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Facettenreiches in Wasserfarbe
von Klaus H. Orth
Hofbieber-Kleinsassen.
Aquarellmalerei heißt nicht nur, wässrige Farbe mit schnellem
Pinsel auf Papier zu bringen. Diese Kunst zu beherrschen, bedeutet
vielmehr, sich von der Inspiration leiten zu lassen, die Fähigkeit
zu entwickeln, binnen weniger Sekunden den Bildgegenstand auf den
Malgrund zu bannen und sofort die richtigen Akzente zu setzten, denn
alle Fehler - von der Zeichnung bis zum Farbauftrag - sind irreversibel.
Ein Aquarell verzeiht nichts.
Dieser sensiblen Darstellungsform bietet die Kunststation Kleinsassen
zum zweiten Mal ein Forum. Bis zum 19. August zeigt das Rhöner
Ausstellungshaus die Schau zur zweiten internationalen Biennale Neues
Aquarell, zu der über 300 Künstlerinnen und Künstler aus
der gesamten Welt ihre Arbeiten eingereicht hatten. 170 Kreative aus 35
Ländern wurden ausgewählt. Diese Künstlerinnen und
Künstler präsentieren nun in den Hallen ihre Bilder.
Der baltischen Kunst gilt der diesjährige Länderschwerpunkt.
Und so finden sich künstlerische Vertreter aus Lettland, Estland
und Litauen in großer Zahl. Zu ihnen gehört auch Malle Leis.
Die Absolventin der Estnischen Kunstakademie, die viele internationale
Ausstellungen vorweisen kann, spielt mit Motiven aus der Natur. So
rückt sie auf ihrer Arbeit "Rare Four" aus dem Jahre 2000
das vierblättrige Kleeblatt gleich zweimal eindrucksvoll ins Bild:
Auf der linken Seite ist es vor einem weißen Hintergrund zu sehen,
rechts ist dem jungen Grün ein dunkler Farbfleck beigegeben, der
bedrohlich wirkt. Das Glück, für das das vierblättrige
Kleeblatt traditionell steht, es ist ein zartes Pflänzchen. Und
vielleicht mahnt die Malerin hier, es nicht achtlos zu zertreten.
Was die Vielzahl der Aquarelle auszeichnet, ist, dass sie die
originäre Haltung des jeweiligen Künstlers erkennen lassen,
seinen individuellen Pinselduktus oder den Hang zu ganz bestimmten
Inhalten. Auch wenn unter den Exponaten die eine oder andere Arbeit in
Mischtechnik anzutreffen ist, so dominiert der Aquarell-Anteil doch
meist deutlich. Ein Beispiel hierfür ist "Duchamps
Waschbecken", Monika Geimers Hommage an Marcel Duchamp. Die
Künstlerin, die in Frankfurt lebt und arbeitet, hat ein
Keramikspülbecken mit Farbe überzogen. Nina Kamberova nimmt
mit ihrer Objekt-Kunst den Besucher mit auf einen "Coloured
Trip". Die Bulgarin hat zahlreiche kleine Aqurelle gemeinsam mit
Malutensilien in einen alten Koffer gepackt - das wirkt nostalgisch.
Die unterschiedlichsten Tendenzen sind in dieser Schau des
zeitgenössischen Aquarells vertreten. Für die klassisch
anmutende Landschaftsansicht stehen paradigmatisch die Exponate von
Siegfried Räth (Deutschland) und Rein Mägar (Estland). Das
Stillleben findet in der Russin Elena Bazanova eine Meisterin.
Und auch die figurative Darstellung kommt zu ihrem Recht, wie die
Blätter des deutschen Malers Matthias Jaeger und die Bilder
beweisen, die der Russe Eugeniy Izmailov, der Lette Andrejs Germanis und
der Inders Keshab Chan ausstellen.
Abstrakte Arbeiten wie beispielsweise jene von Hellmut Wolff
(Deutschland), Jay Scott Bleakney (USA) oder Rainer Nepita
(Deutschland), welche die Autonomie der Farbe unterstreichen oder auf
eine meditative Wirkung erzielen, runden die facettentreiche Schau ab.
Ob von der zweiten internationalen Biennale Neues Aquarell Impulse
für die aktuelle Kunstlandschaft ausgehen, bleibt abzuwarten.
Sicher ist, dass sie das Ansehen des Aquarells nachhaltig heben und die
internationale Bekanntheit der Kunststation Kleinsassen noch
fördern wird.
Bis zum 19. August ist die Exposition täglich - außer montags
- von 14 bis 18 Uhr geöffnet.
Aus: Fuldaer Zeitung vom 4. August 2001.
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