutschen "Bildnis" (von althochdeutsch: bilidi = Abbild, Beispiel, Gestalt; im Kern mit Wunderkraft verbunden) klingen vielseitige Facetten an: Einerseits die göttliche und menschliche Formkraft, andererseits die Aura des Bildnisses selbst betreffend. Es zeichnet sich ein Abstraktionsvorgang ab, der dem Porträt unabhängig vom wirklich Darstellten - erst recht von Porträtähnlichkeiten - Präsenz und Macht und damit Symbolcharakter verleiht.

Der griechische Begriff "Ikone" (eikon = Abbild, seinem Gegenstande gleichend) setzt dagegen eine gewisse grundlegende Übereinstimmung zwischen realer und dargestellter Person voraus, und die spätere Auseinandersetzung um eben diese Tatsache berührt zugleich die Vorstellung von Aura, Heiligkeit, wundersamer Anwesenheit, kurz: die Frage nach der Stellvertreterfunktion.

Eines wird an diesen unterschiedlichen Wortbedeutungen ersichtlich: Die Ähnlichkeit mit dem Vorbild ist nicht zu allen Zeiten und in allen Kulturen gleich, sie kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen liegen und ist vom jeweiligen Zeitstil und von der angestrebten Funktion abhängig. Gerade in dieser Funktion, einen nicht Anwesenden zu vertreten, liegt bis heute der Reiz und der Widerspruch von Porträtdarstellungen - gleichgültig ob es sich um einen Zeitgenossen/Nahestehenden, ein historisches Individuum oder einen Kultgegenstand handelt. Der Wunsch vieler historischer Personen, im Gedächtnis der später Geborenen fortzuleben, Bedeutung und Bestand zu haben, geht daher insofern in Erfüllung, als dass viele von ihnen - seien sie namenlos oder selbst mit Namen unbekannt für uns - durch ihre individuelle Ausstrahlung zu uns sprechen und selbst über Jahrhunderte hinweg einen Dialog mit uns führen und ein Gefühl von Vertrautheit und Nähe aufkommen lassen. Das Phänomen "Porträt" wird genährt durch den Gegensatz "Anwesenheit - Abwesenheit" und das Paradox eines Zeitensprungs, der die Dargestellten wieder lebendig und anwesend sein, im Augenblick der Kommunikation mit ihnen die Zeit und selbst den Kunstcharakter vor dem realen Menschen aufgehoben scheinen und Vergänglichkeit und Tod vergessen lässt - zumindest für einen kurzen Augenblick.

Grundsätzlich versteht man unter Porträt die (geformte, gemalte oder fotografische) Abbildung eines bestimmten Menschen mit seinen charakteristischen Merkmalen, die eine Wiedererkennung durch Nahestehende/Bekannte ermöglichen. Stand zu Beginn der Entwicklung noch die Ganzfigur im Zentrum, so bildeten sich in späterer Zeit Sonderformen heraus: Kniestück, Halbfigur, Brustbild/Büste oder Kopfbild. Mit der zunehmenden Konzentration auf das menschliche Antlitz ging zugleich eine Konzentration auf die Physiognomie und Psyche sowie eine Individualisierung einher, die ebenfalls verschiedene Darstellungsformen hervorbrachte: frontal/en face, Profil in verschiedenen Graden (Dreiviertelprofil, "verlorenes Profil" usw.). Porträts können in verschiedenen Techniken ausgeführt sein: Malerei, Grafik, Zeichnung; Fotografie, Video/Film und in manchen kunstgewerblichen Sonderformen. In der Skulptur besteht oftmals ein fließender Übergang zur Gattung des Denkmals.

Die Charakteristika eines bestimmten Menschen beschränken sich jedoch nicht nur auf Äußerlichkeiten, ja seine Gestik und Mimik sowie sein Blick verraten darüber hinaus manches über Charaktereigenschaften oder den momentanen inneren Zustand. Insbesondere das Auge und der Blick waren für frühere Zeiten ein überaus wichtiges Merkmal einer Menschendarstellung: Die dargestellte Persönlichkeit betreffend, als Fenster der Seele verstanden, durch das sowohl die Sinneseindrücke von außen nach innen dringen lönnen, wie auch als Spiegel des innersten Zustands für Außenstehende erkennbar wird. Darüber hinaus kann uns das "Sprechende" und "Fesselnde" eines Blicks "in den Bann schlagen", und nicht umsonst wurde in früheren Kulturen (z. T. bis in heutige Zeiten) die Darstellung des Auges als magisches und apotropäisches Zeichen genutzt. Daraus ergibt sich das Problem der Darstellbarkeit von Empfindung, der "Seele" oder der Psyche. Wieviel davon erkennt der Künstler, wieviel von seinen eigenen Empfindungen fließen - bewusst oder unbewusst - mit ein? Und in wieweit ist der Ausdruck der dargestellten Person auf die expressiven Möglichkeiten der künstlerischen Mittel zurückzuführen, durch sie evoziert (z. B. bei den Impressionisten, den Expressionisten oder manchen expressiv arbeitenden zeitgenössischen Künstlern)? Aber auch: Mit welchen Empfindungen nimmt ein unbeteiligter Betrachter ein solches Porträt wahr, bzw. welche eigenen Erfahrungen und Befindlichkeiten des Betrachters bedingen eine entsprechend von außen herangetragene Interpretation?

War die Darstellung eines Individuums zunächst durchaus unabhängig von naturalistischen Darstellungswünschen, so gab es in der Vergangenheit immer wieder Phasen und Epochen, in denen eine modellgetreue Ähnlichkeit unbedingte Voraussetzung war; eine Meinung, die sich seit der Entwicklung der Fotografie verstärkt hat. Gerade die Bildnisferne in manchen Phasen der Modernen Kunst ist als direkte Reaktion auf die unüberbietbare fotografische Genauigkeit zu verstehen. Mit der Betonung des psychologischen Moments oder gar psychischer Abgründe wurden dem modernen Porträt durchaus neue Facetten abgewonnen, neue Wege der Darstellung eingeschlagen. Dass die Porträtähnlichkeit, die Wiedererkennbarkeit der dargestellten Person, kein unbedingtes Erfordernis bedeutet, ja für die eigentliche Bildaussage sogar hinderlich sein kann, entdeckte man allerdings nicht erstmals im 20./21. Jahrhundert. Es ist interessant, dass in der langen Zeit der Menschendarstellung die Phasen des naturgetreuen Abbilds deutlich in der Minderzahl sind.

Zum Teil 2: "Zur Geschichte des Porträts"


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