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Einführung in die Geschichte und Technik des Aquarells
Marion Feld
In der Rezeptionsgeschichte unseres Jahrhunderts ist das Aquarell
bis heute vor allem bei Laien und Kunstinteressierten außerordentlich
präsent und beliebt. Dies hat seine Ursache hauptsächlich
in einer konkreten Vorstellung von Motivwahl und einer lebendigen
und anziehenden Farbwirkung: Zarte, duftige, fließende Farben,
weiche Übergänge und transparente Überlagerungen,
Kompositionen aus Flächen und Flecken anstelle von linear-zeichnerischen
Bildelementen. Und nicht zuletzt ist es wohl die eigene, persönliche
Erfahrung im Umgang mit der Aquarellmalerei - sei es auch nur
mit den Farben des Schulmalkastens -, die die Liebe zum Aquarell
begründet. Das unmittelbare Farberlebnis, das mit großem
Staunen, Überraschung und Freude beobachtete und erlebte
Verhalten der Farben, üben bis heute eine ungebrochene Anziehung
aus.
Die Bezeichnung "Aquarell" leitet sich mit "aqua"
für Wasser aus der lateinischen Sprache her, so daß
man in vereinfachter Form von Wasserfarbenmalerei sprechen kann.
Dies bezieht sich allerdings nur auf das Wasser in seiner Funktion
als Transportmittel zwischen den gepreßten Aquarellfarben
und dem Untergrund/Träger. Denn in der Regel, d. h. bei der
traditionellen Aquarellmalerei, werden die feinstgemahlenen und
mit einem Bindemittel (wie Leim, Gelatine oder Gummiarabicum)
in Tiegeln verfestigten Mineralpigmente mit Wasser gelöst
und aufgemischt und mittels spezieller Aquarellpinsel auf ein
saugfähiges Papier gebracht. Dieses ist traditionsgemäß
ein weißes, strukturiertes, heutzutage meist industriell
gefertigtes Papier (oder Karton) mit einer gerauhten, körnigen
Oberfläche.
Andere Untergründe - insbesondere andere Papiere (wie Bütten,
Handschöpfpapiere mit deutlichen Strukturen oder asiatische
Papiere) - ergeben jeweils spezielle Effekte und setzen in der
Regel ein hohes technisches Niveau und eine lange Erfahrung voraus.
Verwendet werden außerdem Spezialtuschen (oder -tinten),
die in Asien sogar bevorzugt werden. Tusche bindet Pigmente oder
Farbstoffe (z. B. Ruß) in einer größeren Bindemittelmenge
und trocknet rasch als feiner, unkorrigierbarer Film auf, weshalb
eine große Fertigkeit im schnellen Auftrag erforderlich
ist.
Der Auftrag der Aquarellfarben erfolgt - bedingt durch die wäßrige
Substanz - lasierend von hell und zart nach dunkel und gesättigt,
wobei der weiße Papieruntergrund durchscheint oder als partiell
freibleibende weiße Fläche bewußt in die Komposition
einbezogen wird. Lichter können nicht nachträglich gesetzt
werden, sondern müssen, von Beginn an konzipiert, beim Malvorgang
ausgespart werden. Diesem, gegenüber den übrigen Maltechniken
entgegengesetzten Vorgehen muß ein äußerst flexibles
Denken und intuitives Handeln entsprechen.
Farbtöne sind heute in vielen Nuancen vorgefertigt erhältlich;
dennoch wird vielfach das alte Ideal verfolgt, aus den drei Primärfarben
(gelb, rot und blau) sämtliche Mischtöne selbst herzustellen:
Entweder wird auf der Palette der gewünschte Mischton vor
dem Malen erzeugt, oder die Mischung entsteht durch Ineinanderarbeiten
oder Schichtenüberlagerung direkt auf dem Malgrund. Dabei
ergeben sich durch Mischung, Überlagerung und Sättigungsstufen
nahezu unendlich viele Nuancen. Dies bleibt auch beim vollendeten
Werk stets erkennbar, und der Umgang mit der Farbe, das "Lavieren",
ist bei keiner anderen Technik so direkt nachvollziehbar. Neben
der durch die Modulationsfähigkeit erreichten Subtilität
sind es auch die wahrnehmbare künstlerische Idee, eine typische,
individuelle "Handschrift" und nachzufühlende Impulsivität,
die den spezifischen, hohen optischen Reiz des Aquarells ausmachen
und es damit als äußerste Möglichkeit des rein
malerischen Gestaltens erscheinen lassen.
Ein saugfähiges Papier läßt die Farben bei minimalstem
punktuellen Kontakt sofort auseinanderlaufen. Durch die rasche
Trocknung entstehen dann (meist unerwünschte) Farbränder
oder Randzonen, die kaum zu korrigieren sind. Dieser Prozeß
kann als ein bewußtes Gestaltungselement durchaus beabsichtigt
sein, läßt sich jedoch durch einen angefeuchteten Untergrund
(seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlich) oder durch eine spezielle
Präparierung verzögern und vermeidet somit in gewissem
Grade eine Randbildung. Eine gezielte Steuerung ist wiederum nur
bei einer meisterhaften Beherrschung der technischen Gegebenheiten
möglich.
Daraus resultiert, daß die Aquarell- und Tuschemalerei keine
zeichnerischen und linearen Kompositionen (allenfalls eine Bleistiftvorskizze)
und die fließenden Farben keine feste Definition des Bildgegenstands
erlauben. Da Bildgrund und Bildgegenstand häufig ineinander
übergehen und zudem der weiße Papiergrund als Lichtträger
fungiert, ist vielmehr ein spontanes Vorgehen sowie eine feine
sensualistische Erfassung derselben erforderlich.
Alle diese Voraussetzungen lassen erkennen, daß neben der
bravourösen Beherrschung der Technik und einer Vorliebe für
die eher gestische Malerei auch und vor allem eine extreme Konzentration
beim Malvorgang notwendig ist. Gerade von der asiatischen und
von ihr inspirierten westlichen Tuschemalerei ist die enge Verbindung
mit der Meditation (und in Asien mit der Religion überhaupt)
bekannt. Der deutsche Künstler Julius Bissier hat ausführlich
beschrieben, wie sich nach einer tiefen Meditationsphase aus einer
starken Konzentration und Anspannung heraus das Kunstwerk plötzlich,
schnell und ohne unmittelbare Beteiligung des Intellekts wie in
einer Explosion entlädt und Gestalt annimmt.
In ihrer langen Tradition hat die asiatische Aquarell- und Tuschemalerei
eine eigenständige Technik, formale Ausprägung und inhaltliche
Dimensionen herausgebildet, die sowohl beim Kunstschaffenden wie
auch beim Kunstinteressierten eine gewisse "innere Haltung"
und ein gehobenes Bildungsniveau voraussetzen, abgesehen von der
langen, nicht selten lebenslangen Ausbildung und Verfeinerung
des technischen Könnens. Darin unterscheidet sich die asiatische
Kunsttradition beträchtlich von der westlichen Aquarellmalerei,
die sich wegen ihrer unkomplizierten Verfügbarkeit und scheinbar
einfachen Technik seit der Zeit ihrer stärksten Verbreitung
(im 18. und 19. Jahrhundert) auch bei Dilettanten (hier gemeint
im ursprünglichen Wortsinne: Liebhaber) großer Beliebtheit
erfreut.
Laut Untersuchungsbefunden brachten schon die frühen Hochkulturen
des östlichen Mittelmeerraums die Aquarelltechnik in der
Wand- und Miniaturmalerei zum Einsatz. Als Flächenkolorierung
wurde sie eher beiläufig auch in der mittelalterlichen Buchmalerei
und der nachträglich farbigen Gestaltung von Holzschnitten
im 15. und 16. Jahrhundert angewendet.
Durch Albrecht Dürer und seine eher privaten Landschafts-,
Tier- und Pflanzenskizzen erhält die Aquarelltechnik erstmals
einen eigenständigen Charakter und kann in ihrer Verwendung
als persönliches Ausdrucksmittel als Vorläufer der eigentlich
erst im 18. Jahrhundert einsetzenden Aquarellmalerei gewertet
werden.
Die allgemeine Verbreitung von Papier im Verlaufe des 15. Jahrhunderts
stellt dabei eine wesentliche Voraussetzung zur Entwicklung und
Verbreitung des Aquarells in Europa dar. Da das Aquarell nur in
Epochen und von Künstlern mit einer gewissen Affinität
zu den gegebenen technischen und farblichen Ausdrucksmöglichkeiten
gepflegt wurde, läßt sich jedoch keine kontinuierliche
Geschichte der Aquarellmalerei, bzw. keine lückenlose, durch
alle Jahrhunderte gehende Verwendung nachweisen.
Speziell in England verbreitete sich im 18. Jahrhundert eine Vorliebe
für diese Technik, die 1804 zur Gründung der "Society
of Painters in Water Colour" in London führte, später
"Old Water Colour Society" genannt. Bereits 1770 erschien
dort das erste maltheoretische Werk: "Art of Drawing and
Painting in Water Colours". Und nicht zuletzt der englische
Künstler William Turner trug durch seine atmosphärischen
und visionären Landschaftsimpressionen entscheidend zur Selbständigkeit
und Originalität des Aquarells als eigene Gattung bei.
Die bequeme Handhabung vor allem auf Reisen hat im 19. Jahrhundert
erheblich die Beliebtheit des Aquarells bei Künstlern und
Laien gesteigert, wie auch das damit verbundene traditionell kleine
Format eine spezifische Form der Rezeption hervorgebracht hat.
Die technischen Vorgaben und das spontane Vorgehen kennzeichnen
eine eher freiheitliche und antiklassische Haltung, wodurch besonders
die antiakademischen, modernen Maler/innen das Aquarell als Gattung
für sich entdeckten und bevorzugten: Zunächst die "freiluftmalenden",
an flüchtigen atmosphärischen Augenblicken interessierten
Impressionisten, dann die von gesteigerter Farbe und Form begeisterten
Fauves und Expressionisten. Für manche Maler wurde das Aquarell
gar ihr persönliches Ausdrucksmittel und angestammtes Medium,
wie beispielsweise für Emil Nolde, der wie kaum ein anderer
die Blumen-, Landschafts-, Genre- und sogar Bibelmotive in freischwingenden,
breiten und stark farbigen Pinselschwüngen ausdrucksstark
und bewegend festzuhalten vermochte.
Nach diesen Vorleistungen und Zusammenhängen scheint das
Aquarell für die moderne und gegenstandslose Kunst geradezu
prädestiniert, und es gibt in der Kunst seit 1945 immer wieder
Künstler/innen, die das Aquarell als ihr eigentliches künstlerisches
Medium sehen (wie WOLS, Julius Bissier, Bernhard Schultze, Gotthard
Graubner, Douglas Swan, Eun Nim Ro, Michael Buthe). Gleichwohl
dient sie den meisten modernen und zeitgenössischen Künstlern/innen
nicht als Hauptgestaltungsmittel oder nur für bestimmte Zwecke
(z. B. als Skizze, zur Demonstration oder als Edition) wie beispielsweise
bei Joseph Beuys und Franz Erhard Walther.
Diese scheinbare und damit zu hinterfragende Vernachlässigung
sowie eine offensichtlich fehlende theoretische Auseinandersetzung
mit diesem Thema und seinen Phänomenen bedürfen einer
aktuellen Bestandsaufnahme, um die Geschichte des Aquarells, seine
Bedeutung für die heutige Zeit und eventuelle Entwicklungstendenzen
beschreiben zu können. Sie geben Anlaß zur Frage nach
dem "neuen" Aquarell und zur Einrichtung einer Biennale
unter diesem Titel.
Der freie und experimentelle Umgang mit Materialien, Techniken,
Gattungen und sogar mit der Funktion von Kunstwerken überhaupt
in der zeitgenössischen Kunstszene läßt die Vermutung
zu, daß auch das Aquarell einer modernen Wandlung unterworfen
sein könnte und daß hinsichtlich Bildträger, Malmaterialien
und Format (inbegriffen auch die räumliche Dimension) ungewohnte
Kombinationsmöglichkeiten und Erscheinungsformen und damit
spannungsvolle Kunstwerke vorstellbar sind.
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