Zurück   Startseite   Druckversion 6. August 2001

Facettenreiches in Wasserfarbe

von Klaus H. Orth

Hofbieber-Kleinsassen. Aquarellmalerei heißt nicht nur, wässrige Farbe mit schnellem Pinsel auf Papier zu bringen. Diese Kunst zu beherrschen, bedeutet vielmehr, sich von der Inspiration leiten zu lassen, die Fähigkeit zu entwickeln, binnen weniger Sekunden den Bildgegenstand auf den Malgrund zu bannen und sofort die richtigen Akzente zu setzten, denn alle Fehler - von der Zeichnung bis zum Farbauftrag - sind irreversibel. Ein Aquarell verzeiht nichts.

Dieser sensiblen Darstellungsform bietet die Kunststation Kleinsassen zum zweiten Mal ein Forum. Bis zum 19. August zeigt das Rhöner Ausstellungshaus die Schau zur zweiten internationalen Biennale Neues Aquarell, zu der über 300 Künstlerinnen und Künstler aus der gesamten Welt ihre Arbeiten eingereicht hatten. 170 Kreative aus 35 Ländern wurden ausgewählt. Diese Künstlerinnen und Künstler präsentieren nun in den Hallen ihre Bilder.

Der baltischen Kunst gilt der diesjährige Länderschwerpunkt. Und so finden sich künstlerische Vertreter aus Lettland, Estland und Litauen in großer Zahl. Zu ihnen gehört auch Malle Leis. Die Absolventin der Estnischen Kunstakademie, die viele internationale Ausstellungen vorweisen kann, spielt mit Motiven aus der Natur. So rückt sie auf ihrer Arbeit "Rare Four" aus dem Jahre 2000 das vierblättrige Kleeblatt gleich zweimal eindrucksvoll ins Bild: Auf der linken Seite ist es vor einem weißen Hintergrund zu sehen, rechts ist dem jungen Grün ein dunkler Farbfleck beigegeben, der bedrohlich wirkt. Das Glück, für das das vierblättrige Kleeblatt traditionell steht, es ist ein zartes Pflänzchen. Und vielleicht mahnt die Malerin hier, es nicht achtlos zu zertreten.

Was die Vielzahl der Aquarelle auszeichnet, ist, dass sie die originäre Haltung des jeweiligen Künstlers erkennen lassen, seinen individuellen Pinselduktus oder den Hang zu ganz bestimmten Inhalten. Auch wenn unter den Exponaten die eine oder andere Arbeit in Mischtechnik anzutreffen ist, so dominiert der Aquarell-Anteil doch meist deutlich. Ein Beispiel hierfür ist "Duchamps Waschbecken", Monika Geimers Hommage an Marcel Duchamp. Die Künstlerin, die in Frankfurt lebt und arbeitet, hat ein Keramikspülbecken mit Farbe überzogen. Nina Kamberova nimmt mit ihrer Objekt-Kunst den Besucher mit auf einen "Coloured Trip". Die Bulgarin hat zahlreiche kleine Aqurelle gemeinsam mit Malutensilien in einen alten Koffer gepackt - das wirkt nostalgisch.

Die unterschiedlichsten Tendenzen sind in dieser Schau des zeitgenössischen Aquarells vertreten. Für die klassisch anmutende Landschaftsansicht stehen paradigmatisch die Exponate von Siegfried Räth (Deutschland) und Rein Mägar (Estland). Das Stillleben findet in der Russin Elena Bazanova eine Meisterin.

Und auch die figurative Darstellung kommt zu ihrem Recht, wie die Blätter des deutschen Malers Matthias Jaeger und die Bilder beweisen, die der Russe Eugeniy Izmailov, der Lette Andrejs Germanis und der Inders Keshab Chan ausstellen.

Abstrakte Arbeiten wie beispielsweise jene von Hellmut Wolff (Deutschland), Jay Scott Bleakney (USA) oder Rainer Nepita (Deutschland), welche die Autonomie der Farbe unterstreichen oder auf eine meditative Wirkung erzielen, runden die facettentreiche Schau ab.

Ob von der zweiten internationalen Biennale Neues Aquarell Impulse für die aktuelle Kunstlandschaft ausgehen, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass sie das Ansehen des Aquarells nachhaltig heben und die internationale Bekanntheit der Kunststation Kleinsassen noch fördern wird.

Bis zum 19. August ist die Exposition täglich - außer montags - von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Aus: Fuldaer Zeitung vom 4. August 2001.


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