Zurück   Startseite   Druckversion 21. Oktober 2003

Sinn und Sinnlichkeit: In der Kunststation Kleinsassen wurde die Ausstellung "Erde - Haut - Papier" eröffnet

Das Material bestimmt die Botschaft

Von Klaus H. Orth

Hofbieber-Kleinsassen. Eine sichtbare und bisweilen sogar greifbare Nähe zur Natur und ihren Materialien spricht aus den Arbeiten, die derzeit in der Kunststation Kleinsassen zu sehen sind: Gisela Denninghoff, Karina Wellmer-Schnell und Kathrin Brömse präsentieren unter dem Titel "Erde - Haut - Papier" zeitgenössische Malerei und Objektkunst mit jeweils sehr individueller Handschrift.

"Starke Naturverbundenheit"

Bei der Vernissage begrüßte Leiter Peter Ballmaier die zahlreichen Gäste zur letzten Ausstellung vor dem bevorstehenden Umbau der Kunststation. Seine Stellvertreterin, Dr. Marion Feld, ging in ihrer Einführung auf die unterschiedlichen Lebens- und Schaffenswege ein und sagte: "Es gibt zahlreiche Verschränkungen und Übereinstimmungen im Werk der Künstlerinnen - eine davon ist die starke Naturverbundenheit." Denn jede von ihnen verstehe das verwendete Material als programmatisch; für jede sei es zugleich Arbeitsgrundlage und Ausdrucksträger der künstlerischen Botschaft.

Ein Rundgang macht dies deutlich: Da sind die Bilder von Kathrin Brömse (Jahrgang 1970), die in Marburg lebt und arbeitet. Sie hat sich dem Papier verschrieben, das sie mit variierender Oberflächengestaltung als Stimmungsträger ihrer erzählerischen Menschenbilder einsetzt. "Ich plane nicht, was ich zeichnen will, ich schaue, was passiert", sagt die studierte Archäologin. Und mitunter wirken die Figuren ihrer Gouachen, als seien sie Schicht um Schicht freigelegt aus einer geheimnisvollen Tiefe aus Papier und grauen oder braunen Farbtönen. Mit Moorlauge, Rötel, Kohle und Arabicum - hin und wieder auch mit Acryl - setzt sie Personen ins Bild, die meist individuelle Züge vermissen lassen und bisweilen nur angedeutet sind durch eine leichte Konturierung. Meist sagen Titel wie "Frierender Mann mit schiefer Nase" oder "Großer Kopf" schon alles über die Inhalte aus. "Ich treibe damit ein wenig Scherz", gibt Kathrin Brömse zu, und ein Hauch von Ironie ist auch ihren Objekten aus Wachs und den zweidimensionalen Bilder eigen.

Einen ausgeprägten Hang zum Figurativen lässt Karina Wellmer-Schnell (Jahrgang 1950) erkennen, die in der Haut von Tieren, im Rohleder (Pergament), ihren Werkstoff gefunden hat. "Ich komme vom Marionettenbau her", sagt die Künstlerin, die in Ober-Ramstadt ein Atelier betreibt und zuletzt das Moldau-Stipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst im Egon Schiele Art Centrum in Tschechien inne hatte. Für ihre teils plastischen, teils flächigen Bilder aus Rohleder hat sie eigene Techniken entwickelt, beispielsweise die des Rostaufdrucks oder der eigenwilligen Einfärbung, die sich hier als Symbol, dort als abstrakte Struktur offenbart. So wie im Tryptichon "Der Weg und das Ziel", das Momente menschlichen Lebens vorstellt. Auch die digitale Fotografie hat in den Arbeiten von Karina Wellmer-Schnell ihren Platz. Reale Bilder setzt sie auf die Tierhäute um, die - je nach Auflösung klar oder unscharf - ein spannungsreiches Miteinander mit dem unveredelten Werkstoff Tierhaut vollziehen, der Risse, Furchen, Unebenheiten erkennen lässt. "Es geht mir immer um Menschlichkeit und Beziehung", sagt die Künstlerin hinsichtlich ihrer sinnlichen und sinnreichen Sujets, die von der kleinen Bronze bis zum raumgreifenden Objekt aus Rohleder und Eisen ihr Schaffen bestimmen. Die bevorzugte Grundform, nach der sie viele ihrer Skulpturen und Körperfragmente herstellt, sind übrigens Barbies. Und wer genau hinschaut, der sieht bei manchem Objekt die Puppe auch noch durchs Pergament scheinen.

Gisela Denninghoff (Jahrgang 1939) ist der Erde verbunden. "Ich arbeite überwiegend in freier Natur", sagt die gebürtige Magdeburgerin, die in Lich und auf Teneriffa lebt. Lange gab sie der Farbe als Ausdrucksmittel ihrer meditativ wirkenden Kunstwelten den Vorrang, setzte Lavastein oder Gewürze zu, verlieh so ihren Faltbildern und Acrylarbeiten eine sinnlich-körperliche Qualität. Seit einem Jahr, so sagt sie, hat sie für sich einen neuen Schwerpunkt gefunden. "Das Einlassen auf das Medium Erde und das Zusammenspiel mit dem Wasser ist ein tiefer Prozess", erklärt sie. Und bei der Vernissage ließ die Künstlerin das Publikum an der Genese eines neuen Werkes teilhaben.

"Unmittelbares Erleben"

Auf dem Boden hatte Gisela Denninghoff zwei quadratische, faltenreiche Malgründe präpariert, an den Ecken jeweils umstanden von Schalen, gefüllt mit Wasser, Farbe und Erde. Nach und nach umschritt sie die Quadrate, träufelte die Inhalte über das Relief und lud die Besucher ein, es ihr nachzutun. Das "unmittelbare Erleben" ist der Künstlerin ein Anliegen, und auch wenn ihre fast abstrakten Bilder mit Titeln wie "Gea und Kronos" auf die Mythologie verweisen, so sind sie doch in erster Linie Ausdrucksträger archetypischer Momente, die sie im kreativen Akt ins Hier und Jetzt übertragen.

Die Ausstellung, die von Ulrich Frei in Vertretung von Landrat Fritz Kramer eröffnet wurde, ist noch bis zum 11. Januar täglich außer montags von 13 bis 17 Uhr zu sehen.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 21. Oktober 2003.

Mehr:
Fotos zur Vernissage
Begleitprogramm zur Ausstellung
Homepage von Gisela Denninghoff
Homepage von Karina Wellmer-Schnell


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