Zurück   Startseite   Druckversion 2. Mai 2002

Kraft, Lebenslust, Melancholie

Von Klaus H. Orth

Hofbieber-Kleinsassen. Musik sagt oft mehr, als Worte es vermögen. Als Rainer Volkenborn in der Kunststation Kleinsassen begann, auf seinem Bandoneon zu spielen, da lauschten die zahlreichen Besucher still und ergriffen den elegischen und dabei so kraftvollen Klängen. Der Tango - Nationalmusik der Argentinier, Spiegel von Stolz und Schönheit, von Angst, Verlust und Verletzlichkeit, von Lebenslust und Melancholie - leitete bei der Vernissage ein in die Skulptur- und Bildwelten, die in den kommenden Wochen das Atelier und die drei Hallen bestimmen werden. "Zeitgenössische Kunst aus Argentinien" lautet der Titel der aktuellen Ausstellung.

19 Kreative aus der südamerikanischen Republik, darunter die Kuratorinnen Gabriela Aberastury und Alicia Díaz Rinaldi, zeigen in einer geschmackvoll arrangierten Schau die Vielgesichtigkeit argentinischer Kunst.

Peter Ballmaier, Leiter der Kunststation Kleinsassen, freute sich über die große Publikumsresonanz. Er begrüßte besonders Alberto O. Moschini, Generalkonsul der Republik Argentinien, die eigens aus Buenos Aires angereiste Kunstkritikerin Alicia de Arteaga, die Kuratorinnnen, die in der Woche zuvor in Kleinsassen einen Kurs in Druckgrafik gegeben hatten, und den Bildhauer Mariano Cornejo, der als Kurzstipendiat in der Kunststation gearbeitet hatte. Ballmaier verwies auch auf das Rahmenprogramm der Schau.

Michael Nungesser, Kunsthistoriker aus Berlin, betonte, dass argentinische Kunst in Europa noch keine große Bekanntheit genieße, obgleich in den vergangenen Jahren speziell in Deutschland ein zunehmendes Interesse auszumachen sei. Die Kunststation gehöre zu jenen Institutionen, die hierzulande kontinuierlich den Kontakt zu den Künstlern der lateinamerikanischen Republik gepflegt hätten und weiter pflegten.

"Die aktuelle Schau versteht sich nicht als repräsentativ", sagte Nungesser. Gleichwohl schenke sie Einblicke in das facettenreiche Kunstschaffen in Argentinien, führe Positionen vor, demonstriere ein breites Spektrum an Grafik, Malerei und Bildhauerei. Laut Nungesser kennen sich die meisten der 19 Künstlerinnen und Künstler untereinander, viele sind in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren, tendieren zur figürlichen Darstellung. Einige unterhielten seit Jahren Kontakte nach Europa, so der Kunsthistoriker, der die Kreativen und ihr Werk vorstellte.

"In dieser Bündelung geballter Kraft stellt sich die Kunst Argentiniens in der Kunststation Kleinsassen erstmals vor", sagte Landrat Fritz Kramer. Er betonte, dass die Globalisierung im Hinblick auf die Kunst Vielfalt bedeute, weil sie nationale Grenzen nicht mehr kenne. "Ich möchte, dass Argentinien in den Köpfen der Menschen mehr ist als Maradona und Sabatini", sagte Kramer und eröffnete die Ausstellung, die unser Bild auf Argentinien bereichern soll.

Für den Bereich Grafik stehen Namen wie Alfredo Benavidez Bedoya, Leonardo Gotleyb, Lucrecia Orloff und Alicia Díaz Rinaldi. Jorge Alvaro, Alicia Carletti, Daniel Zelaya, Ana Eckell und Sergio Camporeale präsentieren Zeichnungen und Aquarelle. Hugo Alberto Sbernini, Delia Cugat, Luis Felipe Noé, Gabriela Aberastury und Juan Doffo zeigen Gemälde in verschiedenen Techniken. Während Mariano Cornejo, Inés Emilia Vega, Alberto Bastón Díaz, Gloria Priotti und Nora Correa mit Skulpturen vertreten sind.

Die Schau entführt den Betrachter in Bildwelten zwischen Realismus und Abstraktion, zwischen krassem Schwarz-Weiß-Kontrast und fröhlicher Farbigkeit, zwischen beflügelnder Poesie und harscher Gesellschaftskritik. Sie konfrontiert den Besucher mit plastischen Arbeiten aus Metall, Holz oder Stein, die hier in ihrer Schwere in sich ruhen, dort fantasievoll-frech mit ihrer Umwelt korrespondieren.

Die Exponate erzählen von Verletzungen, Freude und Sehnsucht, von Liebe und Enttäuschung, von Gefühlswelten jenseits der Gleichgültigkeit. Und darin scheinen die Kunstwerke Geschwister des Tangos zu sein, mit dem die Vernissage ebenso stimmungsvoll ausklang, wie sie begonnen hatte.

Die Ausstellung begleitet ein Katalog (5 Euro), zu dem Michael Nungesser den Text geschrieben hat. Bis Sonntag, 23. Juni, ist die Schau täglich außer montags von 14 bis 18 Uhr in der Kunststation Kleinsassen geöffnet.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 2. Mai 2002.


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