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Faszinierende Bildwelten voll Poesie
Hofbieber-Kleinsassen.
Gregorio Prieto sagte über seinen Malerfreund Federico García
Lorca (1898-1936): "In seinen Gedichten zeigt er den Maler, in
seinen Zeichnungen ist er weniger Maler als Dichter". Vielleicht
lässt sich gerade mit der Doppelbegabung des malenden Dichters und
dichtenden Malers die Faszination begründen, die von Lorca ausgeht.
Möglicherweise liegt gerade im Künstlerbild des Spaniers der
Schlüssel zum Verstehen einer poesiereichen Bilder- und
Skulpturenschau in der Kunststation Kleinsassen. 22 Künstler
präsentieren dort eine Ausstellung, die dem Literaten gewidmet ist:
"Quimera - Hommage à Federico García Lorca".
Leise Annäherung
Ein Rundgang durch die Exposition, die 100 Bilder und Skulpturen
vereint, wird zur leisen Annäherung an den sensiblen Dichter. Die
Vielgesichtigkeit der Auseinandersetzung mit Lorca überrascht. Das
gilt für die Fülle an Ausdrucksformen ebenso wie für die
Wahl der Sujets, die sich hier der Person, dort dem Werk zuwenden.
"Alle Dinge haben ihr Geheimnis, und die Poesie ist das Geheimnis,
das alle Dinge haben", heißt es bei Lorca.
Seine phantasiereiche Lyrik findet in den Arbeiten von Charlotte E.
Pauly ihr grafisches Pendant. Die Kaltnadelradierungen der 1981
verstorbenen Künstlerin bebildern Lorcas "Romanceros
gitanos" (Zigeunerromanzen). Blätter wie "Zigeuner mit
Kind", "Junge Zigeunerin" oder "Schlafender
Fischer" führen Paulys spielerischen Einsatz mit Strichen und
Linien vor, der hier Ruhe suggeriert und dort Bewegung ins Bild bringt.
Zahlreiche andere Künstler haben ihre Inspiration ebenfalls aus den
Versen der "Zigeunerromanzen", "dem Gedicht
Andalusiens", gezogen: Michael Augustinski stellt in seinen
düsteren, teils bedrohlich wirkenden Kreide-Acryl-Bildern die
Thematik des Andersseins und des Außenseitertums heraus. Starke
Farbkontraste und scharfe, expressive Linien erzeugen beim Betrachter
ein Gefühl der Bedrohung.
Im Gegensatz dazu erscheinen die farbigen Holzschnitte von Antje
Fretwurst-Colberg regelrecht heiter. Sie nehmen drei Romanzen in den
Blick: Die Blätter "Preciosa und der Wind", die
"Romanze von der spanischen Guardia Civil" und die
"Somnambule Romanze" sind als Illustration gewordenes
Konzentrat der Poesie Lorcas zu lesen. In einem harmonischen
Zusammenspiel von pastelligen Farbflächen, schwarzen
Gestaltumrissen und der bewussten Einbeziehung der Holzmaserung schafft
Fretwurst-Colberg nächtliche Szenen voll Lebendigkeit und
Nähe.
Expressive Farbigkeit zeichnet Christine Schlegels sechsteiliges Werk zu
den "Zigeunerromanzen" aus. Sie greift in den quadratischen
Ölbildern auf Metaphern Lorcas zurück, auf Sprachbilder und
Symbole wie die Blüten des Schlafmohns oder die Granatäpfel.
Lorca war ein Dichter, der sich glühend für seine Umgebung und
seine Mitmenschen interessierte. Einige Ausstellende wenden sich
intensiv dem Themenkreis Mensch und Menschenbild zu, berühren dabei
mal mehr, mal weniger das Werk Lorcas. Letzteres gilt für Anthony
Piper, der in seinen Federzeichnungen einen ausgeprägten Hang zur
Reduktion erkennen lässt. Seine Linienführung setzt fast
gänzlich auf Umrisse. Nur selten bemüht er die
Binnenzeichnung, um dem Dargestellten Tiefe zu geben.
Maureen E. Jeram macht in ihrem Fresko "Living sky" die Liebe
in Form eines Jünglingskopfes sichtbar. Unter dem erdrot umrahmten
Antlitz des Jungen steht in großen Lettern "LOVE".
Daneben inszeniert die Amerikanerin in ihren Arbeiten alte
Gliederpuppen, als durchzöge sie menschlicher Odem. So wie Jeram
hat sich auch Héctor Wamboldt von dem Gedichtzyklus "Dichter
in New York" anregen lassen. Vollbusige Hausfrauen und androgyne
Jünglinge in opulenten Damenroben sind die Protagonisten der
skurrilen Bilder.
Ernst und Kälte hingegen spricht aus den Plastiken von Robert
Metzkes. Seine Arbeit zu "Bernarda Albas Haus" ist eine der
bemerksenswertesten der Schau. In Terrakottatechnik hat er zwei
weibliche Halbfiguren geschaffen, die er auf zwei diagonal versetzten
Sockeln im Raum arrangiert: Die in zarte Farbtöne gefassten Frauen
scheinen voneinander zu wissen, doch schauen sie sich nicht an. Ihre
Blicke gehen ins Leere.
Noch bis 18. Juni
Natürlich darf auch das Porträt in dieser Hommage nicht
fehlen: Uwe Alex hat den Kopf Lorcas zur Gips-Büste geformt, und
Klaus Dennhardt hält den Dichter großformatig in einer
Mischtechnik aus Kohle und farbiger Kreide fest.
Die Reihe ließe sich spielend fortsetzten, so groß ist die
Zahl der Zeichnungen, Objekte, Plastiken und Bronzen, der Siebdrucke,
Aquarelle und Ölbilder. Sie alle markieren den stillen Weg, den die
Künstlerinnen und Künstler der Schau in Richtung Lorca
eingeschlagen haben.
Ein Pfad, dem zu folgen sich auf jeden Fall lohnt. Die Kleinsassener
Ausstellung bietet noch bis zum kommenden 18. Juni dienstags bis
sonntags von 14 bis 18 Uhr die beste Gelegenheit dazu.
Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 19. Mai 2000)
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