Zurück   Startseite   Druckversion 10. März 2000

"Die Hälfte des Himmels": Ein Rundgang durch die Schau in der Kunststation Kleinsassen / 20 chinesische Künstlerinnen zeigen ihre Werke

Im Zeichen der Emanzipation

Hofbieber-Kleinsassen. Beim Gedanken an chinesische Kunst kommen dem Durchschnittseuropäer meist bemalte Vasen aus kostbarem Porzellan oder meisterhafte Holzschnitte in den Sinn, die Natur und Schriftzeichen zum Motiv haben. Zeitgenössische chinesische Kunst aber sieht ganz anders aus. Wie, davon können sich die Besucher der Kunststation Kleinsassen noch bis zum 9. April täglich - außer montags - überzeugen. Unter dem Titel "Die Hälfte des Himmels" präsentieren dort 20 Künstlerinnen eine Auswahl weiblicher chinesischer Gegenwartskunst.

Was auffällt, das ist die große Zahl von Installationen, die alle Sinne ansprechen und das Atelier und die drei Hallen zu begehbaren Erfahrungsräumen machen. Bereits beim Eintritt in Halle 1 blickt der Besucher auf eine Arbeit von Lin Tianmiao aus Peking: Sie hat auf dem Boden eine 20 Meter lange Papierhose ausgebreitet und sie mit unzähligen Nadeln gespickt, wobei sich gerade im unteren Beckenbereich die Einstiche mehren. Eine erotische Anspielung oder gar der Hinweis auf eine erfahrene Stigmatisierung? Möglicherweise.

Augenscheinlicher macht es da Chen Yanyin aus Shanghai mit ihrer Installation "Originalpunkt", die das gesamte Atelier beansprucht. Der Raum ist dabei in ein rotes Dämmerlicht getaucht, kleine metallene Kegel überziehen in regelmäßiger Abfolge die weißen Wände und ein weißes Quadrat in der Raummitte, dessen Oberseite einen Bildschirm freigibt. Auf diesen ergeht sich ein nicht eindeutig zu definierender Muskel in ekstatischen Bewegungen.

"Seinen Speichel verlieren" nennt Shen Yuan aus Xianyou ihre Arbeit. An der Wand hat sie an neun langen Messern jeweils ein langes, mit Tee gefärbtes Eisstück befestigt. die Raumtemperatur bringt die gefrorenen Brocken zum Schmelzen. Und Tropfen um Tropfen fällt so in die neun Spucknäpfe, die unter den Messern aufgestellt sind. Shi Hui aus Hangzhou bevorzugt Holz als Material. Sie stellt 14 quadratische große Holzrahmen, zehn weiße und vier schwarze, in drei Reihen übereinander. Im Inneren der Rahmen breitet sich ein immer anderes Geflecht aus, das an Netze oder Waben erinnert - ein archaisch anmutendes Werk.

Witzig wirken hingegen die "Pflanzen" von Yin Xiuzhen. Die Künstlerin aus Peking hat in acht schweren Blumentöpfen und an Seilen, die von der Decke im Durchgangsraum zwischen Halle 2 und 3 hängen, jeweils zwei Kleiderbügel befestigt. Dazwischen spannt sich eine braune Strumpfhose, deren Bund einen roten Luftballon fasst. Die Assoziation der Blume als Liebesbotin wird hier spielerisch geweckt.

Ebenfalls humorig ist Qiu Pings Objekt "Einschenken". Die Kreative aus Wuhan vereint eine große Keramikteekanne und eine Tasse aus dem gleichen Material auf einer Holzkiste. Regelmäßig spritzt Wasser aus der Kanne in die Tasse. Was der Betrachter nicht sieht: Eine Pumpe, die in der Kiste angebracht ist, transportiert das Nass unbemerkt zurück zur Kanne.

Sozialkritisch ist Wu Malis "Geschichte der Frauen von Hsing-Chuang", mit der die Künstlerin aus Taipei die Situation ausgebeuteter Näherinnen schildert, die in Akkord arbeiten müssen: Drei Wände mit beschnittenen Stoffbahnen bilden einen quadratischen Kastenraum. Auf einem Sockel in der Raummitte ist ein Fernseher aufgestellt, der ein Video vorführt. Es zeigt abwechselnd eine ratternde Nähmaschine und verschiedene Texttafeln, die über das traurige Leben der Näherinnen berichten. Ein Protest, der verstanden wird.

Etwas schwieriger ist für Europäer die Auseinandersetzung mit der symbolreichen Sprache, die die ausgestellte Malerei und Grafik kennzeichnet. "Rosen im Paradies" von Zhu Bing aus Peking beispielsweise macht deutlich, dass sich die traditionelle europäische Lesart von Bildern nicht ohne weiteres auf asiatische Kunst anwenden lässt. Die drei großen und acht kleinen Ölbilder stellen die Köpfe von roten Tulpen vor einem rosafarbenen Hintergrund dar. Liegt bei dem Titel ein Übersetzungsfehler vor? Nein, so ist auf Anfrage zu erfahren, denn der Begriff der Rose stehe synonym für die Schönheit der Blumen und solle als Aufwertung für die Tulpe verstanden werden. Die in Zusammenarbeit mit dem Bonner Frauen Museum präsentierte Ausstellung, die auch eine Auswahl von Arbeiten in Tusche auf Papier, Holzschnitte und Skulpturen aus Holz umfasst, bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Welt chinesische Gegenwartskunst. Und sie beweist, dass die Frauen Chinas im Kampf um ihre Gleichberechtigung "Die Hälfte des Himmels", die ihnen nach einem Mao-Zitat gehört, jeden Tag neu erkämpfen - auch in der Kunst.

Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 3. März 2000)


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