Zurück   Startseite   Druckversion 3. November 1999

Jana Schwarz

Zum ersten Mal ist mir Jana Schwarz 1989 begegnet, in jenem aufregenden Jahr. An der Leipziger Kunsthochschule wurde eine Beuys-Ausstellung eröffnet, frühe Zeichnungen aus der Sammlung van der Grinten. Die Räume voller Menschen, Trubel. Mir fiel eine dunkelhaarige, in Stiefeln steckende, mit superkurzem Rock bekleidete junge Frau auf. Sie stand, von der allgemeinen Aufgeregtheit unberührt, resolut und unbeweglich vor einer Zeichnung des frühen Beuys. Beide Arme in die Hüften gestützt, den Kopf schräg geneigt, schien sie skeptisch und zugleich merkwürdig fasziniert zu sein. Ihre Haltung, wie sie so herausfordernd dastand, zugleich in sich verschlossen, führte mir eine Grafik vor Augen, die mir kurz davor in einer Hochschulausstellung aufgefallen war. Es war ein zugegeben kleines Blatt, aber es war ungewöhnlich, verband groteske Direktheit mit leiser Stille. Der Name der Künstlerin war Jana Schwarz. Ich hatte ihn mir gemerkt, wollte wissen, wer diese Jana Schwarz ist, wie sie aussieht. Die nicht weit von mir entfernt stehende Person ließ mich einen Augenblick an diese Grafik denken.

Am Abend gab es anläßlich dieses, ersten direkten Leipziger Beuys-Kontaktes, in einem der nobelsten Hotels, einen großen Empfang, ein großes Buffet. Johannes Rau als Ministerpräsident war anwesend, alle möglichen offiziellen Vertreter natürlich, Künstler und Studenten übergenug. Ein seltsamer Glanz, ein großes Gedränge. Da sah ich sie wieder, diesmal stand sie an dem wahnwitzigen Buffet. Nicht, dass sie sich einen Teller beladen hätte, nein, sie aß direkt dort. Was heißt essen, es war wie ein Schlingen. Neugierig, unverschämt stopfte sie die westlichen Kostbarkeiten, es waren welche - nicht nur für Ostbäuche - mit lässig gespielter Verachtung in sich hinein. Wer ist das, fragte ich, wer? Jana Schwarz wurde mir gesagt. Jana Schwarz, die aus der Ausstellung, mit der Grafik? Welche Grafik, keine Ahnung, aber Jana Schwarz ja, die wäre es, Studentin der Malerei.

Ich behielt sie im Auge. Ihr Diplom ein Jahr später war eine Glanzleistung. Der große Raum in der Hochschule war übervoll. An der Stirnwand, vor den Versammelten die Bilder der Jana Schwarz. Sie saß an einem Tisch rechts von ihren Malereien, ihr gegenüber an einem weiteren Tisch die Prüfungskommission. Vor ihr auf dem Tisch stand ein volles Glas Bier, Guinness. Unmöglich war es zum ersten Mal voll.

Jana Schwarz sah verrückt aus. Ihr Kleid war sagenhaft. Es war geborgt, geborgt von einer Reinigungskraft der Hochschule, Festkleid deren verflossener Jugend, halblang, Volantstufen, dreiviertellange Ärmel, Taft, die Künstlerin erstrahlte in pinkfarben. Als Gürtel hatte sie sich einen knallgelben Schlips um die Taille gebunden, gewickelt. Um den Hals hing eine Sonnenbrille in rosa Herzchen gefasst. Auf ihrem dunklen Haar thronte eine rosa Schlange, sehr selbstverständlich, Plüschtier aus einem Kinderzimmer, mit aufgerichtetem Haupt. Ein Sträußchen künstlicher blauer Veilchen war ihr beigegeben. Stolze Krone im nach oben zusammengesteckten Haar der Künstlerin. Aus dem schmalen, zarten Gesicht darunter blickten unruhevoll zwei hellblaue Augen. Eine dreiviertel Stunde hatte sie Zeit, zu ihren Arbeiten zu reden und Fragen zu beantworten. Mit tiefer Stimme, trotzig und selbstbewußt, leicht abgehetzt, sprach sie von ihren Bildern. Sie würde das malen, was sie angeht, was sie betrifft, kann nicht trennen, das was sie sieht, was ihr begegnet, die Liebe, das Essen, ihr Leben von der Malerei. Dieser ganze ästhetische Scheiß dagegen würde sie nichts angehen, sie kaltlassen. Landschaften heute, sie könne es eben nur so. Abgezirkelte Zonen, das Land von Straßen zerschnitten, der Mensch ein Rollstuhlfahrer in solchen Räumen (Übrigens war sie zuvor hier in Kleinsassen zu einem Praktikum; und die Landschaft hier, sie sieht sie heute anders).

Da war ein farbiges Bild dunklerer Bedeutung, gemalt in flammenden Rot, Gelb und Blau. Einer der Professoren, nicht der, der heute hier anwesend ist, der war vor zehn Jahren noch keiner, hatte Fragen zu diesem Bild. Er begann vorsichtig zu umschreiben, was er auf diesem Bild sehen würde, dass es wohl doch eher abstrakt zu nennen wäre,... Jana Schwarz unterbrach ihn abrupt: "Das bin ich, meine Möse!" Die angespannte Stille im Saal löste sich kurz auf in Heiterkeit. Ja, ja, antwortete dieser Professor, er würde schon sehen, was sie gemalt hat, aber, würde nicht zugleich etwas verbrennen, zu Ende gehen, Rauch, Asche? Jana Schwarz konnte kaum das Ende seiner Worte abwarten, es kam aus tiefster Überzeugung, mit angehaltenem Atem: "Im Gegenteil, ganz anders, es blüht auf!" Es blieb still im Raum, eine eigenwillige Faszination ging von dieser Frau aus. Hier sprach eine wahr, ohne Schnörkel, ohne Sicherheitsleine, schutzlos. Sie strahlte es ab, es stieg aus ihrem Innern auf, ihre Augen bekamen einen dunklen Ton. Und sie sprach zu ihrer Malerei "Meine Geburt in Schkeuditz", ihrer früh verstorbenen Mutter gewidmet. Auf dieser Malerei ist sie eine Zeichnung auf beschlagener Fensterscheibe. Alle waren von diesen jungen Künstlerin gefangen, von ihrer schlafwandlerischen Sicherheit, mit der sie Fragen konterte oder sie ignorierte, wie sie von ihrem Leben sprach, wie sie dieses, ihr Leben, zum Grund ihrer Malerei gemacht hatte. Und, was sie am Ende betonte, dass ihre Kunst erst ein Anfang wäre.

Ihre Hände werde ich nicht vergessen, die Innenseiten tief violett, blau, im Kontrast zu den ein wenig großen (auch wieder geborgten) roten spitzigen Schuhen, in denen ihre Füße steckten, die unter dem wackligen lächerlichen Schuhtisch sich mal vor und mal zurückschoben. Am Ende gab es einen riesigen Applaus ...

Ich spreche heute nach knapp zehn Jahren davon, weil das, was ihre Diplomverteidigung offenbarte, diese Künstlerin noch immer ausmacht. Es ist eine merkwürdige (des Merkens würdig!), schutz- und rücksichtslose Einheit von privatem Erleben und Kunst, ein wechselweises aneinander Gebundensein. Mit der Kunst ordnet sie das Chaos, welches ihr Leben immer wieder aufs Neue zu produzieren scheint. Sie bezahlt für ihre Malerei. Es sind keine ästhetischen Girlanden, keine Muster schmückender Noblesse. Im Gegenteil, Erlebtes, Durchlebtes wird geordnet, auf der Fläche auf neue Weise verstanden, durch die Verwandlung in Kunst, was nichts anderes heißt, als Formfindung. In diesen Werken kann sich sie sich wiedererkennen, als Mensch und als Künstlerin, und auch wir haben die Chance, uns wiederzufinden.

Sie ist inzwischen reifer geworden, ist verantwortlich für den Sohn, mußte manch ernüchternde Erfahrung einstecken, doch ihre Unbedingtheit der Kunst gegenüber, ihr hoher Anspruch, sind geblieben, und sie hat eine eigne Sprache, Ausdrucksweise gefunden. Mit ihren Spiegelungen, Brechungen, Netzen und Rastern, Reihungen und Wiederholungen - alles Möglichkeiten, auf der Fläche Ordnung zu finden, Übersicht, Klarheit - hat sie zugleich die wirre Unübersichtlichkeit medienerzeugender optischer Kürzel, Muster und Reize ihren Malereien als sinnvolle Kompositionprinzipien anverwandelt.

Ich denke, sie wird ihre Grenzen immer wieder weiter stecken, aber nach zehn Jahren ist sie nicht mehr am Beginn, sie steht mitten in ihrer Kunst, ihrem Werk, das unverwechselbar eigenständig ist, geprägt von spröd-sinnlicher Farbigkeit und herber, sich ab und an ins Melancholische weitender Poesie.

Dr. Ina Gille
Kunstwissenschaftlerin

Rede zur Ausstellungseröffnung am 24. Oktober 1999 in der Kunststation Kleinsassen


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