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Kraft, Lebenslust, Melancholie
Von Klaus H. Orth
Hofbieber-Kleinsassen.
Musik sagt oft mehr, als Worte es vermögen. Als Rainer Volkenborn
in der Kunststation Kleinsassen begann, auf seinem Bandoneon zu spielen,
da lauschten die zahlreichen Besucher still und ergriffen den elegischen
und dabei so kraftvollen Klängen. Der Tango - Nationalmusik der
Argentinier, Spiegel von Stolz und Schönheit, von Angst, Verlust
und Verletzlichkeit, von Lebenslust und Melancholie - leitete bei der
Vernissage ein in die Skulptur- und Bildwelten, die in den kommenden
Wochen das Atelier und die drei Hallen bestimmen werden.
"Zeitgenössische Kunst aus Argentinien" lautet der Titel
der aktuellen Ausstellung.
19 Kreative aus der südamerikanischen Republik, darunter die
Kuratorinnen Gabriela Aberastury und Alicia Díaz Rinaldi, zeigen in
einer geschmackvoll arrangierten Schau die Vielgesichtigkeit
argentinischer Kunst.
Peter Ballmaier, Leiter der Kunststation Kleinsassen, freute sich
über die große Publikumsresonanz. Er begrüßte
besonders Alberto O. Moschini, Generalkonsul der Republik Argentinien,
die eigens aus Buenos Aires angereiste Kunstkritikerin Alicia de
Arteaga, die Kuratorinnnen, die in der Woche zuvor in Kleinsassen einen
Kurs in Druckgrafik gegeben hatten, und den Bildhauer Mariano Cornejo,
der als Kurzstipendiat in der Kunststation gearbeitet hatte. Ballmaier
verwies auch auf das Rahmenprogramm der Schau.
Michael Nungesser, Kunsthistoriker aus Berlin, betonte, dass
argentinische Kunst in Europa noch keine große Bekanntheit
genieße, obgleich in den vergangenen Jahren speziell in
Deutschland ein zunehmendes Interesse auszumachen sei. Die Kunststation
gehöre zu jenen Institutionen, die hierzulande kontinuierlich den
Kontakt zu den Künstlern der lateinamerikanischen Republik gepflegt
hätten und weiter pflegten.
"Die aktuelle Schau versteht sich nicht als
repräsentativ", sagte Nungesser. Gleichwohl schenke sie
Einblicke in das facettenreiche Kunstschaffen in Argentinien, führe
Positionen vor, demonstriere ein breites Spektrum an Grafik, Malerei und
Bildhauerei. Laut Nungesser kennen sich die meisten der 19
Künstlerinnen und Künstler untereinander, viele sind in den
40er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren, tendieren zur
figürlichen Darstellung. Einige unterhielten seit Jahren Kontakte
nach Europa, so der Kunsthistoriker, der die Kreativen und ihr Werk
vorstellte.
"In dieser Bündelung geballter Kraft stellt sich die Kunst
Argentiniens in der Kunststation Kleinsassen erstmals vor", sagte
Landrat Fritz Kramer. Er betonte, dass die Globalisierung im Hinblick
auf die Kunst Vielfalt bedeute, weil sie nationale Grenzen nicht mehr
kenne. "Ich möchte, dass Argentinien in den Köpfen der
Menschen mehr ist als Maradona und Sabatini", sagte Kramer und
eröffnete die Ausstellung, die unser Bild auf Argentinien
bereichern soll.
Für den Bereich Grafik stehen Namen wie Alfredo Benavidez Bedoya,
Leonardo Gotleyb, Lucrecia Orloff und Alicia Díaz Rinaldi. Jorge
Alvaro, Alicia Carletti, Daniel Zelaya, Ana Eckell und Sergio Camporeale
präsentieren Zeichnungen und Aquarelle. Hugo Alberto Sbernini,
Delia Cugat, Luis Felipe Noé, Gabriela Aberastury und Juan Doffo
zeigen Gemälde in verschiedenen Techniken. Während Mariano
Cornejo, Inés Emilia Vega, Alberto Bastón Díaz, Gloria
Priotti und Nora Correa mit Skulpturen vertreten sind.
Die Schau entführt den Betrachter in Bildwelten zwischen Realismus
und Abstraktion, zwischen krassem Schwarz-Weiß-Kontrast und
fröhlicher Farbigkeit, zwischen beflügelnder Poesie und
harscher Gesellschaftskritik. Sie konfrontiert den Besucher mit
plastischen Arbeiten aus Metall, Holz oder Stein, die hier in ihrer
Schwere in sich ruhen, dort fantasievoll-frech mit ihrer Umwelt
korrespondieren.
Die Exponate erzählen von Verletzungen, Freude und Sehnsucht, von
Liebe und Enttäuschung, von Gefühlswelten jenseits der
Gleichgültigkeit. Und darin scheinen die Kunstwerke Geschwister des
Tangos zu sein, mit dem die Vernissage ebenso stimmungsvoll ausklang,
wie sie begonnen hatte.
Die Ausstellung begleitet ein Katalog (5 Euro), zu dem Michael Nungesser
den Text geschrieben hat. Bis Sonntag, 23. Juni, ist die Schau
täglich außer montags von 14 bis 18 Uhr in der Kunststation
Kleinsassen geöffnet.
Aus: Fuldaer Zeitung vom 2. Mai 2002.
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