Zurück   Startseite   Druckversion 19. Mai 2000

Faszinierende Bildwelten voll Poesie

Hofbieber-Kleinsassen. Gregorio Prieto sagte über seinen Malerfreund Federico García Lorca (1898-1936): "In seinen Gedichten zeigt er den Maler, in seinen Zeichnungen ist er weniger Maler als Dichter". Vielleicht lässt sich gerade mit der Doppelbegabung des malenden Dichters und dichtenden Malers die Faszination begründen, die von Lorca ausgeht. Möglicherweise liegt gerade im Künstlerbild des Spaniers der Schlüssel zum Verstehen einer poesiereichen Bilder- und Skulpturenschau in der Kunststation Kleinsassen. 22 Künstler präsentieren dort eine Ausstellung, die dem Literaten gewidmet ist: "Quimera - Hommage à Federico García Lorca".

Leise Annäherung

Ein Rundgang durch die Exposition, die 100 Bilder und Skulpturen vereint, wird zur leisen Annäherung an den sensiblen Dichter. Die Vielgesichtigkeit der Auseinandersetzung mit Lorca überrascht. Das gilt für die Fülle an Ausdrucksformen ebenso wie für die Wahl der Sujets, die sich hier der Person, dort dem Werk zuwenden. "Alle Dinge haben ihr Geheimnis, und die Poesie ist das Geheimnis, das alle Dinge haben", heißt es bei Lorca.

Seine phantasiereiche Lyrik findet in den Arbeiten von Charlotte E. Pauly ihr grafisches Pendant. Die Kaltnadelradierungen der 1981 verstorbenen Künstlerin bebildern Lorcas "Romanceros gitanos" (Zigeunerromanzen). Blätter wie "Zigeuner mit Kind", "Junge Zigeunerin" oder "Schlafender Fischer" führen Paulys spielerischen Einsatz mit Strichen und Linien vor, der hier Ruhe suggeriert und dort Bewegung ins Bild bringt.

Zahlreiche andere Künstler haben ihre Inspiration ebenfalls aus den Versen der "Zigeunerromanzen", "dem Gedicht Andalusiens", gezogen: Michael Augustinski stellt in seinen düsteren, teils bedrohlich wirkenden Kreide-Acryl-Bildern die Thematik des Andersseins und des Außenseitertums heraus. Starke Farbkontraste und scharfe, expressive Linien erzeugen beim Betrachter ein Gefühl der Bedrohung.

Im Gegensatz dazu erscheinen die farbigen Holzschnitte von Antje Fretwurst-Colberg regelrecht heiter. Sie nehmen drei Romanzen in den Blick: Die Blätter "Preciosa und der Wind", die "Romanze von der spanischen Guardia Civil" und die "Somnambule Romanze" sind als Illustration gewordenes Konzentrat der Poesie Lorcas zu lesen. In einem harmonischen Zusammenspiel von pastelligen Farbflächen, schwarzen Gestaltumrissen und der bewussten Einbeziehung der Holzmaserung schafft Fretwurst-Colberg nächtliche Szenen voll Lebendigkeit und Nähe.

Expressive Farbigkeit zeichnet Christine Schlegels sechsteiliges Werk zu den "Zigeunerromanzen" aus. Sie greift in den quadratischen Ölbildern auf Metaphern Lorcas zurück, auf Sprachbilder und Symbole wie die Blüten des Schlafmohns oder die Granatäpfel.

Lorca war ein Dichter, der sich glühend für seine Umgebung und seine Mitmenschen interessierte. Einige Ausstellende wenden sich intensiv dem Themenkreis Mensch und Menschenbild zu, berühren dabei mal mehr, mal weniger das Werk Lorcas. Letzteres gilt für Anthony Piper, der in seinen Federzeichnungen einen ausgeprägten Hang zur Reduktion erkennen lässt. Seine Linienführung setzt fast gänzlich auf Umrisse. Nur selten bemüht er die Binnenzeichnung, um dem Dargestellten Tiefe zu geben.

Maureen E. Jeram macht in ihrem Fresko "Living sky" die Liebe in Form eines Jünglingskopfes sichtbar. Unter dem erdrot umrahmten Antlitz des Jungen steht in großen Lettern "LOVE". Daneben inszeniert die Amerikanerin in ihren Arbeiten alte Gliederpuppen, als durchzöge sie menschlicher Odem. So wie Jeram hat sich auch Héctor Wamboldt von dem Gedichtzyklus "Dichter in New York" anregen lassen. Vollbusige Hausfrauen und androgyne Jünglinge in opulenten Damenroben sind die Protagonisten der skurrilen Bilder.

Ernst und Kälte hingegen spricht aus den Plastiken von Robert Metzkes. Seine Arbeit zu "Bernarda Albas Haus" ist eine der bemerksenswertesten der Schau. In Terrakottatechnik hat er zwei weibliche Halbfiguren geschaffen, die er auf zwei diagonal versetzten Sockeln im Raum arrangiert: Die in zarte Farbtöne gefassten Frauen scheinen voneinander zu wissen, doch schauen sie sich nicht an. Ihre Blicke gehen ins Leere.

Noch bis 18. Juni

Natürlich darf auch das Porträt in dieser Hommage nicht fehlen: Uwe Alex hat den Kopf Lorcas zur Gips-Büste geformt, und Klaus Dennhardt hält den Dichter großformatig in einer Mischtechnik aus Kohle und farbiger Kreide fest.

Die Reihe ließe sich spielend fortsetzten, so groß ist die Zahl der Zeichnungen, Objekte, Plastiken und Bronzen, der Siebdrucke, Aquarelle und Ölbilder. Sie alle markieren den stillen Weg, den die Künstlerinnen und Künstler der Schau in Richtung Lorca eingeschlagen haben.

Ein Pfad, dem zu folgen sich auf jeden Fall lohnt. Die Kleinsassener Ausstellung bietet noch bis zum kommenden 18. Juni dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr die beste Gelegenheit dazu.

Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 19. Mai 2000)


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