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Sinn und Sinnlichkeit: In der Kunststation Kleinsassen wurde die Ausstellung "Erde - Haut - Papier" eröffnet
Das Material bestimmt die Botschaft
Von Klaus H. Orth
Hofbieber-Kleinsassen. Eine sichtbare und bisweilen sogar greifbare
Nähe zur Natur und ihren Materialien spricht aus den Arbeiten, die
derzeit in der Kunststation Kleinsassen zu sehen sind: Gisela Denninghoff,
Karina Wellmer-Schnell und Kathrin Brömse präsentieren unter dem
Titel "Erde - Haut - Papier" zeitgenössische Malerei und
Objektkunst mit jeweils sehr individueller Handschrift.
"Starke Naturverbundenheit"
Bei der Vernissage begrüßte Leiter Peter Ballmaier die
zahlreichen Gäste zur letzten Ausstellung vor dem bevorstehenden Umbau
der Kunststation. Seine Stellvertreterin, Dr. Marion Feld, ging in ihrer
Einführung auf die unterschiedlichen Lebens- und Schaffenswege ein und
sagte: "Es gibt zahlreiche Verschränkungen und
Übereinstimmungen im Werk der Künstlerinnen - eine davon ist die
starke Naturverbundenheit." Denn jede von ihnen verstehe das verwendete
Material als programmatisch; für jede sei es zugleich Arbeitsgrundlage
und Ausdrucksträger der künstlerischen Botschaft.
Ein Rundgang macht dies deutlich: Da sind die Bilder von Kathrin Brömse
(Jahrgang 1970), die in Marburg lebt und arbeitet. Sie hat sich dem Papier
verschrieben, das sie mit variierender Oberflächengestaltung als
Stimmungsträger ihrer erzählerischen Menschenbilder einsetzt.
"Ich plane nicht, was ich zeichnen will, ich schaue, was
passiert", sagt die studierte Archäologin. Und mitunter wirken die
Figuren ihrer Gouachen, als seien sie Schicht um Schicht freigelegt aus
einer geheimnisvollen Tiefe aus Papier und grauen oder braunen
Farbtönen. Mit Moorlauge, Rötel, Kohle und Arabicum - hin und
wieder auch mit Acryl - setzt sie Personen ins Bild, die meist individuelle
Züge vermissen lassen und bisweilen nur angedeutet sind durch eine
leichte Konturierung. Meist sagen Titel wie "Frierender Mann mit
schiefer Nase" oder "Großer Kopf" schon alles über
die Inhalte aus. "Ich treibe damit ein wenig Scherz", gibt Kathrin
Brömse zu, und ein Hauch von Ironie ist auch ihren Objekten aus Wachs
und den zweidimensionalen Bilder eigen.
Einen ausgeprägten Hang zum Figurativen lässt Karina
Wellmer-Schnell (Jahrgang 1950) erkennen, die in der Haut von Tieren, im
Rohleder (Pergament), ihren Werkstoff gefunden hat. "Ich komme vom
Marionettenbau her", sagt die Künstlerin, die in Ober-Ramstadt ein
Atelier betreibt und zuletzt das Moldau-Stipendium des Hessischen
Ministeriums für Wissenschaft und Kunst im Egon Schiele Art Centrum in
Tschechien inne hatte. Für ihre teils plastischen, teils flächigen
Bilder aus Rohleder hat sie eigene Techniken entwickelt, beispielsweise die
des Rostaufdrucks oder der eigenwilligen Einfärbung, die sich hier als
Symbol, dort als abstrakte Struktur offenbart. So wie im Tryptichon
"Der Weg und das Ziel", das Momente menschlichen Lebens vorstellt.
Auch die digitale Fotografie hat in den Arbeiten von Karina Wellmer-Schnell
ihren Platz. Reale Bilder setzt sie auf die Tierhäute um, die - je nach
Auflösung klar oder unscharf - ein spannungsreiches Miteinander mit dem
unveredelten Werkstoff Tierhaut vollziehen, der Risse, Furchen, Unebenheiten
erkennen lässt. "Es geht mir immer um Menschlichkeit und
Beziehung", sagt die Künstlerin hinsichtlich ihrer sinnlichen und
sinnreichen Sujets, die von der kleinen Bronze bis zum raumgreifenden Objekt
aus Rohleder und Eisen ihr Schaffen bestimmen. Die bevorzugte Grundform,
nach der sie viele ihrer Skulpturen und Körperfragmente herstellt, sind
übrigens Barbies. Und wer genau hinschaut, der sieht bei manchem Objekt
die Puppe auch noch durchs Pergament scheinen.
Gisela Denninghoff (Jahrgang 1939) ist der Erde verbunden. "Ich arbeite
überwiegend in freier Natur", sagt die gebürtige
Magdeburgerin, die in Lich und auf Teneriffa lebt. Lange gab sie der Farbe
als Ausdrucksmittel ihrer meditativ wirkenden Kunstwelten den Vorrang,
setzte Lavastein oder Gewürze zu, verlieh so ihren Faltbildern und
Acrylarbeiten eine sinnlich-körperliche Qualität. Seit einem Jahr,
so sagt sie, hat sie für sich einen neuen Schwerpunkt gefunden.
"Das Einlassen auf das Medium Erde und das Zusammenspiel mit dem Wasser
ist ein tiefer Prozess", erklärt sie. Und bei der Vernissage
ließ die Künstlerin das Publikum an der Genese eines neuen Werkes
teilhaben.
"Unmittelbares Erleben"
Auf dem Boden hatte Gisela Denninghoff zwei quadratische, faltenreiche
Malgründe präpariert, an den Ecken jeweils umstanden von Schalen,
gefüllt mit Wasser, Farbe und Erde. Nach und nach umschritt sie die
Quadrate, träufelte die Inhalte über das Relief und lud die
Besucher ein, es ihr nachzutun. Das "unmittelbare Erleben" ist der
Künstlerin ein Anliegen, und auch wenn ihre fast abstrakten Bilder mit
Titeln wie "Gea und Kronos" auf die Mythologie verweisen, so sind
sie doch in erster Linie Ausdrucksträger archetypischer Momente, die
sie im kreativen Akt ins Hier und Jetzt übertragen.
Die Ausstellung, die von Ulrich Frei in Vertretung von Landrat Fritz Kramer
eröffnet wurde, ist noch bis zum 11. Januar täglich außer
montags von 13 bis 17 Uhr zu sehen.
Aus: Fuldaer Zeitung vom 21. Oktober 2003.
Mehr:
Fotos zur Vernissage
Begleitprogramm zur Ausstellung
Homepage von Gisela Denninghoff
Homepage von Karina Wellmer-Schnell
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