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Raum und Maß
Die Linie, sagte Vasari, komme in der Natur nicht vor und sei
deswegen eine der größten Erfindungen des menschlichen
Geistes. Der Linie galt die große Aufmerksamkeit der
Renaissance und nachfolgender Kunststile bis ins 19. Jahrhundert.
Über die Linie fluchteten die perspektivischen Räume. Die
Linie ordnete die Erzählung im Gemälde. Die Linie spielt
eine bedeutsame Rolle im Werke von Yoichiro Nishida. Sie bedeutet
auch Irritation in seiner Malerei.
Seit der farblichen Emanzipation der Malerei im 19. Jahrhundert
erlebt man die Kraft und Gewalt der farblichen Aussage auf der
Zweidimensionalität der Leinwand. Wenn heute ein Künstler
auf der Fläche zeichnet, ist ihm der Verzicht auf die dritte
Dimension immer bewußt. Er verzichtet auf den konkreten
Realraum und beschränkt sich bewußt auf die Fläche.
Statt des Voluminösen in der Illusion steht ihm zunächst
die Unräumlichkeit als Realisationsmittel zur Verfügung.
Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, Volumen und daran gebundenes
Raumbewußtsein deutlich zu machen. Seit dem 14. Jahrhundert ergeben
sich Raumrelationen aus dem Hell, dem Beleuchtetsein, und aus dem
Dunkel, der Verschattung. Aus diesem alttradierten System schafft
Yoichiro Nishida ein ebenso aktuelles wie fundamentiertes System
seiner Objekte in einer Räumlichkeit. Gerade in seinen Prismen
wird dabei das raffinierte Spiel aus Licht, Reflexion, Objekt,
Verschattung, Brechungen von Licht u. ä. deutlich. Neben diesen
"freischwebenden" Prismenschulen vor farblichem Grund
bedient sich der Künstler auch einer konstruierten
Räumlichkeit auf der Fläche. Er stellt sie auf der
Fläche illusionistisch her und plaziert darauf seine
mehransichtigen Volumen, seine dreidimensionalen Objekte (Kugeln,
Prismen, Zylinder u.a.).
Yoichiro Nishida verbindet zwei grundlegend verschiedene
Möglichkeiten einer Beziehung zwischen Plastischem und
Zeichnerischem. Es ist einmal die Möglichkeit der Linie und
ihrer Raumevokation und zum anderen das Licht und die daran
gebundene Farbevokation. Beides verbindet er in einem direkten
Anhängigkeitsverhältnis, bei dem die lineare Zeichnung
dazu dient, die dreidimensionalen Objekte zu unterstützen und
ihre Position im Raum zu definieren. Dabei ergeben sich für die
Objekte labile und stabile Gegebenheiten im Verhältnis zu der
Rasterung und Lineatur als auch für die Aussage über ihr
eigenes Volumen und ihr körperräumliches Verhältnis
zueinander. Der Zusammenhang der Zeichnungen, der Rasterungen, der
raumillusionistischen Linien mit den dreidimensionalen Objekten ist
zwar häufig genug sehr lose, indes für eine genauere
Betrachtung von einiger Bedeutung. Letztendlich ist die Linie
für die Formprobleme und die Aussagen der Objekte zur
Überprüfung und auch für mögliche Lösungen
sehr notwendig. Die Gegenstände erleben über die Linie
ihre Bewährung in der dritten Dimension. Die Rasterung ist der
Realisationsprospekt.
Aus dem Dialog der Rasterung mit den Objekten wird ein
Spannungsverhältnis zwischen Raum und Körper erreicht,
werden differenzierte Aspekte der Bildbetrachtung und des
Raumerlebnisses im Bild gewonnen. So entsteht Volumen bzw. Raum in
den kompakten Konstruktionen der luziden Prismen, Kugeln, Zylinder.
Man kann natürlich bei diesen Arbeiten kaum mit dem Begriff
Außenraum oder Innenraum umgehen, alles was in diesen Arbeiten
wirksam wird, ist ein Kunstraum über exakte
Konstruktionsanleitungen.
Die Raumqualität bei Nishida dient jeweils anderen
Intensionen. Fluchtendes, nach vorne Drängendes, sich
Dehnendes, Verbindendes werden dem Betrachter in unterschiedlichen
Qualitäten demonstriert. Vielleicht ist das interessante
Ergebnis dieser Raumkonstruktion und ihrer über die Linie
gewonnenen Qualitäten, die Tatsache, dass sie vor allem nach
außen in den Betrachterraum hineinwirken. Das straffe
Lineament ist also nicht nur ein hilfreiches Gerüst für
die innere Konstruktion im Bild, für die Formfindung und
Raumdefinition auf der Fläche. Der mathematische Maßstab
versucht, den Betrachter einzufangen.
Die Künstlichkeit der Linie klärt die Ordnung der Dinge.
Der Gedanke der Ordnung, der Organisation, ist beim Werke dieses
Künstlers zu spüren, aber auch der Gedanke, die Welt zu
ordnen und mit Ordnungen zu durchdringen. Neben dem Bau des Bildes
spielt dann der Einsatz von Farben eine starke emotionale Rolle.
Hier werden über die Farben die Hoffnungen, die
Sehnsüchte, die Wünsche ausgedrückt; nach Freiheit,
nach Vision, nach Aufbruch, nach Unendlichkeit, Ordnung und Leben.
Auch das Atmen hat seine Gesetzlichkeit, auch die Natur kennt ihre
Ordnungen, der Anspruch geordneter Kunst als Maßstab für
das Leben ist etwas Selbstverständliches.
Gleichzeitig schaffen die Brechungen in den Glaskörpern einen
Moment der Irritation, da aus den unterschiedlichsten Aspekten die
gesicherte Raumqualität zerstört wird. Dieses Moment der
Brechung ist ein reflexives System für den Künstler
Nishida, da sich darin der Zweifel an der Konstruktion
niederschlägt und ausdrücken lässt. Darin liegt der
geistige Inhalt der Arbeiten Nishidas begründet. Die
Erlebniswelten von Räumlichkeiten erlauben uns die Vorstellung
von Nahem, Nächsten, von Raum, von Relation, von Zeit. Die von
Nishida so niedergeschriebenen Zeichen geistiger Welten sind darin
Ausdruck des Überzeitlichen, aber auch des Vergänglichen,
der Begrenztheiten in der Zeit und der Unendlichkeiten.
Dr. Friedhelm Häring Direktor des Oberhessischen Museums Gießen
Aus dem Katalog "yoichiro nishida - Blaue Räume", Kunststation Kleinsassen, 1988
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