Zurück   Startseite   Druckversion 27. Oktober 1999

Raum und Maß

Die Linie, sagte Vasari, komme in der Natur nicht vor und sei deswegen eine der größten Erfindungen des menschlichen Geistes. Der Linie galt die große Aufmerksamkeit der Renaissance und nachfolgender Kunststile bis ins 19. Jahrhundert.

Über die Linie fluchteten die perspektivischen Räume. Die Linie ordnete die Erzählung im Gemälde. Die Linie spielt eine bedeutsame Rolle im Werke von Yoichiro Nishida. Sie bedeutet auch Irritation in seiner Malerei.

Seit der farblichen Emanzipation der Malerei im 19. Jahrhundert erlebt man die Kraft und Gewalt der farblichen Aussage auf der Zweidimensionalität der Leinwand. Wenn heute ein Künstler auf der Fläche zeichnet, ist ihm der Verzicht auf die dritte Dimension immer bewußt. Er verzichtet auf den konkreten Realraum und beschränkt sich bewußt auf die Fläche. Statt des Voluminösen in der Illusion steht ihm zunächst die Unräumlichkeit als Realisationsmittel zur Verfügung.

Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, Volumen und daran gebundenes Raumbewußtsein deutlich zu machen. Seit dem 14. Jahrhundert ergeben sich Raumrelationen aus dem Hell, dem Beleuchtetsein, und aus dem Dunkel, der Verschattung. Aus diesem alttradierten System schafft Yoichiro Nishida ein ebenso aktuelles wie fundamentiertes System seiner Objekte in einer Räumlichkeit. Gerade in seinen Prismen wird dabei das raffinierte Spiel aus Licht, Reflexion, Objekt, Verschattung, Brechungen von Licht u. ä. deutlich. Neben diesen "freischwebenden" Prismenschulen vor farblichem Grund bedient sich der Künstler auch einer konstruierten Räumlichkeit auf der Fläche. Er stellt sie auf der Fläche illusionistisch her und plaziert darauf seine mehransichtigen Volumen, seine dreidimensionalen Objekte (Kugeln, Prismen, Zylinder u.a.).

Yoichiro Nishida verbindet zwei grundlegend verschiedene Möglichkeiten einer Beziehung zwischen Plastischem und Zeichnerischem. Es ist einmal die Möglichkeit der Linie und ihrer Raumevokation und zum anderen das Licht und die daran gebundene Farbevokation. Beides verbindet er in einem direkten Anhängigkeitsverhältnis, bei dem die lineare Zeichnung dazu dient, die dreidimensionalen Objekte zu unterstützen und ihre Position im Raum zu definieren. Dabei ergeben sich für die Objekte labile und stabile Gegebenheiten im Verhältnis zu der Rasterung und Lineatur als auch für die Aussage über ihr eigenes Volumen und ihr körperräumliches Verhältnis zueinander. Der Zusammenhang der Zeichnungen, der Rasterungen, der raumillusionistischen Linien mit den dreidimensionalen Objekten ist zwar häufig genug sehr lose, indes für eine genauere Betrachtung von einiger Bedeutung. Letztendlich ist die Linie für die Formprobleme und die Aussagen der Objekte zur Überprüfung und auch für mögliche Lösungen sehr notwendig. Die Gegenstände erleben über die Linie ihre Bewährung in der dritten Dimension. Die Rasterung ist der Realisationsprospekt.

Aus dem Dialog der Rasterung mit den Objekten wird ein Spannungsverhältnis zwischen Raum und Körper erreicht, werden differenzierte Aspekte der Bildbetrachtung und des Raumerlebnisses im Bild gewonnen. So entsteht Volumen bzw. Raum in den kompakten Konstruktionen der luziden Prismen, Kugeln, Zylinder.

Man kann natürlich bei diesen Arbeiten kaum mit dem Begriff Außenraum oder Innenraum umgehen, alles was in diesen Arbeiten wirksam wird, ist ein Kunstraum über exakte Konstruktionsanleitungen.

Die Raumqualität bei Nishida dient jeweils anderen Intensionen. Fluchtendes, nach vorne Drängendes, sich Dehnendes, Verbindendes werden dem Betrachter in unterschiedlichen Qualitäten demonstriert. Vielleicht ist das interessante Ergebnis dieser Raumkonstruktion und ihrer über die Linie gewonnenen Qualitäten, die Tatsache, dass sie vor allem nach außen in den Betrachterraum hineinwirken. Das straffe Lineament ist also nicht nur ein hilfreiches Gerüst für die innere Konstruktion im Bild, für die Formfindung und Raumdefinition auf der Fläche. Der mathematische Maßstab versucht, den Betrachter einzufangen.

Die Künstlichkeit der Linie klärt die Ordnung der Dinge. Der Gedanke der Ordnung, der Organisation, ist beim Werke dieses Künstlers zu spüren, aber auch der Gedanke, die Welt zu ordnen und mit Ordnungen zu durchdringen. Neben dem Bau des Bildes spielt dann der Einsatz von Farben eine starke emotionale Rolle. Hier werden über die Farben die Hoffnungen, die Sehnsüchte, die Wünsche ausgedrückt; nach Freiheit, nach Vision, nach Aufbruch, nach Unendlichkeit, Ordnung und Leben.

Auch das Atmen hat seine Gesetzlichkeit, auch die Natur kennt ihre Ordnungen, der Anspruch geordneter Kunst als Maßstab für das Leben ist etwas Selbstverständliches.

Gleichzeitig schaffen die Brechungen in den Glaskörpern einen Moment der Irritation, da aus den unterschiedlichsten Aspekten die gesicherte Raumqualität zerstört wird. Dieses Moment der Brechung ist ein reflexives System für den Künstler Nishida, da sich darin der Zweifel an der Konstruktion niederschlägt und ausdrücken lässt. Darin liegt der geistige Inhalt der Arbeiten Nishidas begründet. Die Erlebniswelten von Räumlichkeiten erlauben uns die Vorstellung von Nahem, Nächsten, von Raum, von Relation, von Zeit. Die von Nishida so niedergeschriebenen Zeichen geistiger Welten sind darin Ausdruck des Überzeitlichen, aber auch des Vergänglichen, der Begrenztheiten in der Zeit und der Unendlichkeiten.

Dr. Friedhelm Häring
Direktor des Oberhessischen Museums Gießen

Aus dem Katalog "yoichiro nishida - Blaue Räume", Kunststation Kleinsassen, 1988


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