Zurück   Startseite   Druckversion 24. Oktober 2000

"Zeit-Häuser" als Erfahrungsräume

Hofbieber-Kleinsassen. Das Verhältnis von Zeit und Raum und die Sichtbarmachung des Wandels bestimmen das Werk von Otto Nemitz.

Vor genau zehn Jahren präsentierte der 1935 in Berlin geborene Künstler in Kleinsassen seine noch stark an die Fläche angelehnten Bild-Raum-Faltungen. Nun stellt der in Köln lebende Konstruktivist erneut in der Kunststation aus, und die Exponate seiner aktuellen Schau "Zeit-Häuser - Echo-Bilder - Schatten-Räume" dokumentieren seine wachsende Orientierung am Dreidimensionalen.

Peter Ballmaier hieß Nemitz herzlich willkommen und erinnerte an die Präsentation vor zehn Jahren, die ebenfalls in Halle drei zu sehen war.

Die Fuldaer Kunsthistorikerin Dr. Marion Feld gab eine kurze Einführung in das Werk des Konstruktivisten und begann ihre Betrachtung mit der ältesten zu sehenden Arbeit, die an der Giebelwand von Halle drei plaziert ist: "Sequenz" gehöre noch in die Reihe der Bild-Raum-Faltungen, zeige aber bereits die Tendenz des Bildes, sich von der Wand zu lösen. Bereits in diesem Werk setzt Nemitz weiße Flächen mit unterschiedlichen Helligkeitswerten nebeneinander, schafft so eine Oberfläche, die an manchen Stellen Transparenz suggeriert.

Die Entwicklung hin zu einer immer offeneren und in den Raum hinein konstruierten Form setzt sich in späteren Arbeiten fort, wobei von den "Echo-Bildern" über die "Schatten-Räume" bis hin zu den "Zeit-Häusern" die Farbe als konstituierendes Element immer mehr an Einfluß zu gewinnen scheint. Weiß, Schwarz und Grau in ihren diversen Nuancen dominieren, aber auch Primärfarben und das Braun der Holzplatten, die Nemitz als Grundmaterial dienen, sind effektreich gesetzt, um den Betrachterblick zu bannen und den Rezipienten zum kritischen Schauen anzuregen. "Durch Farbkontraste wird ein Übergang von Transparenz und Kompaktheit geschaffen", erläuterte Dr. Feld.

Nemitz setzt auf Tiefe, konstruiert durch das Übereinanderlegen von zwei Flächen unter Beibehaltung eines kleinen Zwischenraums "Echo-Bilder", deren innere Fläche Struktur und Farbwahl der äußeren wiederholt oder kontrastierend variiert. Ähnliches gilt für die "Schatten-Räume" - Bilder, die durch einen kastenartigen Vorbau charakterisiert sind, in dessen Innerem die dominierenden Schwarz-Werte durch die geschlossene Form noch potenziert werden.

"Ein Rhythmus von Linie und Formen bestimmt die Exponate", sagte Dr. Feld. Als Motiv der Lebendigkeit durchziehe er das Werk, das existentielle Fragen aufwerfe. Der Faktor Zeit spiele bei der Konzeption eine wesentliche Rolle, was besonders an den "Zeit-Häusern" deutlich werde. Die auf Podesten präsentierten Quader, die aus farbigen geometrischen Formen konstruiert sind und mehr und mehr zur Auflösung neigen, sind nicht mit einem Blick zu erfassen, sie müssen vom Betrachter umgangen und von verschiendenen Seiten eingesehen werden, denn - so die Vorstellung von Nemitz: Das Innen antwortet dem Außen. "Die Betrachtung wird zum Erlebnis unter der Voraussetzung der Zeit", erklärte Dr. Feld die Rezeption der Ausstellungsstücke. Durch ihre subtile, eindringliche Schönheit - bestimmt durch Maß, Zahl und Proportion - sensibilisierten sie die Wahrnehmung des Betrachters.

Erster Kreisbeigeordneter Gerhard Möller überbrachte in Vertretung von Landrat Fritz Kramer die Grüße des Kreisausschusses und eröffnete die Schau, die bis zum 7. Januar zu einem Besuch einlädt. Im Anschluß an die Vernissage informierten sich Teilnehmer des euopäischen Internet-Trainings-Programms "Connect", die im Landkreis Fulda Station machten, in der Kunststation über die Arbeit der Kulturinstitution.

Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 24. Oktober 2000)


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