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"Die Hälfte des Himmels": Ein Rundgang durch die Schau in der Kunststation Kleinsassen / 20 chinesische Künstlerinnen zeigen ihre Werke
Im Zeichen der Emanzipation
Hofbieber-Kleinsassen.
Beim Gedanken an chinesische Kunst kommen dem Durchschnittseuropäer
meist bemalte Vasen aus kostbarem Porzellan oder meisterhafte Holzschnitte
in den Sinn, die Natur und Schriftzeichen zum Motiv haben.
Zeitgenössische chinesische Kunst aber sieht ganz anders aus. Wie,
davon können sich die Besucher der Kunststation Kleinsassen noch bis
zum 9. April täglich - außer montags - überzeugen. Unter
dem Titel "Die Hälfte des Himmels" präsentieren dort
20 Künstlerinnen eine Auswahl weiblicher chinesischer
Gegenwartskunst.
Was auffällt, das ist die große Zahl von Installationen, die
alle Sinne ansprechen und das Atelier und die drei Hallen zu begehbaren
Erfahrungsräumen machen. Bereits beim Eintritt in Halle 1 blickt der
Besucher auf eine Arbeit von Lin Tianmiao aus Peking: Sie hat auf dem
Boden eine 20 Meter lange Papierhose ausgebreitet und sie mit
unzähligen Nadeln gespickt, wobei sich gerade im unteren
Beckenbereich die Einstiche mehren. Eine erotische Anspielung oder gar der
Hinweis auf eine erfahrene Stigmatisierung? Möglicherweise.
Augenscheinlicher macht es da Chen Yanyin aus Shanghai mit ihrer
Installation "Originalpunkt", die das gesamte Atelier
beansprucht. Der Raum ist dabei in ein rotes Dämmerlicht getaucht,
kleine metallene Kegel überziehen in regelmäßiger Abfolge
die weißen Wände und ein weißes Quadrat in der Raummitte,
dessen Oberseite einen Bildschirm freigibt. Auf diesen ergeht sich ein
nicht eindeutig zu definierender Muskel in ekstatischen Bewegungen.
"Seinen Speichel verlieren" nennt Shen Yuan aus Xianyou ihre
Arbeit. An der Wand hat sie an neun langen Messern jeweils ein langes, mit
Tee gefärbtes Eisstück befestigt. die Raumtemperatur bringt die
gefrorenen Brocken zum Schmelzen. Und Tropfen um Tropfen fällt so in
die neun Spucknäpfe, die unter den Messern aufgestellt sind. Shi Hui
aus Hangzhou bevorzugt Holz als Material. Sie stellt 14 quadratische
große Holzrahmen, zehn weiße und vier schwarze, in drei Reihen
übereinander. Im Inneren der Rahmen breitet sich ein immer anderes
Geflecht aus, das an Netze oder Waben erinnert - ein archaisch anmutendes
Werk.
Witzig wirken hingegen die "Pflanzen" von Yin Xiuzhen. Die
Künstlerin aus Peking hat in acht schweren Blumentöpfen und an
Seilen, die von der Decke im Durchgangsraum zwischen Halle 2 und 3
hängen, jeweils zwei Kleiderbügel befestigt. Dazwischen spannt
sich eine braune Strumpfhose, deren Bund einen roten Luftballon fasst. Die
Assoziation der Blume als Liebesbotin wird hier spielerisch geweckt.
Ebenfalls humorig ist Qiu Pings Objekt "Einschenken". Die
Kreative aus Wuhan vereint eine große Keramikteekanne und eine Tasse
aus dem gleichen Material auf einer Holzkiste. Regelmäßig
spritzt Wasser aus der Kanne in die Tasse. Was der Betrachter nicht sieht:
Eine Pumpe, die in der Kiste angebracht ist, transportiert das Nass
unbemerkt zurück zur Kanne.
Sozialkritisch ist Wu Malis "Geschichte der Frauen von
Hsing-Chuang", mit der die Künstlerin aus Taipei die Situation
ausgebeuteter Näherinnen schildert, die in Akkord arbeiten
müssen: Drei Wände mit beschnittenen Stoffbahnen bilden einen
quadratischen Kastenraum. Auf einem Sockel in der Raummitte ist ein
Fernseher aufgestellt, der ein Video vorführt. Es zeigt abwechselnd
eine ratternde Nähmaschine und verschiedene Texttafeln, die über
das traurige Leben der Näherinnen berichten. Ein Protest, der
verstanden wird.
Etwas schwieriger ist für Europäer die Auseinandersetzung mit
der symbolreichen Sprache, die die ausgestellte Malerei und Grafik
kennzeichnet. "Rosen im Paradies" von Zhu Bing aus Peking
beispielsweise macht deutlich, dass sich die traditionelle
europäische Lesart von Bildern nicht ohne weiteres auf asiatische
Kunst anwenden lässt. Die drei großen und acht kleinen
Ölbilder stellen die Köpfe von roten Tulpen vor einem
rosafarbenen Hintergrund dar. Liegt bei dem Titel ein
Übersetzungsfehler vor? Nein, so ist auf Anfrage zu erfahren, denn
der Begriff der Rose stehe synonym für die Schönheit der Blumen
und solle als Aufwertung für die Tulpe verstanden werden. Die in
Zusammenarbeit mit dem Bonner Frauen Museum präsentierte Ausstellung,
die auch eine Auswahl von Arbeiten in Tusche auf Papier, Holzschnitte und
Skulpturen aus Holz umfasst, bietet einen eindrucksvollen Einblick in die
Welt chinesische Gegenwartskunst. Und sie beweist, dass die Frauen Chinas
im Kampf um ihre Gleichberechtigung "Die Hälfte des
Himmels", die ihnen nach einem Mao-Zitat gehört, jeden Tag neu
erkämpfen - auch in der Kunst.
Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 3. März 2000)
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