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Jana Schwarz
Zum ersten Mal ist mir Jana Schwarz 1989 begegnet, in jenem aufregenden
Jahr. An der Leipziger Kunsthochschule wurde eine Beuys-Ausstellung
eröffnet, frühe Zeichnungen aus der Sammlung van der
Grinten. Die Räume voller Menschen, Trubel. Mir fiel eine
dunkelhaarige, in Stiefeln steckende, mit superkurzem Rock bekleidete
junge Frau auf. Sie stand, von der allgemeinen Aufgeregtheit unberührt,
resolut und unbeweglich vor einer Zeichnung des frühen Beuys.
Beide Arme in die Hüften gestützt, den Kopf schräg
geneigt, schien sie skeptisch und zugleich merkwürdig fasziniert
zu sein. Ihre Haltung, wie sie so herausfordernd dastand, zugleich
in sich verschlossen, führte mir eine Grafik vor Augen, die
mir kurz davor in einer Hochschulausstellung aufgefallen war.
Es war ein zugegeben kleines Blatt, aber es war ungewöhnlich,
verband groteske Direktheit mit leiser Stille. Der Name der Künstlerin
war Jana Schwarz. Ich hatte ihn mir gemerkt, wollte wissen, wer
diese Jana Schwarz ist, wie sie aussieht. Die nicht weit von mir
entfernt stehende Person ließ mich einen Augenblick an diese
Grafik denken.
Am Abend gab es anläßlich dieses, ersten direkten Leipziger
Beuys-Kontaktes, in einem der nobelsten Hotels, einen großen
Empfang, ein großes Buffet. Johannes Rau als Ministerpräsident
war anwesend, alle möglichen offiziellen Vertreter natürlich,
Künstler und Studenten übergenug. Ein seltsamer Glanz,
ein großes Gedränge. Da sah ich sie wieder, diesmal
stand sie an dem wahnwitzigen Buffet. Nicht, dass sie sich einen
Teller beladen hätte, nein, sie aß direkt dort. Was
heißt essen, es war wie ein Schlingen. Neugierig, unverschämt
stopfte sie die westlichen Kostbarkeiten, es waren welche - nicht
nur für Ostbäuche - mit lässig gespielter Verachtung
in sich hinein. Wer ist das, fragte ich, wer? Jana Schwarz wurde
mir gesagt. Jana Schwarz, die aus der Ausstellung, mit der Grafik?
Welche Grafik, keine Ahnung, aber Jana Schwarz ja, die wäre
es, Studentin der Malerei.
Ich behielt sie im Auge. Ihr Diplom ein Jahr später war eine
Glanzleistung. Der große Raum in der Hochschule war übervoll.
An der Stirnwand, vor den Versammelten die Bilder der Jana Schwarz.
Sie saß an einem Tisch rechts von ihren Malereien, ihr gegenüber
an einem weiteren Tisch die Prüfungskommission. Vor ihr auf
dem Tisch stand ein volles Glas Bier, Guinness. Unmöglich
war es zum ersten Mal voll.
Jana Schwarz sah verrückt aus. Ihr Kleid war sagenhaft. Es
war geborgt, geborgt von einer Reinigungskraft der Hochschule,
Festkleid deren verflossener Jugend, halblang, Volantstufen, dreiviertellange
Ärmel, Taft, die Künstlerin erstrahlte in pinkfarben.
Als Gürtel hatte sie sich einen knallgelben Schlips um die
Taille gebunden, gewickelt. Um den Hals hing eine Sonnenbrille
in rosa Herzchen gefasst. Auf ihrem dunklen Haar thronte eine
rosa Schlange, sehr selbstverständlich, Plüschtier aus
einem Kinderzimmer, mit aufgerichtetem Haupt. Ein Sträußchen
künstlicher blauer Veilchen war ihr beigegeben. Stolze Krone
im nach oben zusammengesteckten Haar der Künstlerin. Aus
dem schmalen, zarten Gesicht darunter blickten unruhevoll zwei
hellblaue Augen. Eine dreiviertel Stunde hatte sie Zeit, zu ihren
Arbeiten zu reden und Fragen zu beantworten. Mit tiefer Stimme,
trotzig und selbstbewußt, leicht abgehetzt, sprach sie von
ihren Bildern. Sie würde das malen, was sie angeht, was sie
betrifft, kann nicht trennen, das was sie sieht, was ihr begegnet,
die Liebe, das Essen, ihr Leben von der Malerei. Dieser ganze
ästhetische Scheiß dagegen würde sie nichts angehen,
sie kaltlassen. Landschaften heute, sie könne es eben nur
so. Abgezirkelte Zonen, das Land von Straßen zerschnitten,
der Mensch ein Rollstuhlfahrer in solchen Räumen (Übrigens
war sie zuvor hier in Kleinsassen zu einem Praktikum; und die
Landschaft hier, sie sieht sie heute anders).
Da war ein farbiges Bild dunklerer Bedeutung, gemalt in flammenden
Rot, Gelb und Blau. Einer der Professoren, nicht der, der heute
hier anwesend ist, der war vor zehn Jahren noch keiner, hatte
Fragen zu diesem Bild. Er begann vorsichtig zu umschreiben, was
er auf diesem Bild sehen würde, dass es wohl doch eher abstrakt
zu nennen wäre,... Jana Schwarz unterbrach ihn abrupt: "Das
bin ich, meine Möse!" Die angespannte Stille im Saal
löste sich kurz auf in Heiterkeit. Ja, ja, antwortete dieser
Professor, er würde schon sehen, was sie gemalt hat, aber,
würde nicht zugleich etwas verbrennen, zu Ende gehen, Rauch,
Asche? Jana Schwarz konnte kaum das Ende seiner Worte abwarten,
es kam aus tiefster Überzeugung, mit angehaltenem Atem: "Im
Gegenteil, ganz anders, es blüht auf!" Es blieb still
im Raum, eine eigenwillige Faszination ging von dieser Frau aus.
Hier sprach eine wahr, ohne Schnörkel, ohne Sicherheitsleine,
schutzlos. Sie strahlte es ab, es stieg aus ihrem Innern auf,
ihre Augen bekamen einen dunklen Ton. Und sie sprach zu ihrer
Malerei "Meine Geburt in Schkeuditz", ihrer früh
verstorbenen Mutter gewidmet. Auf dieser Malerei ist sie eine
Zeichnung auf beschlagener Fensterscheibe. Alle waren von diesen
jungen Künstlerin gefangen, von ihrer schlafwandlerischen
Sicherheit, mit der sie Fragen konterte oder sie ignorierte, wie
sie von ihrem Leben sprach, wie sie dieses, ihr Leben, zum Grund
ihrer Malerei gemacht hatte. Und, was sie am Ende betonte, dass
ihre Kunst erst ein Anfang wäre.
Ihre Hände werde ich nicht vergessen, die Innenseiten tief
violett, blau, im Kontrast zu den ein wenig großen (auch
wieder geborgten) roten spitzigen Schuhen, in denen ihre Füße
steckten, die unter dem wackligen lächerlichen Schuhtisch
sich mal vor und mal zurückschoben. Am Ende gab es einen
riesigen Applaus ...
Ich spreche heute nach knapp zehn Jahren davon, weil das, was
ihre Diplomverteidigung offenbarte, diese Künstlerin noch
immer ausmacht. Es ist eine merkwürdige (des Merkens würdig!),
schutz- und rücksichtslose Einheit von privatem Erleben und
Kunst, ein wechselweises aneinander Gebundensein. Mit der Kunst
ordnet sie das Chaos, welches ihr Leben immer wieder aufs Neue
zu produzieren scheint. Sie bezahlt für ihre Malerei. Es
sind keine ästhetischen Girlanden, keine Muster schmückender
Noblesse. Im Gegenteil, Erlebtes, Durchlebtes wird geordnet, auf
der Fläche auf neue Weise verstanden, durch die Verwandlung
in Kunst, was nichts anderes heißt, als Formfindung. In
diesen Werken kann sich sie sich wiedererkennen, als Mensch und
als Künstlerin, und auch wir haben die Chance, uns wiederzufinden.
Sie ist inzwischen reifer geworden, ist verantwortlich für
den Sohn, mußte manch ernüchternde Erfahrung einstecken,
doch ihre Unbedingtheit der Kunst gegenüber, ihr hoher Anspruch,
sind geblieben, und sie hat eine eigne Sprache, Ausdrucksweise
gefunden. Mit ihren Spiegelungen, Brechungen, Netzen und Rastern,
Reihungen und Wiederholungen - alles Möglichkeiten, auf der
Fläche Ordnung zu finden, Übersicht, Klarheit - hat
sie zugleich die wirre Unübersichtlichkeit medienerzeugender
optischer Kürzel, Muster und Reize ihren Malereien als sinnvolle
Kompositionprinzipien anverwandelt.
Ich denke, sie wird ihre Grenzen immer wieder weiter stecken,
aber nach zehn Jahren ist sie nicht mehr am Beginn, sie steht
mitten in ihrer Kunst, ihrem Werk, das unverwechselbar eigenständig
ist, geprägt von spröd-sinnlicher Farbigkeit und herber,
sich ab und an ins Melancholische weitender Poesie.
Dr. Ina Gille Kunstwissenschaftlerin
Rede zur Ausstellungseröffnung am 24. Oktober 1999 in der Kunststation Kleinsassen
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