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"Zeit-Häuser" als Erfahrungsräume
Hofbieber-Kleinsassen.
Das Verhältnis von Zeit und Raum und die Sichtbarmachung des Wandels
bestimmen das Werk von Otto Nemitz. Vor genau zehn Jahren
präsentierte der 1935 in Berlin geborene Künstler in Kleinsassen
seine noch stark an die Fläche angelehnten Bild-Raum-Faltungen. Nun
stellt der in Köln lebende Konstruktivist erneut in der Kunststation
aus, und die Exponate seiner aktuellen Schau "Zeit-Häuser -
Echo-Bilder - Schatten-Räume" dokumentieren seine wachsende
Orientierung am Dreidimensionalen.
Peter Ballmaier hieß Nemitz herzlich willkommen und erinnerte an die
Präsentation vor zehn Jahren, die ebenfalls in Halle drei zu sehen war.
Die Fuldaer Kunsthistorikerin Dr. Marion Feld gab eine kurze
Einführung in das Werk des Konstruktivisten und begann ihre
Betrachtung mit der ältesten zu sehenden Arbeit, die an der
Giebelwand von Halle drei plaziert ist: "Sequenz" gehöre
noch in die Reihe der Bild-Raum-Faltungen, zeige aber bereits die Tendenz
des Bildes, sich von der Wand zu lösen. Bereits in diesem Werk setzt
Nemitz weiße Flächen mit unterschiedlichen Helligkeitswerten
nebeneinander, schafft so eine Oberfläche, die an manchen Stellen
Transparenz suggeriert.
Die Entwicklung hin zu einer immer offeneren und in den Raum hinein
konstruierten Form setzt sich in späteren Arbeiten fort, wobei von
den "Echo-Bildern" über die "Schatten-Räume"
bis hin zu den "Zeit-Häusern" die Farbe als
konstituierendes Element immer mehr an Einfluß zu gewinnen scheint.
Weiß, Schwarz und Grau in ihren diversen Nuancen dominieren, aber
auch Primärfarben und das Braun der Holzplatten, die Nemitz als
Grundmaterial dienen, sind effektreich gesetzt, um den Betrachterblick zu
bannen und den Rezipienten zum kritischen Schauen anzuregen. "Durch
Farbkontraste wird ein Übergang von Transparenz und Kompaktheit
geschaffen", erläuterte Dr. Feld.
Nemitz setzt auf Tiefe, konstruiert durch das Übereinanderlegen von
zwei Flächen unter Beibehaltung eines kleinen Zwischenraums
"Echo-Bilder", deren innere Fläche Struktur und Farbwahl
der äußeren wiederholt oder kontrastierend variiert.
Ähnliches gilt für die "Schatten-Räume" -
Bilder, die durch einen kastenartigen Vorbau charakterisiert sind, in
dessen Innerem die dominierenden Schwarz-Werte durch die geschlossene Form
noch potenziert werden.
"Ein Rhythmus von Linie und Formen bestimmt die Exponate", sagte
Dr. Feld. Als Motiv der Lebendigkeit durchziehe er das Werk, das
existentielle Fragen aufwerfe. Der Faktor Zeit spiele bei der Konzeption
eine wesentliche Rolle, was besonders an den "Zeit-Häusern"
deutlich werde. Die auf Podesten präsentierten Quader, die aus
farbigen geometrischen Formen konstruiert sind und mehr und mehr zur
Auflösung neigen, sind nicht mit einem Blick zu erfassen, sie
müssen vom Betrachter umgangen und von verschiendenen Seiten
eingesehen werden, denn - so die Vorstellung von Nemitz: Das Innen
antwortet dem Außen. "Die Betrachtung wird zum Erlebnis unter
der Voraussetzung der Zeit", erklärte Dr. Feld die Rezeption der
Ausstellungsstücke. Durch ihre subtile, eindringliche Schönheit
- bestimmt durch Maß, Zahl und Proportion - sensibilisierten
sie die Wahrnehmung des Betrachters.
Erster Kreisbeigeordneter Gerhard Möller überbrachte in
Vertretung von Landrat Fritz Kramer die Grüße des
Kreisausschusses und eröffnete die Schau, die bis zum 7. Januar zu
einem Besuch einlädt. Im Anschluß an die Vernissage
informierten sich Teilnehmer des euopäischen
Internet-Trainings-Programms "Connect", die im Landkreis Fulda
Station machten, in der Kunststation über die Arbeit der Kulturinstitution.
Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 24. Oktober 2000)
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