Zurück   Startseite   Druckversion 19. August 1999

Einführung in die Geschichte und Technik des Aquarells

Marion Feld

In der Rezeptionsgeschichte unseres Jahrhunderts ist das Aquarell bis heute vor allem bei Laien und Kunstinteressierten außerordentlich präsent und beliebt. Dies hat seine Ursache hauptsächlich in einer konkreten Vorstellung von Motivwahl und einer lebendigen und anziehenden Farbwirkung: Zarte, duftige, fließende Farben, weiche Übergänge und transparente Überlagerungen, Kompositionen aus Flächen und Flecken anstelle von linear-zeichnerischen Bildelementen. Und nicht zuletzt ist es wohl die eigene, persönliche Erfahrung im Umgang mit der Aquarellmalerei - sei es auch nur mit den Farben des Schulmalkastens -, die die Liebe zum Aquarell begründet. Das unmittelbare Farberlebnis, das mit großem Staunen, Überraschung und Freude beobachtete und erlebte Verhalten der Farben, üben bis heute eine ungebrochene Anziehung aus.

Die Bezeichnung "Aquarell" leitet sich mit "aqua" für Wasser aus der lateinischen Sprache her, so daß man in vereinfachter Form von Wasserfarbenmalerei sprechen kann. Dies bezieht sich allerdings nur auf das Wasser in seiner Funktion als Transportmittel zwischen den gepreßten Aquarellfarben und dem Untergrund/Träger. Denn in der Regel, d. h. bei der traditionellen Aquarellmalerei, werden die feinstgemahlenen und mit einem Bindemittel (wie Leim, Gelatine oder Gummiarabicum) in Tiegeln verfestigten Mineralpigmente mit Wasser gelöst und aufgemischt und mittels spezieller Aquarellpinsel auf ein saugfähiges Papier gebracht. Dieses ist traditionsgemäß ein weißes, strukturiertes, heutzutage meist industriell gefertigtes Papier (oder Karton) mit einer gerauhten, körnigen Oberfläche.

Andere Untergründe - insbesondere andere Papiere (wie Bütten, Handschöpfpapiere mit deutlichen Strukturen oder asiatische Papiere) - ergeben jeweils spezielle Effekte und setzen in der Regel ein hohes technisches Niveau und eine lange Erfahrung voraus. Verwendet werden außerdem Spezialtuschen (oder -tinten), die in Asien sogar bevorzugt werden. Tusche bindet Pigmente oder Farbstoffe (z. B. Ruß) in einer größeren Bindemittelmenge und trocknet rasch als feiner, unkorrigierbarer Film auf, weshalb eine große Fertigkeit im schnellen Auftrag erforderlich ist.

Der Auftrag der Aquarellfarben erfolgt - bedingt durch die wäßrige Substanz - lasierend von hell und zart nach dunkel und gesättigt, wobei der weiße Papieruntergrund durchscheint oder als partiell freibleibende weiße Fläche bewußt in die Komposition einbezogen wird. Lichter können nicht nachträglich gesetzt werden, sondern müssen, von Beginn an konzipiert, beim Malvorgang ausgespart werden. Diesem, gegenüber den übrigen Maltechniken entgegengesetzten Vorgehen muß ein äußerst flexibles Denken und intuitives Handeln entsprechen.

Farbtöne sind heute in vielen Nuancen vorgefertigt erhältlich; dennoch wird vielfach das alte Ideal verfolgt, aus den drei Primärfarben (gelb, rot und blau) sämtliche Mischtöne selbst herzustellen: Entweder wird auf der Palette der gewünschte Mischton vor dem Malen erzeugt, oder die Mischung entsteht durch Ineinanderarbeiten oder Schichtenüberlagerung direkt auf dem Malgrund. Dabei ergeben sich durch Mischung, Überlagerung und Sättigungsstufen nahezu unendlich viele Nuancen. Dies bleibt auch beim vollendeten Werk stets erkennbar, und der Umgang mit der Farbe, das "Lavieren", ist bei keiner anderen Technik so direkt nachvollziehbar. Neben der durch die Modulationsfähigkeit erreichten Subtilität sind es auch die wahrnehmbare künstlerische Idee, eine typische, individuelle "Handschrift" und nachzufühlende Impulsivität, die den spezifischen, hohen optischen Reiz des Aquarells ausmachen und es damit als äußerste Möglichkeit des rein malerischen Gestaltens erscheinen lassen.

Ein saugfähiges Papier läßt die Farben bei minimalstem punktuellen Kontakt sofort auseinanderlaufen. Durch die rasche Trocknung entstehen dann (meist unerwünschte) Farbränder oder Randzonen, die kaum zu korrigieren sind. Dieser Prozeß kann als ein bewußtes Gestaltungselement durchaus beabsichtigt sein, läßt sich jedoch durch einen angefeuchteten Untergrund (seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlich) oder durch eine spezielle Präparierung verzögern und vermeidet somit in gewissem Grade eine Randbildung. Eine gezielte Steuerung ist wiederum nur bei einer meisterhaften Beherrschung der technischen Gegebenheiten möglich.

Daraus resultiert, daß die Aquarell- und Tuschemalerei keine zeichnerischen und linearen Kompositionen (allenfalls eine Bleistiftvorskizze) und die fließenden Farben keine feste Definition des Bildgegenstands erlauben. Da Bildgrund und Bildgegenstand häufig ineinander übergehen und zudem der weiße Papiergrund als Lichtträger fungiert, ist vielmehr ein spontanes Vorgehen sowie eine feine sensualistische Erfassung derselben erforderlich.

Alle diese Voraussetzungen lassen erkennen, daß neben der bravourösen Beherrschung der Technik und einer Vorliebe für die eher gestische Malerei auch und vor allem eine extreme Konzentration beim Malvorgang notwendig ist. Gerade von der asiatischen und von ihr inspirierten westlichen Tuschemalerei ist die enge Verbindung mit der Meditation (und in Asien mit der Religion überhaupt) bekannt. Der deutsche Künstler Julius Bissier hat ausführlich beschrieben, wie sich nach einer tiefen Meditationsphase aus einer starken Konzentration und Anspannung heraus das Kunstwerk plötzlich, schnell und ohne unmittelbare Beteiligung des Intellekts wie in einer Explosion entlädt und Gestalt annimmt.

In ihrer langen Tradition hat die asiatische Aquarell- und Tuschemalerei eine eigenständige Technik, formale Ausprägung und inhaltliche Dimensionen herausgebildet, die sowohl beim Kunstschaffenden wie auch beim Kunstinteressierten eine gewisse "innere Haltung" und ein gehobenes Bildungsniveau voraussetzen, abgesehen von der langen, nicht selten lebenslangen Ausbildung und Verfeinerung des technischen Könnens. Darin unterscheidet sich die asiatische Kunsttradition beträchtlich von der westlichen Aquarellmalerei, die sich wegen ihrer unkomplizierten Verfügbarkeit und scheinbar einfachen Technik seit der Zeit ihrer stärksten Verbreitung (im 18. und 19. Jahrhundert) auch bei Dilettanten (hier gemeint im ursprünglichen Wortsinne: Liebhaber) großer Beliebtheit erfreut.

Laut Untersuchungsbefunden brachten schon die frühen Hochkulturen des östlichen Mittelmeerraums die Aquarelltechnik in der Wand- und Miniaturmalerei zum Einsatz. Als Flächenkolorierung wurde sie eher beiläufig auch in der mittelalterlichen Buchmalerei und der nachträglich farbigen Gestaltung von Holzschnitten im 15. und 16. Jahrhundert angewendet.

Durch Albrecht Dürer und seine eher privaten Landschafts-, Tier- und Pflanzenskizzen erhält die Aquarelltechnik erstmals einen eigenständigen Charakter und kann in ihrer Verwendung als persönliches Ausdrucksmittel als Vorläufer der eigentlich erst im 18. Jahrhundert einsetzenden Aquarellmalerei gewertet werden.

Die allgemeine Verbreitung von Papier im Verlaufe des 15. Jahrhunderts stellt dabei eine wesentliche Voraussetzung zur Entwicklung und Verbreitung des Aquarells in Europa dar. Da das Aquarell nur in Epochen und von Künstlern mit einer gewissen Affinität zu den gegebenen technischen und farblichen Ausdrucksmöglichkeiten gepflegt wurde, läßt sich jedoch keine kontinuierliche Geschichte der Aquarellmalerei, bzw. keine lückenlose, durch alle Jahrhunderte gehende Verwendung nachweisen.

Speziell in England verbreitete sich im 18. Jahrhundert eine Vorliebe für diese Technik, die 1804 zur Gründung der "Society of Painters in Water Colour" in London führte, später "Old Water Colour Society" genannt. Bereits 1770 erschien dort das erste maltheoretische Werk: "Art of Drawing and Painting in Water Colours". Und nicht zuletzt der englische Künstler William Turner trug durch seine atmosphärischen und visionären Landschaftsimpressionen entscheidend zur Selbständigkeit und Originalität des Aquarells als eigene Gattung bei.

Die bequeme Handhabung vor allem auf Reisen hat im 19. Jahrhundert erheblich die Beliebtheit des Aquarells bei Künstlern und Laien gesteigert, wie auch das damit verbundene traditionell kleine Format eine spezifische Form der Rezeption hervorgebracht hat.

Die technischen Vorgaben und das spontane Vorgehen kennzeichnen eine eher freiheitliche und antiklassische Haltung, wodurch besonders die antiakademischen, modernen Maler/innen das Aquarell als Gattung für sich entdeckten und bevorzugten: Zunächst die "freiluftmalenden", an flüchtigen atmosphärischen Augenblicken interessierten Impressionisten, dann die von gesteigerter Farbe und Form begeisterten Fauves und Expressionisten. Für manche Maler wurde das Aquarell gar ihr persönliches Ausdrucksmittel und angestammtes Medium, wie beispielsweise für Emil Nolde, der wie kaum ein anderer die Blumen-, Landschafts-, Genre- und sogar Bibelmotive in freischwingenden, breiten und stark farbigen Pinselschwüngen ausdrucksstark und bewegend festzuhalten vermochte.

Nach diesen Vorleistungen und Zusammenhängen scheint das Aquarell für die moderne und gegenstandslose Kunst geradezu prädestiniert, und es gibt in der Kunst seit 1945 immer wieder Künstler/innen, die das Aquarell als ihr eigentliches künstlerisches Medium sehen (wie WOLS, Julius Bissier, Bernhard Schultze, Gotthard Graubner, Douglas Swan, Eun Nim Ro, Michael Buthe). Gleichwohl dient sie den meisten modernen und zeitgenössischen Künstlern/innen nicht als Hauptgestaltungsmittel oder nur für bestimmte Zwecke (z. B. als Skizze, zur Demonstration oder als Edition) wie beispielsweise bei Joseph Beuys und Franz Erhard Walther.

Diese scheinbare und damit zu hinterfragende Vernachlässigung sowie eine offensichtlich fehlende theoretische Auseinandersetzung mit diesem Thema und seinen Phänomenen bedürfen einer aktuellen Bestandsaufnahme, um die Geschichte des Aquarells, seine Bedeutung für die heutige Zeit und eventuelle Entwicklungstendenzen beschreiben zu können. Sie geben Anlaß zur Frage nach dem "neuen" Aquarell und zur Einrichtung einer Biennale unter diesem Titel.

Der freie und experimentelle Umgang mit Materialien, Techniken, Gattungen und sogar mit der Funktion von Kunstwerken überhaupt in der zeitgenössischen Kunstszene läßt die Vermutung zu, daß auch das Aquarell einer modernen Wandlung unterworfen sein könnte und daß hinsichtlich Bildträger, Malmaterialien und Format (inbegriffen auch die räumliche Dimension) ungewohnte Kombinationsmöglichkeiten und Erscheinungsformen und damit spannungsvolle Kunstwerke vorstellbar sind.


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