Zurück   Startseite   Druckversion 17. September 1999

Zur Ausstellung "Goya de Lörincz" in der Kunststation Kleinsassen: Goyas "Caprichos" und Lörincz' Kapricen

Zwei Künstler, die ihre Launen haben

Hofbieber-Kleinsassen. Es gibt Menschen, die können einen mit ihren Launen zur Verzweiflung bringen, weshalb sie von ihrer Umwelt schlecht gelitten sind. Einige jedoch verstehen es oder haben es verstanden, mit ihre Kapricen Menschen für sich und ihr Werk zu begeistern. Zu diesen vom Glück Beschenkten gehören auch Francisco Jose de Goya y Lucientes (1746 - 1828) und Peter Lörincz, der sich zwei Jahre intensiv mit dem spanischen Maler, dessen Heimat und Schaffen beschäftigt hat. Das Ergebnis jener Auseinandersetzung sowie Original-Radierungen aus Goyas berühmten "Los Caprichos" sind derzeit unter dem Titel "Goya de Lörincz" in der Kunststation Kleinsassen zu sehen.

80 Radierungen Goyas

Es ist eine beeindruckende Schau, die die Kunststation in Zusammenarbeit mit dem Musée Goya in Castres und der Association Plaisir et Culture in Montpellier realisiert hat. Wann haben Goyas schließlich schon einmal den Weg in die Rhön gefunden? Fernab der Kulturmetropolen hängen sie hier nun im Atelier der Kunststation, dicht an dicht, zweifach gesichert durch Glas und einen durchsichtigen Kunststoffschutz. Alle 80 Radierungen aus der Reihe, die der Maler in den 90-er Jahren des 18. Jahrhunderts geschaffen hat, sind vom Musée Goya als Leihgabe nach Kleinsassen entsandt worden. Der Traum, das Abgründige, die Angst und der Schrecken, die Schattenseite der Lust - all das offenbart sich in den brillanten Bildern. Zu den bekanntesten Exponaten zählt das Blatt "El sueño de la razon produce monstruos" (Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer): Ein junger Mann ist an einem Tisch über seinen Schreibarbeiten eingeschlafen, sein Kopf ruht auf den über der Tischplatte verschränkten Armen, im Hintergrund flattern Eulen und Fledermäuse auf, nehmen den Bildraum in Besitz. Ihre dunklen Schwingen symbolisieren die Welt des Nicht-Erklärbaren, des Geheimnisvollen und Bedrohlichen, das in der Nacht an Macht gewinnt. Ob es siegt, zeigt Goya nicht. Die Antwort auf diese Frage überlässt er dem Betrachter. Gerade in den "Caprichos", die die menschlichen Psyche bloßlegen, erschließt sich die Rolle Goyas als Wegbereiters der Moderne.

Die Bilderreihe des Spaniers inspirierte den Komponisten Mario Castelnuovo-Tedesco zu seinen "24 Caprichos de Goya Op. 195", in denen er 2 Dutzend der Blätter musikalisch interpretierte. Professor Frank Bungarten, der während der Vernissage mit fünf Stücken aus der Komposition begeisterte, hat die neo-romantischen Klang-Kapricen auf der Gitarre eingespielt und auf einer überaus gelungenen Doppel-CD (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm / MDG Gold) veröffentlicht. Virtuos und zart zelebriert Bungarten mit scheinbarer Leichtigkeit ein sanftes Spiel der Saiten. Wer die Möglichkeit hat, bei einem Besuch der Ausstellung die Aufnahme auf Discman oder Walkman zu hören, der erlebt ein optisches und akustisches Miteinander. Die Rezeption der Bilder erreicht so eine neue sinnliche Dimension auf höchsten Niveau.

Doch geht es in der Kunststation nicht nur ernst zu. Dafür sorgt schon Peter Lörincz. Denn seine Auseinandersetzung mit Goya ist kein Kniefall vor dem großen Meister, sondern allenfalls eine Verbeugung, die einem geschätzten Kollegen gilt und von einem Augenzwinkern begleitet wird. Die launigen Gouachen, Zeichnungen und Radierungen des Mainzer Malers und Grafikers unterhalten durch Ironie und Witz und bestechen zugleich durch ihre handwerkliche Perfektion.

Lörincz' Streifzug

Das Musée Goya hatte Lörincz zu einem zweijährigen Reisestipendium eingeladen, und so war der kauzige Künstler, der sich in seinen Arbeiten schon mal mit Lockenwicklern im Haar karikiert, auf den Spuren des Spaniers gewandelt. Das Ergebnis seines künstlerischen Streifzuges füllt die drei Hallen: Ansichten Saragossas von gestern und heute, Architekturfragmente, Personen, die Goya einst porträtierte, Phantasiefiguren, Stierabbildungen und Selbstbildnisse des Malers hat Lörincz in neue Bildzusammenhänge gerückt, verfremdet und variiert. Plötzlich ist Goya mit Künstlerkollegen zu sehen, denen er nachweislich nie begegnet ist. So schaut ihm Toulouse-Lautrec in einer Gouache schnippisch über die Schulter, und Adolph von Menzel - einen Zeichenstift im Munde balancierend - kritzelt hinter dem Rücken des Spaniers eilig etwas in sein Zeichenbuch. Hier diente Goyas Selbstporträt aus den "Caprichos" als Vorlage.

Die Suche nach Parallelen macht Spaß - nicht zuletzt, weil viele im Vergleich der beiden Werke zu finden sind. Noch bis zum 17. Oktober ist dienstags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr bei einem Besuch der Schau Gelegenheit dazu. Am Sonntag, 19. September, wartet um 17 Uhr zudem ein Vortrag auf alle Interessierten: Es spricht Volker Rößner über Leben und Werk Goyas.

Klaus H. Orth
(Fuldaer Zeitung vom 17. September 1999)


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